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Rendite auf Rekordtief : Deutsche Anleihen bringen fast nichts mehr

EZB: Die lockere Geldpolitik trägt ihren Teil zum Renditetief der Staatsanleihen bei Bild: Waldner, Amadeus

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist bis auf 1,11 Prozent gefallen. Nun fragt sich der Markt, wann die Marke von 1 Prozent fällt - und damit der Glaube an Bundesanleihen als sicherer Hafen.

          Ob sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble darüber freuen kann, ist fraglich. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt auf einem historisch niedrigen Niveau, der deutsche Staat muss also für seine Schulden immer weniger Zinsen zahlen. Am Mittwoch lag die zehnjährige Rendite mit 1,15 Prozent zwar wieder über dem am Dienstag erreichten Rekordtief von 1,11 Prozent, aber das Niveau bleibt niedrig. Schäubles Freude darüber dürfte deshalb gedämpft sein, weil die Bundesanleihen als sicherer Hafen in Zeiten nervöser Märkte gelten.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wenn ihre Kurse steigen und damit die Renditen sinken, stoßen die Investoren riskante Wertpapiere ab. Deshalb wird die Rendite der Bundesanleihen auch als Indikator der Sorgen an den Märkten interpretiert. Das Rekordtief hat für Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), seinen wesentlichen Grund in den geopolitischen Risiken etwa in der Ostukraine oder in Nahost. Die Anleger wollen ihr Pulver trocken halten, und Bundesanleihen gelten wegen ihrer jederzeitigen Handelbarkeit oftmals auch als Bargeldersatz.

          Europäische Marktzinsen im freien Fall

          Doch Burkert nennt noch eine weitere Ursache: Viele Investoren seien auf dem falschen Fuß erwischt worden, weil sie mit steigenden Zinsen für Bundesanleihen gerechnet hätten. Nun stellten sie fest, dass das Angebot an Anleihen erstklassiger Emittenten knapp geworden sei, und müssten deshalb Bundesanleihen kaufen.

          Tatsächlich sind Schuldner mit erstklassigen Ratings wie „AAA“ (Standard&Poor’s) oder „Aaa“ (Moody’s) selten geworden, nachdem die Vereinigten Staaten oder Frankreich herabgestuft worden sind. Dass sich die Marktzinsen in Europa im freien Fall befinden, lässt sich an den Rekordtiefs verschiedener Staatsanleihen ablesen. So sank die Rendite der zehnjährigen französischen Staatsanleihen auf 1,5 Prozent. In Italien stellen 2,632 Prozent ein neues Rekordtief dar. Historische Renditetiefs verzeichneten in diesen Tagen fast alle Staatsanleihen aus den Euroländern.

          Hier spielt auch die weiterhin sehr lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hinein. Die jüngsten Inflationsdaten aus Deutschland untermauern die im Markt weitverbreitete Ansicht, dass die EZB sogar den Ankauf von Staatsanleihen in Erwägung ziehen kann, um einer Preisabwärtsspirale vorzubeugen. Im Juli lag die deutsche Teuerung mit 0,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat so niedrig wie seit Februar 2010 nicht mehr.

          An diesem Donnerstag wird die Inflation für die Eurozone bekanntgegeben. Dabei rechnet Commerzbank-Analyst Marco Wagner mit 0,4 bis 0,5 Prozent, nachdem die Verbraucherpreise in Spanien im Juli sogar um 0,3 Prozent gesunken sind. Sinkende Preise über einen längeren Zeitraum kennzeichnen eine Deflation. Diese ist verbunden mit wirtschaftlicher Stagnation. In die Falle tappte Japan in den neunziger Jahren. Die Folge waren zwei wirtschaftlich verlorene Jahrzehnte. Diese Gefahr will EZB-Präsident Mario Draghi vermeiden und setzt deshalb die lockere Geldpolitik fort.

          Nach den jüngsten Inflationsdaten gibt es nach Ansicht von Ulrich Wortberg, Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), für die EZB bis auf weiteres keinen Grund, von ihrer lockeren Geldpolitik abzurücken. In Richtung Deflation deuten auch die kurzfristigen Inflationserwartungen am Markt. Maßstab sind die Breakeven-Inflationsraten. Sie sind die Differenz zwischen den Renditen normaler Bundesanleihen und einer inflationsgeschützten Anleihe. In der zweijährigen Laufzeit gehen die Inflationserwartungen am Markt gegen null. Jedoch ist die Kurve gebrochen, weil es zwischen Juli 2012 und April 2014 keine Inflationsanleihe mit Fälligkeit in zwei Jahren gegeben hat.

          Ein neues Allzeittief wird erwartet

          Darüber hinaus sind die Märkte für inflationsgeschützte Anleihen, insbesondere für die des Bundes, wenig liquide. Trotzdem lässt sich hier eine grobe Indikation für die Inflationserwartung ablesen. Das zeigt sich auch an der Rendite der im April 2016 fällig werdenden Inflationsanleihe, die aktuell im negativen Bereich bei 0,4 Prozent liegt. Derzeit stellt sich der Markt auf einen weiteren Rückgang der Renditen für Bundesanleihen ein. DZ-Bank-Analyst Hendrik Lodde erwartet auf Sicht von drei Monaten ein neues Allzeittief der zehnjährigen Rendite. Die Marke von 1,0 Prozent würde in Angriff genommen.

          Bundesanleihen, die in neun Jahren fällig werden, liegen schon bei 0,956 Prozent. Jedoch erwartet Lodde auf Jahresansicht einen Anstieg der zehnjährigen Rendite auf 1,6 Prozent. Er rechnet im Sommer 2015 mit einer Leitzinserhöhung der amerikanischen Notenbank auf 0,5 Prozent. Deshalb dürfte seiner Ansicht nach die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen auf 3,3 Prozent steigen. Gegenwärtig liegt sie bei 2,5 Prozent.

          Einem deutlichen Renditeanstieg der amerikanischen Pendants könnten sich die Bundesanleihen nicht komplett entziehen, ist Lodde überzeugt. Für steigende Zinsen in den Vereinigten Staaten sprechen auch die jüngsten Zahlen zum Wachstum. Im zweiten Quartal wuchs die amerikanische Wirtschaft, auf das Jahr hochgerechnet, um 4 Prozent. Davon ist der Euroraum weit entfernt. Hier hofft man auf ein Wachstum im zweiten Quartal von 0,3 Prozent.

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