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Rentenmarkt : Tabakanleihen trotz Urteils noch nicht aus dem Schneider

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Bild: FAZ.NET

Die amerikanische Regierung ist vor dem höchsten Gericht mit einer Multimilliardenklage gegen die Tabakkonzerne Altria und British American Tobacco gescheitert. Deren Anleihen reagieren aber kaum auf die gute Nachricht. Das hat Gründe.

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          Am Montag nachmittag dürften Vorstände der Tabakkonzerne Altria/Philipp Morris und British American Tobacco (B.A.T.) erleichtert durchgeatmet haben. Denn die Unternehmen haben einen wichtigen Teilerfolg in der Reihe von Gerichtsverfahren in den Vereinigten Staaten erzielt, in deren Verlauf milliardenschwere Strafen drohen: Der oberste Gerichtshof des Landes hat das Gesuch der amerikanischen Bundesregierung zurückgewiesen, ein Verfahren gegen Altria und B.A.T. wiederaufzunehmen und die Klagesumme von 280 Milliarden Dollar wieder einzusetzen.

          Die Anleihen beider Konzerne mit mittellanger Laufzeit reagierten auf die gute Nachricht mit kleineren Kursgewinnen - durchgestartet sind sie aber nicht. Gleiches gilt für die Altria-Zinstitel mit Fälligkeit 2012 und 2013. Auch am Dienstag treten die Kurse der Anleihen weitgehend auf der Stelle; die 2012 auslaufende Anleihe verliert sogar mit einem Minus von 17 Basispunkten recht deutlich an Boden und notiert als einzige unter dem Rücknahmekurs.

          Und die verhaltene Kursreaktion hat Gründe, die nicht zuerst im wenig bewegten Marktumfeld zu suchen sind. Vielmehr sind die genannten Tabakkonzerne noch nicht aus dem Schneider. Denn einige Fälle mit möglichen Milliardenstrafen als Folge laufen noch. Zudem gibt es bei Altria Planspiele, den Konzern aufzuspalten. „Die Folgen für die Anleihegläubiger sind derzeit noch nicht abzusehen. Rating-Verschlechterungen können aber nicht ausgeschlossen werden“, urteilt Nina Kilb von der DZ Bank.

          Unklare Aussichten und hohes Drohpotential

          Aus den Reihen der beiden Tabakkonzerne ist der Beschluß des obersten Bundesgerichts kühl-nüchtern als „angemessen“ kommentiert worden. Das mag angesichts der Tragweite verwundern. Andererseits müssen sie sich mit dem Gedanken beschäftigen, im anhängigen Prozeß doch verurteilt zu werden. Altria und B.A.T. „müssen maximal über einen Zeitraum von fünf Jahren zehn Milliarden Dollar für Raucherentwöhnungsprogramme sowie vier weitere Milliarden Dollar für einen Zeitraum von zehn Jahren für öffentliche Aufklärungskampagnen zahlen“, erläutert Kilb. Bei Altria schlügen diese Summen mit 1,2 Milliarden Dollar zu Buche. Eine Entscheidung sei für die nächsten Tage zu erwarten.

          Weitere nachteilige Nachrichten könnten aus Sicht der DZ Bank-Analystin und ihrer Kollegen bei der HSH Nordbank zwei weitere Prozesse bringen, die sogenannten Miles- und Engle-Verfahren. „Im Engle-Fall droht eine Fortführung als Sammelklage. Die Klagesumme wären 145 Milliarden Dollar.“ Im Miles-Fall geht es demnach „nur“ um 10,1 Milliarden Dollar. Aber: Sollte dieser Prozeß zu Lasten von Altria ausgehen, drohten weitere ähnliche Klagen.

          Die HSH Nordbank bleibt angesichts der unklaren Aussichten und des Drohpotentials bei ihrer Empfehlung, von den Altria- und B.A.T.-Anleihen die Finger zu lassen. Altria-Zinstitel sind aus der Sicht von Kilb nach wie vor „underperformer“, die hinter Vergleichsanleihen zurückbleiben dürften. B.A.T.-Papiere hat sie indes auf „marketperformer“ hochgestuft, sieht sie also als Halte-Position an. Dabei rangieren Altria und B.A.T. bei den Ratingagenturen Fitch, Moody's und Standard&Poor's im unteren Investment-Segment, gelten also als ordentliche Schuldner.

          Nur geringere Risikoprämieren gegenüber Konkurrenztiteln

          Gemessen an den Renditen von Bundesanleihen bieten deren Anleihen recht deutliche Renditeaufschläge. Die 2012 fällige B.A.T.-Anleihe bringt 3,86 Prozent, eine entsprechende Bundesschuld 3,03 Prozent. Bei dem ein Jahr darauf zurückzuzahlenden B.A.T.-Titel beträgt das Verhältnis 3,955 Prozent zu 3,13 Prozent. Das 2008 auslaufende Altria-Papier rentiert mit 3,2 Prozent, eine Bundesanleihe gleicher Laufzeit mit 2,63 Prozent.

          Zum weiteren Vergleich: Ein 2008 fälliger Titel des britischen Konkurrenten Gallaher kommt auf knapp drei Prozent und ein Papier der Finanztochter der französisch-spanischen Altadis SA auf gut drei Prozent. In der etwas niedrigeren Risikoprämie von Gallaher und Altadis dürfte auch der Umstand zum Ausdruck kommen, daß diese Konzerne nicht mit Klagen in Amerika konfrontiert sind.

          Oder anders: Angesichts des Drohpotentials besonders zu Lasten von Altria stellt sich die Frage, ob die Risikoprämien bei deren Anleihen hoch genug ist, um die Zinstitel attraktiv erscheinen zu lassen. Zumal die Rentenmärkte zuletzt insgesamt zurückgesteckt haben, die Renditen also gestiegen sind. Für konservative Naturen sind Altria- und B.A.T.-Anleihen mithin weiterhin nichts.

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