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Steigende Leitzinsen : Zehnjährige Bundesanleihen rentieren mit 1 Prozent

Das Gebäude der Federal Reserve in Washington Bild: AFP

Rund um den Globus steigen die Renditen weiter. Die Fondsgesellschaft Pimco hat ihre Bestände an amerikanischen Staatsanleihen deutlich reduziert.

          3 Min.

          Die zunehmenden Spekulationen auf eine Erhöhung des kurzfristigen Leitzinses durch die Federal Reserve treibt die Renditen von Anleihen in vielen Ländern und bewegt Großanleger zu Verkäufen von Staatsanleihen. So gab die zur Allianz gehörende kalifornische Fondsgesellschaft Pimco am Mittwoch bekannt, dass sie in ihrem bedeutendsten Fonds, dem „Pimco Total Return“, den Anteil amerikanischer Staatsanleihen im Mai von 23,4 auf 8,5 Prozent reduziert habe. Der ehemals größte Investmentfonds der Welt hat in den vergangenen Jahren erhebliche Mittelabflüsse verzeichnet.

          Gerald Braunberger
          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ruhe in Frieden, Nullzins“, heißt es in einem von Pimco im Internet betriebenen Blog. „Die Hinweise sind nahezu überwältigend, dass die Fed in diesem Jahr mit einem Zyklus steigender Leitzinsen beginnt.“ Ein erster Schritt sei im Dezember zu erwarten, heißt es bei Pimco. Auch wenn die Fed anschließend weitere Leitzinserhöhungen nur zögerlich vornehmen sollte, dürften Anleger die Wirkungen einer ersten Leitzinserhöhung in Gestalt größerer Kursbewegungen am Anleihemarkt nicht unterschätzen.

          Der seit Wochen beobachtbare Trend zu steigenden Renditen vor allem für Anleihen mit langen Laufzeiten setzte sich zur Wochenmitte fort. In Deutschland erreichte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Mittwoch mit vorübergehend 1,055 Prozent ihren höchsten Stand seit September 2014. Am Donnerstag geht die Rendite wieder leicht zurück und liegt bei 0,991 Prozent. Zehnjährige portugiesische Staatsanleihen brachten erstmals seit November 2014 eine Rendite von leicht mehr als 3 Prozent. Diese liegt aber am Donnerstag ebenfalls wieder leicht unter dieser Marke.

          Die seit Wochen auch in Europa steigenden Renditen für Staatsanleihen sind, mit Ausnahme des Sonderfalls Griechenland, offensichtlich kein Ausdruck einer Furcht der Anleger vor einer nachlassenden Bonität der Emittenten. Im Gegenteil: Prämien für eine Versicherung gegen einen Ausfall von Bundesanleihen fielen zur Wochenmitte auf ihren niedrigsten Stand seit dem Herbst 2008. Auch in anderen Ländern geben die Preise für Kreditausfallderivate (CDS) nach.

          „Im Umfeld der Rentenmärkte könnte es turbulent werden“

          Die Vermutung von Pimco, dass die Fed gegen Jahresende ihren Leitzins erhöhen wird, findet im Frankfurter Privatbankhaus Metzler Zustimmung. Edgar Walk, Chefvolkswirt von Metzler Asset Management, geht für das laufende Jahr noch mit einer zurückhaltenden Geldpolitik der Federal Reserve aus. Wie viele andere Experten rechnet er mit einer ersten Leitzinserhöhung im September auf 0,25 Prozent und mit einer weiteren auf 0,5 Prozent im Dezember. Danach jedoch, so Walks Vorhersage, werde die Fed aggressiv vorgehen. Im Jahre 2016 sei eine stufenweise Erhöhung auf bis zu 3 Prozent denkbar. „Im Umfeld der Rentenmärkte könnte es turbulent werden“, sagt Walk.

          Nach Ansicht des Bankökonomen ist die erste Welle des jüngsten Anstiegs der Anleiherenditen im Euroraum durch ein sehr hohes Angebot neuer Anleihen zustande gekommen. Die zweite Welle des Renditeanstiegs bis zur aktuellen Rendite von rund ein Prozent für zehnjährige Bundesanleihen sei dagegen fundamental getrieben – durch das zunehmende Wirtschaftswachstum im Euroraum sowie durch einen Anstieg der sogenannten Kernrate der Inflation, in der Energie- und Lebensmittelpreise unberücksichtigt bleiben, auf 0,9 Prozent.

          „Ruhe in Frieden, Nullzins“: Die Fondsgesellschaft Pimco ist sich sicher, dass die Leitzinsen steigen

          Da die Europäische Zentralbank davon ausgeht, dass sich die Kerninflation bis 2017 auf 1,7 Prozent verdoppeln werde, sei in diesem Fall eine Leitzinserhöhung für das erste Halbjahr 2017 zu erwarten. „Die Prognose der EZB aus der vergangenen Woche ist früher gekommen, als wir erwartet haben“, räumt Walk ein. Die gestiegenen Inflationserwartungen und der absehbar robuste Aufschwung im Euroraum legten nahe, dass die EZB ihr Anleihenkaufprogramm schon vor dem September 2016 beenden werde.

          Kerninflation hat spürbar angezogen

          Die bisherige Wirkung der Geldpolitik zeigt sich Metzler vor allem an zwei Entwicklungen: Zum einen sind in der Eurozone und den Vereinigten Staaten die Umsätze langlebiger Wirtschaftsgüter wie Automobile deutlich gestiegen. Zudem hat die Kerninflation in Einklang mit der Kreditvergabe spürbar angezogen.

          Deutliche Renditeanstiege für Bundesanleihen sind keine seltenen Erscheinungen, sondern sind in der Vergangenheit häufiger vorgekommen. Daran erinnert die DZ Bank in einer Untersuchung. Der aktuelle Kurseinbruch bei Bundesanleihen, der zu höheren Renditen führte, sei „sowohl wegen seines schieren Umfangs sowie der Kürze der Zeit, in der er sich ereignete, bemerkenswert“. Früher seien Renditeanstiege fundamental erklärbar gewesen, und zwar in der Regel durch wirtschaftliche Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, manchmal in Verbindung mit Veränderungen der amerikanischen Geldpolitik. Dagegen seien die jüngsten Veränderungen der Renditen von Bundesanleihen nicht vorrangig fundamental erklärbar.

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