https://www.faz.net/-gv6-8ei2g

Expansive Geldpolitik : Kein Grund, die Arbeit einzustellen

„Die Diskussion über ein Ende der expansiven Geldpolitik ist seltsam“: Philipp Hildebrand Bild: dpa

Ökonomen und Manager stehen der Geldpolitik der EZB kritisch gegenüber und lehnen eine weitere Lockerung ab. Ist die Kritik angebracht? Philipp Hildebrand über die EZB und einen Brexit.

          2 Min.

          Philipp Hildebrand war Manager in privaten Banken und Präsident der Schweizerischen Nationalbank. Seit einigen Jahren betreut er für den weltgrößten Vermögensverwalter, die amerikanische Fondsgesellschaft Blackrock, Kunden unter anderem in Europa. Hildebrand verfolgt aufmerksam die Erörterung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in Deutschland. Viele deutsche Ökonomen und Manager in Finanzunternehmen stehen der Geldpolitik der EZB sehr kritisch gegenüber und lehnen eine weitere Lockerung auf der Sitzung des Zentralbankrats am kommenden Donnerstag entschieden ab.

          „Die Diskussion über ein Ende der expansiven Geldpolitik ist sehr seltsam“, sagt Hildebrand in einem Gespräch mit der F.A.Z. „Die Inflationsrate liegt in der Eurozone unter der Zielmarke, und die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch.“ Dass es Notenbanken, und darunter nicht allein der EZB, schwerfällt, ihr Inflationsziel zu erreichen, ist für Hildebrand kein Grund, die Arbeit einzustellen: „In einer solchen Situation kann eine Notenbank nicht einfach aufhören, expansive Geldpolitik zu betreiben, auch wenn die Wirksamkeit ihrer Instrumente nachlassen mag.“

          „Man sollte fragen, warum die EZB alleingelassen wird“

          Manche deutsche Ökonomen sind der Auffassung, dass die EZB nicht unbedingt ihr Inflationsziel von knapp 2 Prozent aufgeben müsse. Aber sie solle akzeptieren, dass im gegenwärtigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld dieses Ziel kaum zu erreichen sei. Mit dieser Begründung könne die EZB darauf verzichten, ihre Geldpolitik weiter zu lockern. Hildebrand findet eine solche Argumentation eher kurios: „Manchmal ist das Argument zu hören, die EZB solle ihr Inflationsziel mittelfristig verstehen und daher eine weniger lockere Geldpolitik betreiben. Aber die EZB erreicht schon seit vier Jahren ihr Inflationsziel nicht mehr.“

          Natürlich muss Geldpolitik offen für Kritik sein, aber Hildebrand findet, dass sich hierzulande die Kritik zu stark in Richtung Notenbank wendet. „In Deutschland sollte man sich weniger mit der Frage befassen, warum die EZB ihre Geldpolitik so expansiv betreibt“, sagt der Geldmann. „Man sollte sich eher fragen, warum die EZB alleingelassen wird. Denn je länger die Geldpolitik alleine gelassen wird, umso größer wird die Gefahr des Populismus.“ Nahezu verzweifelt forderten Mitglieder des Zentralbankrats in einer Vielzahl öffentlicher Äußerungen Unterstützung durch eine mutigere Reformpolitik der Regierungen.

          Aber schon vorher sei gesündigt worden. „Es war ein schwerer Fehler, die Banken in der Eurozone nicht so schnell wie in den Vereinigten Staaten und in der Schweiz mit Hilfe des Staates zu rekapitalisieren“, sagt Hildebrand. „Natürlich ist so etwas ordnungspolitisch bedenklich, aber die schwache Eigenkapitalausstattung vieler Banken hemmt heute das Wirtschaftswachstum in der Eurozone.“

          Freihandelsabkommen für Güter sind einfacher

          Hildebrand, der in London lebt, ist mit dem Verlauf der Brexit-Debatte nicht glücklich: „Von Befürwortern in Großbritannien wird gelegentlich die Schweiz als Vorbild genannt. Das ist ein absurder Vergleich. Die Schweizer Konstellation zur EU wäre für Großbritannien vollkommen ungeeignet.“

          Dafür sieht er mehrere Gründe: „Erstens ist einer der wichtigsten Aspekte der ganzen Brexit-Debatte die Migration von der EU nach Großbritannien. Dieses Thema ist aber nun gerade in der Schweiz seit der angenommenen Masseneinwanderungsinitative vom 9. Februar 2014 in keiner Art und Weise dauerhaft gelöst. Die derzeitig gültigen bilateralen Abkommen zwischen der EU und der Schweiz sehen keine Begrenzung der Zuwanderung aus der EU in die Schweiz vor. Die Schweiz wird den Wunsch nach einer Begrenzung von Einwanderung aus der EU und das aktuell gültige Verhältnis zur EU nicht unter einen Hut kriegen. Letztlich wird sich das Schweizer Volk ein weiteres Mal die Kernfrage stellen müssen: mehr oder weniger offenes wirtschaftliches Verhältnis zur EU oder unilaterale Begrenzung der Zuwanderung. Außerdem ist zu bedenken, dass es viel einfacher ist, bilaterale Freihandelsabkommen für Güter als für Dienstleistungen abzuschließen. So hat die Schweiz heute für Finanzdienstleistungen keinen unmittelbaren Zugang zum europäischen Markt.“

          Weitere Themen

          „Im Sommer wird es wieder besser“

          Ausblick 2020 : „Im Sommer wird es wieder besser“

          Die DZ Bank rechnet Mitte des nächsten Jahres mit einem Anziehen der Konjunktur. Bedenklich äußern sich die Ökonomen nicht nur zu den Niedrigzinsen.

          Topmeldungen

          Rückzug von Prinz Andrew : Vorzeitiger Ruhestand

          In der langen Geschichte des britischen Königshauses ist so etwas wohl noch nicht passiert: Ein Prinz legt alle öffentlichen Aufgaben nieder. Prinz Andrew holt jetzt nach, was er in seinem missglückten Interview unterlassen hatte.
          Martina Merz geht voran, Aufgaben warten viele.

          Verheerende Bilanz : Die Lage ist bedrohlich

          Was wird aus Thyssen-Krupp? Der deutsche Traditionskonzern hat eine steinige Strecke vor sich. Gefordert sind jetzt harte Entscheidungen, die auch die Mitarbeiter treffen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.