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Fed & Co. : Auf das Geld kommt es an!

Doch die Wahrheit ist: Die mächtige Fed schenkt den monetaristischen Ideen schon lange keine Aufmerksamkeit mehr, und auch in der EZB ist die Begeisterung ziemlich abgeklungen. Der Grund dafür lässt sich exemplarisch an der Entwicklung in den Vereinigten Staaten verdeutlichen: Sosehr die Menge des Geldes in den vergangenen Jahren auch gestiegen ist, so wenig hatte dies Einfluss auf die Höhe der Inflationsrate, die einfach nicht steigen will (siehe Grafik). Die Daten, die sich für Europa ganz ähnlich beobachten lassen, legen also nahe: Der Zusammenhang, an den die Monetaristen so fest glaubten, lässt sich in der Empirie derzeit nicht nachweisen. Natürlich unterscheiden sich die Ergebnisse ein wenig - je nachdem, was man neben Bargeld und Einlagen auf dem Girokonto noch so alles zur Geldmenge hinzuzählt (eine unter Ökonomen leidenschaftlich geführte Debatte). Wie man es auch dreht und wendet: Am Ende erscheint es folgerichtig, dass Janet Yellen sich für die Geldmenge nicht mehr interessiert.

Diese Ignoranz der Notenbanker könnte sich aber als ein dramatischer Fehler erweisen. Es sind gestandene Ökonomen, die tiefe Besorgnis äußern. Otmar Issing, viele Jahre EZB-Chefvolkswirt, formuliert es so: „Die Vernachlässigung der Entwicklung von Geldmenge und Kredit in der Strategie der amerikanischen Notenbank halte ich für sehr bedenklich.“ Claudio Borio, einer der Top-Wissenschaftler der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, sagt: „Es besteht das Risiko, dass sich innerhalb des Systems finanzielle Ungleichgewichte aufbauen.“ Aber wovor genau haben die Wissenschaftler Angst?

„Die Notenbank verfolgt die Entwicklung der Inflation sehr aufmerksam"

Stark vereinfacht, geht es um Folgendes: In Zeiten extrem niedriger Leitzinsen in Amerika und in Europa ist Geld so billig wie nie, denn der Zins ist nichts anderes als der Preis des Geldes. Lapidar ausgedrückt, muss dieses Geld aber irgendwohin. Offensichtlich fließt es nur zu einem Teil in echte Waren - sonst würden deren Preise ja viel stärker steigen. Aber viel spricht dafür, dass das Geld auch in einen Bereich strömt, der von der klassischen Inflationsberechnung nicht erfasst wird - in die Finanzmärkte. Seit Beginn der Niedrigzinsphase haben Dow Jones, Dax & Co. gewaltig hinzugewonnen, nach größeren Ausschlägen im Sommer sind viele Weltbörsen jetzt sogar wieder auf Rekordkurs. „Börsenboom“ nennt dies der gemeine Anleger, die Fachleute sprechen aber interessanterweise von „Vermögenspreisinflation“. Eine andere Art von Inflation also, die mit Anstieg von Waren- und Dienstleistungspreisen nichts zu tun hat. Die aber ähnlich verheerende Auswirkungen haben kann.

Nun sind steigende Aktienkurse ja erst einmal nichts Schlimmes. Aber die Experten sorgt Folgendes: Ein solch einseitiger Geldfluss kann ihrer Meinung nach die Stabilität des ganzen Finanzsystems ins Wanken bringen. „Es besteht die Gefahr, dass die Fed einem Anstieg von Krediten und Vermögenspreisen nicht ausreichend Beachtung schenkt, was am Ende in einen erneuten Crash wie 2008 münden könnte“, sagt Otmar Issing. Dazu könnte es kommen, wenn die Notenbank zu spät den Ausstieg aus der Epoche der niedrigen Zinsen findet. Sie hätte dann mit ihrer ultralockeren Geldpolitik vor allem zum Entstehen einer gewaltigen Blase beigetragen, aus der die Luft umso heftiger entweichen würde. Die negativen Folgen eines solchen Crashs für die Weltwirtschaft könnten gravierend sein. Nicht wenige Anhänger solcher Überlegungen glauben gar, dass es fast schon zu spät sein könnte. Schließlich zögert Janet Yellen noch immer mit der Zinswende, schließlich schaut sie vor allem auf die klassische Inflationsrate - und die liegt weiter in Nähe der Nulllinie, während die Aktienmärkte steigen und steigen.

Wie hatte es im Fed-Statement vom vergangenen Mittwoch geheißen? „Die Notenbank verfolgt die Entwicklung der Inflation sehr aufmerksam.“ Fragt sich nur, ob dies ausreicht, um die Welt vor dem nächsten großen Crash zu bewahren.

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