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Fed & Co. : Auf das Geld kommt es an!

Geld spielt in der Geldpolitik der Notenbanken keine Rolle mehr. Das ist paradox - und gefährlich. Bild: dpa

Geld spielt in der Geldpolitik der Notenbanken keine Rolle mehr. Das ist paradox - und gefährlich.

          5 Min.

          Am vergangenen Mittwoch gab die amerikanische Notenbank Fed ein mit Spannung erwartetes Statement heraus. Die Zentralbanker erklärten: Man habe entschieden, Amerikas Leitzins weiter auf dem Stand von nahe null Prozent zu belassen. Es sind solche Beschlüsse, die man gemeinhin als Geldpolitik bezeichnet. Doch das Wort „Geld“ kam interessanterweise in der ganzen Erklärung nicht ein einziges Mal vor.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur einen Monat zuvor hatte Janet Yellen, die Präsidentin der Fed, an der Universität von Massachusetts eine Rede gehalten. Dies allein wäre nicht besonders erwähnenswert, schließlich gehören Auftritte dieser Art zur Arbeitsplatzbeschreibung jedes führenden Notenbankers der Welt: Wer keine Lust hat, sich regelmäßig zu Inflation, Wirtschaft und Preisen im Allgemeinen zu äußern, sollte sich besser einen anderen Beruf suchen.

          Doch während dieser Rede geschahen zwei außergewöhnliche Dinge. Zu ihrem Ende hin wurde die mächtigste Notenbankerin der Welt - eine kleine, gar nicht mächtig wirkende Frau - bleich im Gesicht, stockte mitten im Satz, hustete ein paar Mal und sagte dann: „Ich werde hier aufhören.“ Auch wenn es Yellen kurz danach schon wieder besserging (sie hatte nur zu wenig getrunken), hatten die Zeitungen ihre Story: „Fed-Präsidentin bricht Rede ab.“ Doch während die Medienwelt noch eifrig über den Gesundheitszustand der Präsidentin spekulierte, hatte sich die Fachwelt, also Analysten und Ökonomen, bereits über den Redetext gebeugt und war zu einer erstaunlichen Erkenntnis gelangt: Da hatte Yellen soeben eine Rede zur Geldpolitik gehalten und es dabei geschafft, das Wort „Geld“ kaum einmal in den Mund zu nehmen.

          Die Rede im September, das Statement im Oktober: War es vielleicht nur ein skurriler Zufall, dass beide Male vom Geld nicht die Rede war? Nein, dahinter steckte volle Absicht: Es war der unausgesprochene, aber endgültige Bruch der Zentralbanker mit einer der einflussreichsten ökonomischen Denkschulen des 20. Jahrhunderts - mit dem Monetarismus. Dieser hatte jahrzehntelang vor allem einen Gedanken unermüdlich verfochten und damit Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern geprägt: Money matters. Aufs Geld kommt es an. Yellen aber sandte an diesem Tag eine ganz andere, für eine Notenbankchefin erstaunliche Botschaft aus: Geld spielt, wenn es um die Bekämpfung der Inflation geht, so gut wie keine Rolle mehr. Dies ist ein radikaler Gedanke: Der Monetarismus ist tot. Wieso aber sollte man sich als Deutscher für diese amerikanische Fachdebatte interessieren?

          Ignoranz der Notenbanker

          Zum einen, weil auch innerhalb der Europäischen Zentralbank (EZB), die die Geldpolitik für den Euro-Raum verantwortet, Yellens Glaubenssatz Zustimmung findet. Zum anderen, und das ist der viel wichtigere Grund: weil die Zentralbanker dieser Welt damit Gefahr laufen, das nicht kommen zu sehen, was Anlegern wie Arbeitnehmern große Schmerzen bereitet - Börsencrashs und Wirtschaftsschwäche.

          Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein im Deutschen ziemlich technisch klingender Begriff: die Geldmenge. Dahinter verbirgt sich ein spannendes Kapitel moderner Volkswirtschaftslehre. Es war Milton Friedman, amerikanischer Nobelpreisträger und Vordenker für eine ganze Reihe herausragender Ökonomen, der zu einer Art Gründervater des Monetarismus wurde. Friedman stellte in seinen Forschungen einen interessanten Zusammenhang her: Inflation, so seine Beobachtung, werde stets durch ein zu hohes Angebot an Geld - technisch gesprochen: durch einen starken Anstieg der Geldmenge - verursacht. Wenn Zentralbanken also die Menge des Geldes aktiv erhöhen oder begrenzen, können sie damit die Höhe der Inflationsrate beeinflussen. Für Notenbanker, deren Aufgabe genau darin besteht, ein verführerischer Gedanke.

          Zwar erkannte man bald, dass es sich nicht um einen rein mechanistischen Zusammenhang handelte: Eine bestimmte Veränderung der Geldmenge zog nicht automatisch eine klar kalkulierbare Veränderung der Inflationsrate nach sich. Doch vor allem in den 1970er Jahren begannen mehr und mehr Zentralbanken, der Geldmenge größere Beachtung zu schenken - die deutsche Bundesbank verfolgte bis zur Einführung des Euro ein klar definiertes Geldmengenziel. Die Europäische Zentralbank (EZB) nahm den Blick aufs Geld sogar in ihre sogenannte „Zwei-Säulen-Strategie“ auf: Sie hat nicht nur ein Auge auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage (die erste Säule), sondern muss laut ihren Statuten auch auf die Geldmenge achten (die zweite Säule). Der Monetarismus, so schien es, hatte gesiegt.

          Doch die Wahrheit ist: Die mächtige Fed schenkt den monetaristischen Ideen schon lange keine Aufmerksamkeit mehr, und auch in der EZB ist die Begeisterung ziemlich abgeklungen. Der Grund dafür lässt sich exemplarisch an der Entwicklung in den Vereinigten Staaten verdeutlichen: Sosehr die Menge des Geldes in den vergangenen Jahren auch gestiegen ist, so wenig hatte dies Einfluss auf die Höhe der Inflationsrate, die einfach nicht steigen will (siehe Grafik). Die Daten, die sich für Europa ganz ähnlich beobachten lassen, legen also nahe: Der Zusammenhang, an den die Monetaristen so fest glaubten, lässt sich in der Empirie derzeit nicht nachweisen. Natürlich unterscheiden sich die Ergebnisse ein wenig - je nachdem, was man neben Bargeld und Einlagen auf dem Girokonto noch so alles zur Geldmenge hinzuzählt (eine unter Ökonomen leidenschaftlich geführte Debatte). Wie man es auch dreht und wendet: Am Ende erscheint es folgerichtig, dass Janet Yellen sich für die Geldmenge nicht mehr interessiert.

          Diese Ignoranz der Notenbanker könnte sich aber als ein dramatischer Fehler erweisen. Es sind gestandene Ökonomen, die tiefe Besorgnis äußern. Otmar Issing, viele Jahre EZB-Chefvolkswirt, formuliert es so: „Die Vernachlässigung der Entwicklung von Geldmenge und Kredit in der Strategie der amerikanischen Notenbank halte ich für sehr bedenklich.“ Claudio Borio, einer der Top-Wissenschaftler der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, sagt: „Es besteht das Risiko, dass sich innerhalb des Systems finanzielle Ungleichgewichte aufbauen.“ Aber wovor genau haben die Wissenschaftler Angst?

          „Die Notenbank verfolgt die Entwicklung der Inflation sehr aufmerksam"

          Stark vereinfacht, geht es um Folgendes: In Zeiten extrem niedriger Leitzinsen in Amerika und in Europa ist Geld so billig wie nie, denn der Zins ist nichts anderes als der Preis des Geldes. Lapidar ausgedrückt, muss dieses Geld aber irgendwohin. Offensichtlich fließt es nur zu einem Teil in echte Waren - sonst würden deren Preise ja viel stärker steigen. Aber viel spricht dafür, dass das Geld auch in einen Bereich strömt, der von der klassischen Inflationsberechnung nicht erfasst wird - in die Finanzmärkte. Seit Beginn der Niedrigzinsphase haben Dow Jones, Dax & Co. gewaltig hinzugewonnen, nach größeren Ausschlägen im Sommer sind viele Weltbörsen jetzt sogar wieder auf Rekordkurs. „Börsenboom“ nennt dies der gemeine Anleger, die Fachleute sprechen aber interessanterweise von „Vermögenspreisinflation“. Eine andere Art von Inflation also, die mit Anstieg von Waren- und Dienstleistungspreisen nichts zu tun hat. Die aber ähnlich verheerende Auswirkungen haben kann.

          Nun sind steigende Aktienkurse ja erst einmal nichts Schlimmes. Aber die Experten sorgt Folgendes: Ein solch einseitiger Geldfluss kann ihrer Meinung nach die Stabilität des ganzen Finanzsystems ins Wanken bringen. „Es besteht die Gefahr, dass die Fed einem Anstieg von Krediten und Vermögenspreisen nicht ausreichend Beachtung schenkt, was am Ende in einen erneuten Crash wie 2008 münden könnte“, sagt Otmar Issing. Dazu könnte es kommen, wenn die Notenbank zu spät den Ausstieg aus der Epoche der niedrigen Zinsen findet. Sie hätte dann mit ihrer ultralockeren Geldpolitik vor allem zum Entstehen einer gewaltigen Blase beigetragen, aus der die Luft umso heftiger entweichen würde. Die negativen Folgen eines solchen Crashs für die Weltwirtschaft könnten gravierend sein. Nicht wenige Anhänger solcher Überlegungen glauben gar, dass es fast schon zu spät sein könnte. Schließlich zögert Janet Yellen noch immer mit der Zinswende, schließlich schaut sie vor allem auf die klassische Inflationsrate - und die liegt weiter in Nähe der Nulllinie, während die Aktienmärkte steigen und steigen.

          Wie hatte es im Fed-Statement vom vergangenen Mittwoch geheißen? „Die Notenbank verfolgt die Entwicklung der Inflation sehr aufmerksam.“ Fragt sich nur, ob dies ausreicht, um die Welt vor dem nächsten großen Crash zu bewahren.

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