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Schicksalhafte Entscheidung : Prokon zwischen Umweltgedanken und Angst ums Geld

„Atomkraft, nein danke“ - auch ein Grundgedanke für das Investment bei Prokon Bild: dpa

Prkon könnte bald Genossenschaft sein. Ber der Gläubigerversammlung zeichnet sich eine Mehrheit unter den Genusssrechteinhabern ab. Noch ist nichts entschieden.

          2 Min.

          Auf dem Gelände der Hamburg Messe fällt an diesem Donnerstag die Entscheidung über die Zukunft des insolventen Windenergiebetreibers Prokon. Mit rund 100.000 Gläubigern ist es eines der größten Insolvenzverfahren in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Rund 1,4 Milliarden Euro hatten die 75.000 Geldgeber – vor allem Privatleute – über Genussrechte in dem Unternehmen mit Sitz im schleswig-holsteinischen Itzehoe angelegt.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Mit einer halben Stunde Verspätung schlossen sich trotz  hochsommerlichen Wetters mit klarem Himmel und 30 Grad die Türen der Messehallen B 5 und B 6, die Platz für jeweils 9100 und für 2900 Gläubiger bieten.

          Die Genossenschaftsidee lebt

          Im Mai 2014 musste Prokon ins Insolvenzverfahren – das Unternehmen konnte die Zinsen für das Genusskapital nicht mehr aufbringen. Jetzt haben die Gläubiger drei Möglichkeiten. Sie können Prokon als Genossenschaft fortführen. Sie können das Angebot des baden-württembergischen Energiekonzerns EnBW annehmen, der Prokon für 550 Millionen Euro übernehmen will oder sie können – wenn beide Vorschläge abgelehnt werden – Prokon zerschlagen und den Erlös unter den Gläubigern aufteilen.

          Mitglieder der „Freunde von Prokon“ warben bis zuletzt vor den Messehallen für das Genossenschaftsmodell. Viele der Kleinanleger hatten sich damals für die 1995 vom „Öko-Pionier“ Carsten Rodbertus gegründete Prokon entschieden, weil sie erneuerbare Energie fördern wollten. „Es ist schade, dass das gescheitert ist“, erklärte ein Gläubigerpaar, „aber mit dem Genossenschaftsmodell können wir wenigstens die gute Idee fortsetzen.“

          Rund 40.000 Anleger hätten sich bereit erklärt, an einem solchen Genossenschaftsmodell mitzuwirken, hieß es. Auf der Gläubigerversammlung zeichnet sich ab, dass die Mehrheit der Genussscheingläubiger die Lösung unterstützt. Wenn sie auch die Mehrheit des Kapitals repräsentieren wird in Hamburg zuerst über den Genossenschaftsantrag abgestimmt.

          „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagte eine Gläubigerin auf dem Weg in die Halle. Vor allem grauhaarige, umweltbewegte Menschen in den 50ern bestimmten das Bild. Sie wollten mit ihrer Investition in Prokon eine andere Energiepolitik unterstützen. „Mit so einem Energieriesen wie EnBW wäre das nicht möglich“, war oft zu hören. Doch mancher zeigte sich auch nachdenklich. „Besser das Geld von EnBW als am Ende ganz in die Röhre gucken.“

          Die rund 100.000 Gläubiger sind in mehrere Gruppen unterteilt. Die größte Gruppe sind die 75.000 Anleger, die 1,4 Milliarden Euro in Genussscheine investiert haben. Andere Gruppen sind Lieferanten, Kreditgeber, Sozialversicherungen, Mitarbeiter – wer immer Geld von Prokon zu bekommen hat. Alle Gruppen müssen dem Vorschlag von Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin zustimmen. Penzlin und seinen Mitarbeitern war die Anspannung anzumerken, als sie kurz vor Beginn der Versammlung um 11 Uhr auf dem Podium ihre Berge von Akten und Büchern sortierten. Geleitet wird das Insolvenzverfahren von der Richterin Sabine Wuttke, die in der Mitte des Podiums sitzt.

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