https://www.faz.net/-gv6-nywc

Rentenmarkt : Das kurze Ende hat das Nachsehen

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Groß war das Erstaunen am Morgen, als die langfristigen Renditen zu Handelsbeginn um mehr als 100 Basispunkte stiegen, während sich am kurzen Ende kaum etwas bewegte. Mittlerweile haben sich die Märkte beruhigt - doch die Tendenz zur Invertierung der Zinsstruktur ist evident.

          3 Min.

          Für viel Wirbel hat der ungewöhnlich deutliche Hinweis der EZB am Freitag gesorgt, dass man wohl bereits im Juli die Leitzinsen erneut anheben wird. Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill etwa führt den sensationellen Anstieg des Ölpreises am Freitag darauf zurück.

          „Angesichts der Aussagen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ist der Dollar wieder unter Druck geraten und dies hat abermals Auftrieb beim Ölpreis ausgelöst“, sagte O'Neill am Sonntag am Rande einer Wirtschaftskonferenz in St. Petersburg. Er verwies darauf, dass der starke Anstieg zu einem Zeitpunkt gekommen sei, wo sich eigentlich eine Stabilisierung des Ölpreises abgezeichnet habe.

          Schreck in der Morgenstunde

          Erwartungsgemäß zeigen sich die Aktienmärkte darob am Montag deutlich schwächer. Doch die heftigsten Bewegungen gibt es am Anleihenmarkt und dort am langen Ende. Entgegen der Voraussage einer behaupteten Tendenz legte der Bund-Future, der Terminkontrakt auf langlaufende Bundesanleihen bis deutlich über 100 Basispunkte zu, bevor er sich dann wieder deutlich beruhigte. Dagegen bleib es am kurzen Ende ruhig: Der Bobl-Future legte in der Spitze weniger als 20 Basispunkte zu und notiert aktuell deutlich im Minus.

          Schrecken der Rentenmärkte?

          Die Wende beim absoluten Renditeniveau ändert die deutliche Tendenz zur strukturellen Verschiebung aber nicht. Derzeit liegen die Renditen für kurzlaufende Anleihen über denen der Langläufer. Während die zehnjährige Bundesanleihe mit 4,37 Prozent rentiert, liegt die Rendite der fünfjährigen Anleihen bei 4,52 Prozent und die der zweijährigen sogar bei 4,70 Prozent.

          Damit ist auch die sukzessive Invertierung der Zinsstrukturkurve weiter, die sich in den vergangenen Wochen ergeben hatte. Offenbar rechnen die Anleihenmärkte nicht nur mit kurzfristig höheren Zinsen, sondern auch mit längerfristig deutlich niedrigeren und spekulieren so auf eine Konjunkturabschwächung.

          Preis steigen kurzfristig

          Dafür lieferten jüngste Meldungen auch wieder Nahrung. Die Bundesbank hat ihrer Inflationsprognose für das laufende Jahr auf drei Prozent angehoben und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) will dieser gleich tun. Die Zentralbanker rechnen 2009 auch mit deutlich höheren Raten von 2,2 statt wie bisher 1,5 Prozent.

          Die Bundesbank betrachtet die Wachstumsrisiken als ausgewogen, sieht aber für die Preisentwicklung sowohl auf kurze als auch auf mittlere Sicht Aufwärtsrisiken. „Ein sich verstärkender Lohnkostendruck könnte bei weiter steigenden Vorleistungspreisen
          neue Preiserhöhungsrunden auslösen“, heißt es in dem Bericht, der auf dem Beitrag der Bundesbank zu dem am Donnerstag veröffentlichten Stabsprojektionen der Europäischen Zentralbank (EZB) basiert.

          Das Preisklima in Deutschland sei derzeit „erheblich eingetrübt“ und dürfte sich nur allmählich aufhellen. Dahinter stünden vor allem die stark gestiegenen Energiepreise, aber auch eine ungünstigere Preistendenz bei Nahrungsmitteln. Erst für das Ende 2008 rechnet die Bundesbank bei schrittweise nachlassendem Preisdruck im Energiebereich und Korrekturen bei Nahrungsmitteln mit Teuerungsraten auf der Verbraucherstufe von weniger als 3 Prozent. „Im Verlauf des Jahres 2009 könnte sich der Preisanstieg auf 2 Prozent ermäßigen“, heißt es.

          Wachstumsraten sinken mittelfristig

          Und während die Bundesbank zudem die Prognose für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr von 1,6 auf kalenderbereinigt 2 Prozent angehoben hat, hat sie gleichzeitig die entsprechende Schätzung für 2009 auf 1,4 Prozent von vormals 2 Prozent gesenkt. Auch die OECD erwartet eine Konjunkturabschwächung und senkte ihre Wachstumsprognose für 2009 um einen halben Prozentpunkt.

          Und damit ist Deutschland noch eine Konjunkturlokomotive im Euroraum. Die EZB rechnet 2008 mit einem Wachstum von 1,5 bis 2,1 Prozent und 2009 von ein bis zwei Prozent. Die Bruttoanlageinvestitionen sollen 2009 sogar sinken. Die Österreichische Nationalbank (OeNB) hat derweil ihre gesamtwirtschaftlichen Prognosen für das Land für 2008 bis 2010 um 0,3 bis . 0,6 Prozentpunkte reduziert.

          Die unterschiedlichen Erwartungen für unterschiedliche Länder des Euroraums spiegelt sich in den Zinsstrukturen wider. So sind die Erwartungen für Deutschland deutlich negativer und werden nur von den für Großbritannien übertroffen, während man für andere europäische Länder wie Frankreich eine eher moderate Entwicklung erwartet, da dort das Wachstum bislang auch nicht so ausgeprägt war.

          Was die Anleihenmärkte fürchten ist eine deutliche Bremsung des Wachstums durch die Inflation. Mahnendes Beispiel könnte etwa Estland sein. Wies das Land im zweiten Quartal 2006 noch die höchste Wachstumsrate in der EU auf, so stand man im ersten Quartal des laufenden Jahres an letzter Stelle.

          Technische Analysten rechnen auf weiter Invertierung der Zinsstruktur

          Die Wirtschaft stagnierte praktisch, Konsum und Exporte fielen. Ursache ist ein beschleunigter Preisauftrieb, der das Verbrauchervertrauen gedämpft und die Kreditzinsen verteuert hat. Zwar spielen auch Sonderfaktoren eine Rolle, weil Russland nach der Schleifung eines sowjetischen Kriegerdenkmals in Tallinn seine Ölausfuhren über estische Häfen gedrosselt hat. Doch das Abebben des Baubooms und fallen Einzelhandelsumsätze sind dadurch nicht hervorgerufen. Mittlerweile rechnet der Internationale Währungsfonds mit einer Rezession im laufenden Jahr. Zweitrundeneffekte des aktuellen Preisdrucks könnten auch im Euroraum für eine weitere Beschleunigung der Inflation sorgen und das Wachstum belasten, wenn sich die Preiserwartungen verfestigen.

          Mittelfristig scheinen die Anleihenmärkte mit einem nachlassenden Preisdruck von den Rohstoffmärkten zu kalkulieren, der die Notenbanken dann in die Lage versetzen würde, die Zinsen wieder herunterzunehmen. Kurzfristig aber werden sie zu weiteren Anhebungen gezwungen sein. Die technischen Analysten von Mizuho rechnen mit einer weiteren Invertierung der Zinsstrukturkurve und einem deutlich niedrigeren Anleihe- gegenüber Geldmarktrenditen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Lockerungen : Merkel nennt Ramelows Äußerungen „zweideutig“

          Die Kanzlerin fordert: Es müsse in grundsätzlichen Fragen Übereinstimmung geben. Kritisch äußert sie sich zu den jüngsten Äußerungen von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Der verkündet ein Treffen der Länderchefs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.