https://www.faz.net/-gv6-6zvc8

Praktiker : Anleihe und Aktie bleiben Wetten

Max Bahr: Praktikers besserer Teil Bild: dapd

Auch nach Zusicherung eines Millionenkredits bleiben bei der Sanierung der Baumarktkette Praktiker mehr Fragen als Antworten. Für Anleger gilt das Prinzip Vorsicht.

          4 Min.

          Wenn Unternehmen ums Überleben kämpfen, gehen manchmal seltsame Dinge vor. Oftmals werden plötzlich Gerüchte über wundersame Retter kolportiert, die den angeschlagenen Firmen Kapital zuschießen. Am Wochenende nun vermeldete die angeschlagene Baumarktkette Praktiker, von einem ungenannten Investor ein vorrangiges Darlehen in Höhe von 85 Millionen Euro zu erhalten.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch Beobachter ziehen die Stirn kraus.„Da sind mehr Fragen offen als Antworten“, bringt es Klaus Kraenzle, Analyst bei Silvia Quandt Research auf den Punkt.Und betrachtet man die Vorgänge rund um das Darlehen genau, kommt man indes zunehmend ins Grübeln. Das beginnt schon beim Darlehensgeber.

          Gerade wenn es um ein angeschlagenes Unternehmen geht, das zuletzt seine Anleihengläubiger dazu bewegen wollte, auf Zinsen zu verzichten, wäre ein Maximum an Transparenz wünschenswert. Immerhin hat das Darlehen das Volumen von 18 Prozent der Gesamtfinanzverbindlichkeiten Stande Ende März. Das Darlehen ist vorrangig und besichert, und es ist davon auszugehen, dass es die im Rang weiter zurücktretenden Gläubiger schon interessiert, wer sich da vordrängt und was von ihm zu erwarten ist.

          Sanierung plötzlich billiger

          Angeblich handelt es sich um den Finanzinvestor Anchorage, der ein Konsortium gebildet habe. Dieser hat in der Vergangenheit öfter schon Kredite an angeschlagene Firmen vergeben und die Schulden später in Eigenkapital umgewandelt, so bei Hanse Yachts. Das Unternehmen blieb allerdings immer zahlungsfähig, wenngleich der Aktienkurs seit drei Jahren die 7 Euro nicht mehr überschritten hat. Gestartet war Hanse Yachts einmal mit Kursen von 33 Euro.

          Vor allem aber der damit verbundene abermalige Strategiewechsel wirft Fragen auf. Der Ende 2011 als „Karstadt-Sanierer“ geholte Vorstandschef Thomas Fox verlässt das Unternehmen, mit ihm geht sein Geschäftspartner und Vorstandskollege Josef Schultheis. Das im November vorgestellte Sanierungsprogramm, das bis zu 300 Millionen Euro gekostet hätte, soll nun „wesentlich verändert“ und „erheblich reduziert“ werden.

          Da stellt sich die Frage, wie das nun plötzlich gehen soll. 20 Prozent auf alles, eingeschlossen Unternehmenssanierung? Entweder war Fox’ Sanierungsplan falsch oder der neue Plan ist es. Denn wirklich verändert hat sich die Lage von Praktiker nicht. Das Unternehmen krankt an der Herunterwirtschaftung der als Billigheimer positionierten Marke Praktiker, der es an Kostenvorteilen mangelt.

          Optimistische Selbsteinschätzung

          Über die Details der neuen Strategie schweigt sich Praktiker aber aus. Kern der Neuausrichtung sei eine „noch stärkere Profilierung“ der beiden Marken Praktiker und Max Bahr, wobei eine größere Anzahl Praktiker-Märkte auf Max Bahr umgestellt werden soll, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Kersten von Schenck. Auch das ist nun eigentlich kein markanter Unterschied zu den Plänen von Fox, wenngleich Praktiker jetzt betont, dass dies eine Abweichung von der bisherigen Strategie sei.

          Auch erscheint die Selbsteinschätzung von Praktiker etwas optimistisch. Fox’ Sanierungsauftrag sei beendet, der Geschäftsbetrieb wieder stabilisiert. Tatsache ist zwar, dass das erste Quartal besser gelaufen ist als die vorangegangen. Doch war die Umsatzsteigerung von Max Bahr, das weniger als ein Drittel des Umsatzes macht, doppelt so hoch wie die der wesentlich größeren Marke Praktiker.

          Die operativen Verluste sanken in Deutschland gegenüber dem Vorjahresquartal nur unterproportional zum Umsatz. Das Finanzergebnis hat sich verschlechtert und der Mittelabfluss war weiter deutlich. In den fünf größten Auslandsmärkten ist der Umsatz mit zweistelligen Raten gefallen. Zudem wird das Anchorage-Darlehen angeblich mit mehr als zehn Prozent verzinst. Das spricht nicht gerade für ein großes Vertrauen, sondern mehr für ein spekulatives Investment.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Meint, er werde falsch dargestellt: Claas Relotius.

          Relotius geht gegen Moreno vor : Der Fälscher will richtigstellen

          „Erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen“? Der als Fälscher überführte frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius geht juristisch gegen Juan Moreno und dessen Buch „Tausend Zeilen Lüge“ vor. Was will Relotius?
          Wiederverwertung der besonderen Art: Ein Bild angeblich russischer Trolle, das diese schon 2016 während der Präsidentenwahl in Amerika nutzten.

          Desinformation : Die Mission der russischen Trolle

          Nach der Desinformationskampagne im amerikanischen Präsidentenwahlkampf 2016 enttarnt Facebook eine neue Operation aus Russland. Sie zielte vor allem auf Instagram.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.