https://www.faz.net/-gv6-x8u8

Rentenmarkt : Platzt die „Fed-Blase“ am Rentenmarkt?

  • Aktualisiert am

Bild: UniCredit Research

Plötzliche Kurs- und Renditebewegungen am amerikanischen Rentenmarkt können zu systemischen Risiken führen, da sich viele Anleger nicht dagegen abgesichert haben. Sie hätten sich dann von der amerikanischen Zentralbank einlullen lassen.

          An den amerikanischen Märkten für fest verzinsliche Wertpapiere gab es in den vergangenen Wochen beeindruckende Kursbewegungen. Auf der einen Seite stiegen die Renditen der länger laufenden Staatsanleihen deutlich. Papiere mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren rentierten am Dienstag mit 3,65 Prozent, nach 2,88 Prozent Anfang November. Die Rendite von Treasuries mit einer Laufzeit von 30 Jahren stieg von 3,61 auf 4,5 Prozent.

          Das ist viel. Denn gerade bei Zinspapieren mit sehr langen Laufzeiten und geringen Kupons ist das Preisänderungsrisiko, genannt Duration, enorm. So kann es kaum verwundern, dass der Preis des sich auf 30-jährige amerikanischen Staatsanleihen beziehenden Terminkontraktes am Chicago Board of Trade von 133 20/32 Anfang Oktober auf bis zu 119 19/32 gefallen ist, bevor es am Mittwoch zu einer leichten Kurserholung kam.

          Plötzliche Kurs- und Renditebewegung am amerikanischen Rentenmarkt...

          Das ist und war jedoch nicht alles. Denn gleichzeitig haben die Spreads beziehungsweise die Zinsabstände der Zinspapieren, die von Emittenten schlechterer Bonität ausgegeben wurden, deutlich zu genommen. Das gilt auch für jene, die von regionalen und kommunalen Institutionen ausgegeben worden sind oder die sich auf Immobilienkredite beziehen.

          Plötzliche Kursbewegungen solcher Art mögen überraschen, lassen sich allerdings erklären, so Christopher Whalen von Institutional Risks Analytics in New York. Die amerikanische Zentralbank habe in der Vergangenheit mit ihren Wertpapierkäufen zunächst den Markt verzerrt. Sie hätten beispielsweise dazu beigetragen, dass die Volatilitätsindizes an den Aktienmärkten so tief gefallen seien. Auf der Zinsseite habe sie Duration (Zinsänderungsrisiken) aus dem Markt genommen.

          Nachdem sie diese Käufe abgeschlossen hatte und ankündigte, bei der nächsten Runde der Käufe nur noch Staatsanleihen erwerben zu wollen, und nachdem gleichzeitig die Stützungsprogramme für die Anleihen finanziell äußerst strapazierter Kommunen (Build America Bond Program, starke Steuerausfälle) ausliefen, mussten und müssen sich die Marktteilnehmer auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen. Das führte nach einer Rekordentwicklung im Oktober zunächst einmal zu Gewinnmitnahmen, so Whalen. Schließlich hatten die Anleger ihre zuletzt getätigten Käufe nicht gegen Kursrückschläge abgesichert, weil sie davon ausgegangen waren, die amerikanische Zentralbank werde weiterhin für Stabilität sorgen. Diese Gewinnmitnahmen haben die Renditen bei Staatsanleihen um einen Basispunkt steigen lassen und bei Papieren minderer Qualität sogar um drei oder vier Prozentpunkte.

          ... sorgt für systemische Risiken, da sich viele Anleger nicht dagegen abgesichert hatten

          Diese Entwicklung war schlecht für börsengehandelte Immobilien- und Indexfonds und Banken, die dagegen nicht abgesichert waren. Sie wurden von ihren Kreditgebern dazu gezwungen, frisches Kapital einzuschießen. „Es besteht die Gefahr, dass über diesen Mechanismus die nächste von der amerikanischen Zentralbank geschaffene Blase platzt,“ sagt Christopher Whalen. Er kenne einige Personen aus dem Metier, die sich darüber schon eine Weile Sorgen machten. Plötzliche Liquiditätsengpässe könnten einzelne Fonds, die sich nicht gegen eine adverse Zinsentwicklung abgesichert hätten, kollabieren lassen, fürchtet er.

          Nachdem die amerikanische Zentralbank die Zinsänderungsrisiken über längere Zeit aus dem Markt genommen habe, käme es nun zu einer Gegenbewegung, wenn Marktteilnehmer sich plötzlich anpassen und sich gegebenenfalls absichern müssten. Bei wem klar sei, welche Positionen er habe, der laufe bei jedem Versuch sich abzusichern Gefahr, über den Tisch gezogen zu werden. Dieses Risiko werde verstärkt durch die Tatsache, dass in den vergangenen Monaten im Markt für Hypothekarpapiere bei zurückgehenden Vorauszahlungen die Tendenz bestanden habe, Laufzeiten zu verlängern. Auf diese Weise habe sich das Zinsänderungsrisiko in der ersten Hälfte des laufenden Jahres in Teilen sogar verdoppelt.

          Die Zentralbank könne es weder aus praktischen noch aus politischen Überlegungen leisten, die mittel- und langfristigen Zinsen zu manipulieren. Die einzige Hoffnung sei, dass institutionelle Anleger bei steigenden Renditen als Käufer aufträten und den Markt auf diese Weise stabilisierten.

          Tatsächlich erklärte Rentenmarkt-Fondsmanager Jeff Gundlach von Double-Line, der Renditeanstieg sei angesichts der deflationären Risiken überzogen. Das inzwischen erreichte Renditeniveau sei angesichts der ernormen Verschuldung des Staates gefährlich geworden. Allerdings sei der Rentenmarkt von einem Extrem ins andere verfallen Weitere Kursrückschläge stellten Kaufgelegenheiten dar. Tatsächlich kann man auf Gundelach hören. Denn er schlägt sich besser als der bekannte Bill Gross von Pimco.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel.

          Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

          Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.
          Demonstranten und Anwohner vor einer Polizeistation am Mittwochabend

          Plötzliche Disruption : „Ihr habt keine Heimat!“

          Nie waren sich Hongkonger und Festlandchinesen ferner als in diesen Tagen. Schon deshalb ist mit Unterstützung nicht zu rechnen. Chronik einer Eskalation
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.