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Renten- und Zinsmärkte : Stark erhöhte Versicherungsprämien für Staatsschulden

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Besorgnisse über die Bankenkrise, die eskalierende Wirtschaftskrise in Ost- und Zentraleuropa sowie die drastisch steigenden Schulden vieler Euro-Länder treiben die Prämien für Kreditversicherungen auf ungekannte Höhen.

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          Die Besorgnisse über die Bankenkrise, die eskalierende Wirtschaftskrise in Ost- und Zentraleuropa sowie die drastisch steigenden Schulden vieler Euro-Länder treiben die Prämien für Kreditversicherungen auf ungekannte Höhen. Zur Wochenmitte kostete es beispielsweise jährlich 3.834 Euro, um sich für die nächsten fünf Jahre gegen einen Ausfall von Schulden des irischen Staats im Volumen von 100.000 Euro abzusichern. Auch die Versicherungsprämien für die Absicherung von Schulden des deutschen Staates erreichten ein Rekordhoch - obwohl die Ratingagenturen Bundesanleihen weiterhin höchste Bonität bescheinigen.

          Die Prämien für Kreditausfallversicherungen, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), gelten generell als ein guter Maßstab, wie hoch oder niedrig Anleger das Ausfallrisiko eines bestimmten Schuldners einschätzen.

          Prämien hängen nicht nur von der Ausfallswahrscheinlichkeit ab

          Allerdings hänge die Entwicklung der Versicherungsprämien gerade bei den guten staatlichen Schuldnern auch von anderen Faktoren als der Ausfallerwartung ab, schränkt Philip Gisdakis, ein Fachmann für Kreditderivate bei Unicredit, diese generelle Aussage ein. Deutschland zum Beispiel genieße weithin den Ruf, einer der sichersten Schuldner zu sein. Entsprechend benoteten alle großen Ratingagenturen den deutschen Staat mit der Bestnote AAA.

          Wieso kauft dann überhaupt ein Anleger für teures Geld eine Versicherung, die gegen den Ausfall des deutschen Staates schützt? Möglicherweise hegten manche Anleger eben doch Zweifel an der mittelfristigen Zahlungsfähigkeit des Bundes, meint Ian Stannard, ein Fachmann von BNP Paribas in London. Allerdings mache dies nur Sinn, wenn der Versicherer ein Ausländer sei, beispielsweise eine große amerikanische Bank. Denn wenn selbst der deutsche Staat als Schuldner ausfalle, sei unwahrscheinlich, dass eine deutsche Bank noch fähig sei, einen Versicherungskontrakt zu erfüllen.

          Zuletzt sehr stark gestiegen sind die Risikoprämien für die Versicherung von Schulden der Ukraine. Betrug die Jahresprämie im vergangenen September noch etwa 4 Prozent - oder 4.000 Dollar, um die vollständige Rückzahlung von 100.000 Dollar an Schulden in den nächsten fünf Jahren abzusichern -, so liegt sie aktuell bei fast 43 Prozent. Darin spiegelt sich zweifellos wider, dass Anleger einen Bankrott des ukrainischen Staates befürchten - und deshalb bereit sind, enorm hohe Versicherungsprämien zu zahlen. Ähnlich belaufen sich die Versicherungsprämien für Schulden von Kasachstan derzeit auf jährlich 16 Prozent, von Island auf 10,6 Prozent und von Russland auf 7,6 Prozent.

          Im Euro-Raum haben sich die Risikoprämien für Staatsschulden lange Zeit nach wenigen "Basispunkten" bemessen, also nach einigen Hundertstel eines Prozents des versicherten Schuldenbetrags. Seit der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hat die Empfindlichkeit der Anleger für Ausfallrisiken aber schlagartig zugenommen. Seither haben sich die Risikoprämien für alle Euro-Länder erhöht. Seit Mitte Februar einen besonders starken Anstieg verzeichneten die Prämien für Irland (siehe Graphik). Auslöser dafür waren Berichte, dass der irische Staat in diesem Jahr zur Rettung der angeschlagenen Banken in sehr großem Umfang neue Schulden aufnehmen muss. Manche Anleger machen sich deshalb offenbar Sorgen, dass Irland auf einen Staatsbankrott zugehen könnte.

          ... sondern zum Beispiel auch von der Nachfrage

          Ähnlich haben Sorgen über die mittelfristige Zahlungsfähigkeit Griechenlands auch die Risikoprämien für Schulden dieses Landes nach oben getrieben. Im Falle Österreichs spielt vor allem eine Rolle, dass die Banken dieses Landes sehr stark in Osteuropa engagiert sind. Sollten dort aufgrund der Krise in großem Stil Kredite ausfallen, müsste der österreichische Staat den Banken mit so großen Milliardenbeträgen aushelfen, dass seine eigene Zahlungsfähigkeit in Gefahr geraten könnte, befürchten manche Anleger.

          Mit ähnlichen Ängsten erklären die Analysten von BNP Paribas auch den Anstieg der Risikoprämien für Schulden des deutschen Staates. Laut Gisdakis dürften zu dem Anstieg aber auch andere Faktoren beigetragen haben. Beispielsweise könnte ein asiatischer Investmentfonds für Bundesanleihen ein Anlagelimit von 100 Millionen Euro haben. Angesichts der allgemeinen Unsicherheit könnte er anstreben, noch mehr Bundesanleihen in sein Portefeuille zu nehmen, da diese als besonders sicher gelten. Um den Anlagevorschriften zu genügen, neutralisiere der Fonds das Risiko der bestehenden Position durch Erwerb einer Ausfallversicherung. Diese Nachfrage lasse die Prämie für die Versicherung in der Tendenz steigen, während gleichzeitig die Nachfrage nach Bundesanleihen deren Renditen fallen lasse.

          Ein weiterer Faktor ist, dass mit CDS-Kontrakten lebhaft spekuliert wird. Wer beispielsweise im vergangenen August eine Versicherung auf deutsche Staatsschulden für die nächsten fünf Jahre abgeschlossen hat, musste sich zur Zahlung einer Jahresprämie von 0,05 Prozent (5 Basispunkten) verpflichten. Aktuell beträgt diese Prämie 91 Basispunkte. Wird der Versicherungsvertrag weiterverkauft, gilt als Faustregel für die Preisbestimmung, dass der Käufer dem Verkäufer diese Differenz, hochgerechnet auf die Restlaufzeit des Vertrags, ausbezahlen muss.

          Die Aussicht auf solche Gewinne lockt weitere Käufer an - was dann wiederum einen Anstieg der Prämien auslösen kann. Auch BNP Paribas empfahl unlängst, Versicherungen gegen einen Ausfall des deutschen Staates zu kaufen. Laut Gisdakis zählen CDS-Kontrakte auf deutsche Staatsschulden inzwischen zu den 20 meistgehandelten CDS-Kontrakten überhaupt. Daraus lasse sich aber eben nicht ableiten, dass die Besorgnisse über einen Bankrott des deutschen Staates sprunghaft zugenommen hätten.

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