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Praktiker : Aufstand der Anleihegläubiger

Der Wirbel um Praktiker hält an Bild: dpa

Die angeschlagene Baumarktkette Praktiker verhandelt hinter verschlossenen Türen über ihre Sanierung, beklagen die bisher nicht beteiligten Anleihegläubiger. Das soll sich jetzt ändern.

          3 Min.

          Das Ringen um die angeschlagene Baumarktkette Praktiker ist hart und unerfreulich. Vor wenigen Wochen erst scheiterten die Gespräche zwischen dem Unternehmen und dem Finanzinvestor Anchorage. Seitdem setzt die Baumarktkette doch auf ihren Großaktionär, die österreichische Privatbank Semper Constantia, mit dem es in der Vergangenheit immer wieder zu Reibereien kam.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach jüngsten Informationen wollte die Bank ein Darlehen von 85 Millionen Euro zum Zinssatz von 13 Prozent an Praktiker ausreichen. Zudem sollte das Eigenkapital um 25 bis 30 Millionen Euro durch eine Beteiligung des Finanzinvestors Clemens Vedder aufgestockt werden. Dafür sollte die Perle des Konzerns, die Tochtergesellschaft Max Bahr an Semper Constantia verpfändet werden. Zu dieser sollte je nach Seite in diesem Streit ein Viertel bis die Hälfte der Praktiker-Filialen zugeschlagen und in Max Bahr umgeflaggt werden.

          Anleihegläubiger wollen an den Verhandlungstisch

          Diese Pläne haben nun die Anleihegläubiger auf den Plan gerufen, angeführt von der finnischen Alandsbanken Asset Management. „Die Gespräche über die Finanzierungsmodalitäten von Praktiker finden ohne Teilnahme der Anleihegläubiger statt. Die Verpfändung von Max Bahr würde die Werthaltigkeit der Anleihe wesentlich beeinträchtigen. Als größte Gläubigergruppe müssen die Anleihegläubiger einen Platz am Verhandlungstisch haben.“, sagt Pontus Soramäki von Alandsbanken. Mitinitiator ist auch die VPB Finance, eine liechtensteinische Vermögensverwaltungstochter der luxemburgischen VP Bank.

          Sorgen machen sich die Gläubiger nicht ohne Grund. Seit anderthalb Jahren macht Praktiker auch im operativen Geschäft Verluste, die liquiden Mittel sanken von 342 bis Ende Juni auf nur noch 48 Millionen Euro.

          Keine Aktion von Praktiker

          Nun soll ein gemeinsamer Vertreter berufen werden, der nach dem Schuldverschreibungsgesetz ausschließlich die Interessen der Anleihegläubiger vertritt. Er ist an Weisungen der Anleihegläubiger gebunden und besitzt weitgehende Informationsrechte gegenüber dem Konzern. Berufen werden soll der Vertreter einer Abstimmung ohne Versammlung, die am Montag der kommenden Woche beginnen und am darauffolgenden Donnerstag enden soll.

          Den Versuch einer Abstimmung ohne Versammlung gab es schon einmal zu Jahresbeginn. Damals wollte das Unternehmen die Gläubiger dazu bewegen, einer Reduzierung des Zinssatzes auf von 5,875 auf 1 Prozent zuzustimmen, scheiterte damit aber.

          Auch wenn Informationen zu diesem Ansinnen auf den Internetseiten von Praktiker veröffentlicht wurden, so weist doch der Vorstand jede Verbindung von sich. Sowohl der Aufruf zur Abstimmung als auch der Nominierungsvorschlag gingen auf einen Antrag zweier Anleihegläubiger zurück, dem aus rechtlichen Gründen zu entsprechen gewesen sei.

          Schwierige Mehrheitsbeschaffung

          Alandsbanken ist der zweitgrößte bekannte Einzelgläubiger der Praktiker-Anleihe und hält nach den jüngsten Angaben 4,11 Millionen Euro an der Anleihe im Volumen von insgesamt 250 Millionen Euro. Aland hatte sich während oder kurz nach der Emission mit drei Fonds in die Anleihe eingekauft. Ende 2011 investierte Aland noch für einen vierten Fonds. Die Finnen haben als Vertreter den Rechtsanwalt Ingo Scholz vorgeschlagen, der schon für die Anleihegläubiger von Arcandor und der Deutschen Nickel als gemeinsamer Vertreter agierte.

          Ob es gelingen wird, einen Gläubigervertreter zu bestimmen, ist indes nicht ausgemacht. Die erste Versammlung, an der sich 50 Prozent des ausgegebenen Nominalwerts (125 Millionen Euro) beteiligen müssen scheint zum Scheitern verurteilt. Die Anleihe ist breit gestreut, die 19 größten bekannten Gläubiger bringen nur knapp 23 Millionen Euro zusammen.

          Insofern ruhen die Hoffnungen auf die anschließende zweite Abstimmung, bei der die Mehrheit der Anwesenden entscheidet. Das Wichtigste sei erst einmal die Bestellung des Vertreters, heißt es aus Gläubigerkreisen. Die größte Gruppe der Gläubiger sei damit derzeit nicht in Besitz detaillierter Informationen zur Lage des Unternehmens.

          Änderungen an Zins und Tilgung mit besonderem Riegel

          Zur Abstimmung steht auch die Übertragung von Gläubigerrechten auf den Vertreter. Hier kann dieser durch Beschluss der zweiten Versammlung ermächtigt werden, beispielsweise der Änderung von Nebenbedingungen des Anleiheprospektes wie etwa der Auflagen (Covenants) zuzustimmen.

          Änderungen an den Hauptbedingungen, vor allem Zins und Rückzahlungsbedingungen, kann der Vertreter allerdings nur dann ohne Rücksprache zustimmen, wenn ihn dazu 75 % der an der Abstimmung teilnehmenden Stimmen ermächtigen Und auch das nur, wenn mindestens 25 % des Gesamtnennbetrages vertreten sind. Insgesamt wären dies knapp 47 Millionen Euro – etwa zehnmal so viel wie der Anteil von Alandsbanken.

          Gegenüber der ersten Abstimmung gibt es diesmal noch einen kleinen Vorteil – ein Musterformular für den erforderlichen Nachweis durch die depotführende Bank ist auf den Internetseiten von Praktiker erhältlich. Da die Ausfertigung erfahrungsgemäß etwas Zeit in Anspruch nimmt, sind Gläubiger gut beraten unverzüglich mit ihrer Bank in Kontakt zu treten.

          Die Initiatoren hoffen auf eine rege Beteiligung: Je mehr Stimmen der Vertreter hinter sich habe, desto größer sei seine Legitimation, heißt es aus Gläubigerkreisen.

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