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Rentenmärkte : Staatsanleihen schlagen die meisten Börsen

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Mit Staatsanleihen aus Tschechien, Polen, Japan, Europa und den Vereinigten Staaten konnten europäische Anleger in den vergangenen Monaten am sichersten Geld verdienen. Turbulenzen und disinflationäre Tendenzen sorgen für Kursphantasie.

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          Mit Staatsanleihen aus Tschechien, Polen, Europa und den Vereinigten Staaten konnten europäische Anleger in den vergangenen Monaten am sichersten gutes Geld verdienen. Tschechische Papiere mit Restlaufzeiten zwischen fünf und sieben Jahren erbrachten seit Anfang Juli des vergangenen Jahres einen Gesamtertrag aus Kupons, Kurs- und Wechselkursgewinnen von 26,5 Prozent.

          Es gab zwar auch einige wenige exotische Indizes wie den MSCI Mauritius, den Tunis Stock Exchange Index, den Blom-Index im Libanon oder den Muscat Securities Market Index, die noch etwas besser liefen. Es fragt sich jedoch, wer angesichts der andauernden Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten dort investieren könnte und wollte.

          Massive Kursverluste an exotischen und vielen Schwellenländerbörsen

          Dagegen befinden sich beinahe alle anderen Märkte in der Defensive. Besonders ausgeprägt sind und waren die Kursverluste dort, wo sie im Rahmen der undifferenzierten, Kredit getriebenen Liquiditätshausse der Jahre 2003 bis 2007 am deutlichsten nach oben gelaufen waren: In Island, in der Ukraine, in Jugoslawien, in Irland, in Rumänien und nicht zuletzt auch in Vietnam, Zypern und Pakistan.

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          In Russland kam es in den vergangenen Wochen zu einem wahren Crash und selbst in Indien und China gingen die Kurse massiv zurück. Die Beteuerungen vieler Strategen, die Märkte in den Schwellenländern könnten sich von finanziellen und wirtschaftlichen Turbulenzen in den industrialisierten Staaten abkoppeln, wurden auf diese Weise von den Märkten eindeutig widerlegt. Selbst die Rohstoffmärkte befinden sich mehrheitlich ein einer ausgeprägten Korrekturphase.

          Angesichts der andauernden Turbulenzen dürfte die Korrekturphase längst nicht abgeschlossen sein. Die Kreditkrise führt aller Orten zu Refinanzierungsschwierigkeiten. Aus diesem Grund sind immer mehr Finanzunternehmen und Marktteilnehmer dazu gezwungen, unabhängig von allen fundamentalen Faktoren dort Kasse zu machen, wo der Markt noch funktioniert.

          Dazu kommen die realwirtschaftlichen Effekte. Die konjunkturellen Indikatoren deuten sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa auf eine schwache Entwicklung hin. Davon dürften sich die Schwellenländer kaum abkoppeln können, da ihre Produkte und Dienstleistungen bisher letztlich zu einem großen Teil in den entwickelten Staaten verkauft wurden.

          Nimmt nun die Nachfrage ab, steigen die Überkapazitäten, die wiederum zu disinflationären oder gar deflationären Impulsen führen. In diesem Rahmen können die Ertragsmargen der Unternehmen sowie die Rohstoffpreise weiter unter Druck geraten, während die Kurse für Staatsanleihen weiter nach oben laufen würden. Solche Erwartungen mögen zunächst unsinnig aussehen. Allerdings gibt es weitsichtige Strategen wie zum Beispiel Gary Shilling (siehe auch: „Das systemische Risiko ist gewaltig“ und ein Interview aus dem vergangenen Jahr: „Ich würde gegenwärtig keine Aktien kaufen“), die genau das erwarten. Davon abgesehen kann der japanische Markt als mögliches Beispiel gelten. Immerhin sind dort die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen von 8,46 Prozent im September des Jahres 1990 auf bis zu 1,05 Prozent im Juni des Jahres 2003 gefallen. Seitdem laufen sie seitwärts, obwohl die Inflationsrate in den vergangenen Monaten deutlich angezogen hat.

          Selbst amerikanische Staatsanleihen legen trotz negativer Realzinsen zu

          Selbst mit amerikanischen Staatsanleihen lässt sich trotz der zunehmenden Verschuldung des Landes schon seit Monaten Geld verdienen. Die Flucht in die Sicherheit hat ihre Rendite weit unter die Inflationsrate gedrückt. Bei den 30-jährigen Treasuries liegt die Realrendite nunmehr so weit im negativen Bereich wie seit mindestens 1980 nicht mehr. Bei den Zweijährigen würden Investoren beim aktuellen Kursniveau eine Jahresrendite von 2,06 Prozent und bei den zehnjährigen Papieren von 3,82 Prozent erzielen - während die Verbraucherpreise mit einer Rate von 5,4 Prozent steigen.

          Die Sorge um die Stabilität hat einen Run auf die amerikanische Staatsanleihen ausgelöst, obwohl Bond-Pessimisten warnen, dass der Anstieg bei den Öl- und Rohstoffpreisen die Inflation anheizen werde. Dabei sind die Anleger gegenüber amerikanischen Staatsanleihen so pessimistisch eingestellt wie seit drei Jahren nicht mehr. Ein Index von Ried, Thunberg & Co. ist von einem Wert von 45 vor einer Woche auf 40 gesunken. Ein Wert unter 50 signalisiert, dass Investoren bis Jahresende mit sinkenden Anleihekursen rechnen. Der Index von Ried, Thunberg misst die Stimmung von Fondsmanagern, die ein Anlagevolumen von insgesamt 1,29 Billionen Dollar verwalten. Der Index befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit dem 22. April 2005. Damals büßten zehnjährige amerikanische Treasuries laut dem Treasury Master Index von Merrill Lynch im darauf folgenden Quartal 2,24 Prozent ein.

          Allerdings können solche Umfragen auch als Gegenindikatoren wahrgenommen werden. Der Staat muss zur Finanzierung des Rettungsplans zwar weitere Treasuries begeben. Nach Schätzungen der Merrill-Lynch-Ökonomen Drew Matus und David Rosenberg wird das Troubled Asset Relief Programm den Finanzbedarf 2009 und 2010 auf 1,5 Billionen Dollar nach oben treiben. Allerdings dürfte das erhöhte Angebot erst dann im Trend negativ auf den Preis durchschlagen, wenn die Interbanken-Geldmärkte wieder normal funktionieren, die Weltwirtschaft ihren Boden und die Anleger den verlorenen Grundoptimismus wiederfinden. Im Moment sind diese Bedingungen nicht erfüllt.

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