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Rating-Agenturen : Der Markt kann sich nur langfristig ändern

Insofern erscheint die Forderung nach mehr und europäischen Rating-Agenturen Spiegelfechterei, weil eine andere Meinung gegen eine anerkannte Auffassung nicht durchsetzbar ist. Die europäischen Rating-Agenturen müssen sich international erst einmal über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinweg, Glaubwürdigkeit erarbeiten. Dabei können die europäischen Staaten hilfreich sein, indem sie Aufträge vergeben. Leisten können sich das indes zunächst nur Staaten, deren Rating gegen jeden Zweifel erhaben ist wie etwa Deutschland. Würde etwa Portugal einen Rating-Auftrag an die einheimische CPR vergeben, würde das diese in eine existenzbedrohende Bredouille bringen. Denn die Investoren erwarten just, dass sich Rating-Agenturen nicht von der Politik abhängig machen.

Die Förderung europäischer Rating-Agenturen wurde von der Politik über Jahrzehnte hinweg verabsäumt. Stattdessen fesselte sich die EZB an die marktbeherrschenden Agenturen. Es dürfte auch kaum hilfreich sein, wenn die EU-Kommission erwägt, den Rating-Agenturen die Bewertung von Euro-Staaten mit Schuldenproblemen zu untersagen. Dies würde von den Märkten als Signal der De-facto-Zahlungsunfähigkeit verstanden und zum Rückzug auch der gutwilligsten internationalen Investoren führen.

Missverstandene Meinungen

Hinzu kommt ein politisches Problem: Ein Rating ist eine Meinungsäußerung. Wenn der wirtschaftspolitische Referent der SPD-Fraktion im Bundestag, Carsten Sieling, die Auffassung vertritt, Ratingagenturen müssen notfalls zu verantwortlichem und langfristig ausgerichtetem Verhalten gezwungen werden, so bedeutet das letztlich, dass sie zu einer anderen Meinung gezwungen werden sollen.

Abwegig ist der Vorschlag von EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso, die Agenturen für Fehlurteile in die Haftung nehmen zu wollen. Denn ein Rating ist letztlich ein Urteil über eine relative Ausfallwahrscheinlichkeit. Selbst ein „CCC“ bedeutet nicht, dass ein Zahlungsausfall gegeben ist und ein „AAA“ nicht, dass es zu keinem kommt. Wann also liegt ein Fehlurteil vor? Zudem geben die Agenturen Meinungen ab - keine Anlageempfehlungen. Ihre hohe Bedeutung hat ihnen in Europa vor allem die Politik zuerkannt.

Was geändert werden kann, ist lediglich die Bindung der Politik an das Urteil der Agenturen. Die Kommission will etwa für die Eigenkapitalregeln für Banken in Zukunft weniger Bezugnahme auf Ratings voraussetzen. Die EZB hat den Schwellenwert im Refinanzierungsgeschäft mit den Banken für portugiesische Anleihen bis auf weiteres ausgesetzt und damit eine ähnliche Maßnahme ergriffen wie im Falle Griechenlands und Irlands.

Das ist kurzfristig wirksam, wenngleich fragwürdig. Langfristig wären mehr Rating-Agenturen sicher wünschenswert. Aber um sich die Reputation zu erarbeiten, die die aus Amerika stammenden Agenturen aufgrund ihrer langen Geschichte trotz des in der Finanzkrise erlittenen Schadens (vgl. auch Im Gespräch: Torsten Hinrichs von S&P: „Die Treffsicherheit unserer Ratings war schlicht enttäuschend“ ) nun einmal besitzen, braucht es Zeit. Bis dahin ist die Griechenland-Krise hoffentlich gelöst - ohne neue Rating-Agentur.

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