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Renditen : Die unstillbare Nachfrage nach sicheren Anlagen

Sitz der amerikansichen Zentralbank in Washington Bild: Reuters

Dauerhafter Druck auf die Renditen von Anleihen mit sicherer Bonität führt zu einer „stabilen Blase“. Welche Erklärungsversuche gibt es für dieses Phänomen?

          Nicht nur der Hedgefondsmanager und Ökonom Stephen L. Jen spricht von einem „neuen Anleiherätsel“. Obgleich die amerikanische Notenbank Fed seit Dezember 2015 ihren kurzfristigen Leitzins mehrfach erhöht hat, sind die Renditen amerikanischer Staatsanleihen nicht gestiegen. Im Dezember 2015 rentierten zehnjährige Staatsanleihen ebenso wie heute mit rund 2,20 Prozent. Der ausgebliebene Anstieg der Anleiherenditen ist umso erstaunlicher, als die Fed seit Wochen – aus der Sicht des Marktes: glaubhaft – signalisiert, dass sie vermutlich ab dem Herbst ihre Anleihebestände von mehr als 4 Billionen Dollar nicht länger konstant halten, sondern allmählich reduzieren will. Dies sollte nach älterem Lehrbuchwissen eigentlich einen Anstieg der Renditen begünstigen, aber er bleibt dennoch aus.

          Es gibt ernstzunehmende und weniger ernstzunehmende Erklärungsversuche für dieses Phänomen wie für die seit Jahren generell sehr niedrigen Renditen für Staatsanleihen aus den meisten Industrienationen. Zu den weniger ernstzunehmenden Erklärungsversuchen zählen Thesen aus Finanzunternehmen, nach denen sich die Anleger durch die Eingriffe der Notenbanken seit Jahren wahlweise wie Gedopte oder Sedierte benähmen. Ganz abgesehen davon, dass die Geschichte für die Vereinigten Staaten nicht stimmen kann, weil die Fed ihr jüngstes Anleihekaufprogramm schon im Dezember 2014, also vor zweieinhalb Jahren, eingestellt hat: Aus der Feder von Ökonomen sind Thesen, in denen einer großen Zahl von Marktteilnehmern über einen langen Zeitraum Unzurechnungsfähigkeit bescheinigt wird, Anzeichen für Unwillen oder Unvermögen, wirtschaftliche Vorgänge wirtschaftlich zu erklären.

          Ein neues Phänomen

          In der englischsprachigen Welt gewinnt seit einiger Zeit ein Erklärungsversuch an Popularität, der in der deutschen Finanzszene kaum einmal erwähnt wird. Das ist eine starke Nachfrage nach sicheren Kapitalanlagen („safe assets“), von der vor allem Staatsanleihen mit guter Bonität profitieren. Diese Nachfrage hält die Kurse dieser Anleihen hoch und ihre Renditen niedrig. Um auf die Spur dieses Phänomens zu gelangen, ist es hilfreich, etwas mehr als zehn Jahre in die Vergangenheit zu gehen, als der damalige Fed-Vorsitzende Alan Greenspan ein erstes „Anleiherätsel“ konstatierte: Obgleich die Fed seit dem Jahr 2004 ihren kurzfristigen Leitzins kräftig erhöhte, zogen die Renditen langfristiger Staatsanleihen nicht mit.

          Mehrere Jahre später diagnostizierte Greenspans Nachfolger Ben Bernanke eine sogenannte „Sparschwemme“. Demnach legten die Schwellenländer, und hier vor allem die Chinesen, die aus ihrem Leistungsbilanzüberschuss mit den Vereinigten Staaten stammenden Dollar in amerikanischen Anleihen an. In der Zwischenzeit ist der Leistungsbilanzsaldo zwischen den Vereinigten Staaten und China deutlich zurückgegangen, aber unentwegt fließt Geld aus Schwellenländern, wie übrigens auch aus anderen Industrienationen, in den amerikanischen Anleihemarkt. Dafür muss es eine andere Erklärung geben als die Finanzierung von Handelsdefiziten.

          Das Phänomen der sicheren Kapitalanlagen ist nicht neu. In den Vereinigten Staaten beträgt ihr Anteil an allen Kapitalanlagen nach einer Untersuchung des Ökonomen Gary Gorton seit der frühen Nachkriegszeit stets rund 33 Prozent. Geändert hat sich jedoch die Nachfrage nach diesen Anlagen: Neben heimischen Anlegern und Investoren aus anderen Industrienationen sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Anleger aus den Schwellenländern in Erscheinung getreten. Zu ihnen zählen neben Privatanlegern und privaten Finanzhäusern auch Zentralbanken und Staatsfonds. „Der Auslandsanteil bei amerikanischen Staatspapieren beträgt nun mehr als 20 Prozent des gesamten amerikanischen Anleihemarkts und über die Hälfte des Marktes für amerikanische Staatspapiere“, schreiben die Ökonomen Pascal Golec und Enrico Perotti in einer aktuellen Arbeit. „Die Staatspapiere werden überwiegend von Zentralbanken als Reserven gegen plötzlich Kapitalabflüsse gehalten.“

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