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Osteuropa : Rating-Abstufung belegt Anfälligkeit der ungarischen Finanzmärkte

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Ungarns Ministerpräsident Gyurcsany schwört, daß er den Haushalt wieder ins Lot bringt Bild: picture-alliance/ dpa

Die Ratingagentur S&P hat wegen der anhaltenden Verschlechterung der Staatsfinanzen die Bonitätsnote für langlaufende ungarische Staatsanleihen gesenkt. Diese Entscheidung wirft allgemein einen Schatten auf Anlagen aus Ungarn.

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          Ungarn gilt wegen seiner volkswirtschaftlichen strukturellen Probleme schon seit geraumer Zeit als Sorgenkind in Zentralosteuropa, vor allem wegen des astronomisch hohen Haushaltsdefizits. Das Land wird 2006 vermutlich zum sechsten Mal in Folge die eigenen Budgetvorgaben und auch das im Vertrag von Maastricht vorgegeben Defizitkriterium verfehlen. Für das laufende Jahr wird mit einem Defizit von sage und schreibe acht Prozent statt wie bisher geplant von 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gerechnet.

          Die Einsparungen, die die neue, vom bisherigen Premierminister Ferenc Gyurcsany angeführte Regierung beschlossen hat, gehen zwar anders als früher über Lippenbekenntnisse hinaus. So soll das Defizit in diesem Jahr um 350 Milliarden Forint verringert werden und in den nächsten beiden Jahren jeweils um eine Billion Forint sinken, so daß sich das Defizit 2008 nur noch auf drei Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt belaufen soll.

          Forint kratzt bereits am Rekordtief

          Damit wäre dann endlich die Maastricht-Vorgabe erfüllt. Externe Beobachter sind mit den Beschlüssen aber dennoch nicht zufrieden. So bezeichnete die Ratingagentur Fitch die geplanten Maßnahmen als nicht ausgewogen genug. Kritisch auf die Sparbeschlüsse haben am Donnerstag auch Standard & Poor´s (S&P) reagiert. Die Ratingagentur senkte die Bonitätsnote für langlaufende ungarische Staatsanleihen von „A-“ auf „BBB+“, was dem drittniedrigsten Investmentgrad-Rating entspricht. Gleichzeitig wurde der Ausblick auf negativ gestellt, was eine weitere Bonitätsabstufung wahrscheinlicher als eine Heraufstufung macht.

          Man befürchtet bei S&P, die Pläne könnten nicht ausreichend sein, um das Haushaltsdefizit nachhaltig zu bekämpfen. Dem Urteil der Analysten zufolge setzt das Programm zu sehr auf Steuererhöhungen anstatt auf Einsparungen. „Durch die Fokussierung auf die Einnahmenseite wird nicht ausreichend auf das Problem auf der Ausgabenseite reagiert, obwohl darin die Wurzel des Haushaltsdefizits liegt“, kritisiert S&P-Analyst Kai Stukenbrock das Haushaltsprogramm . Anders als die Regierung rechnet er in diesem Jahr sogar mit einem Defizit von elf Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Und selbst 2009 sieht er es noch auf einem hohen Niveau von 6,9 Prozent.

          Am Devisenmarkt reagierte der Forint zum Euro in der Spitze mit einer Abwertung auf 272,30 Forint. So schwach zeigte sich die Währung seit zweieinhalb Jahren nicht mehr und zementiert damit den drittletzten Platz, den die ungarische Landeswährung in diesem Jahr im Vergleich der Wertentwicklung unter den europäischen Währungen nach der isländischen Krone und der türkischen Lira belegt.

          Die Kursverluste des Forints sind vor allem eine Reaktion auf infolge des gesenkten Ratings künftig höhere Refinanzierungskosten. Die Bemühungen, die Schuldenlast zu verringern, werden dadurch natürlich nicht einfacher gemacht. Negativ reagierten aber auch der Anleihen- und der Aktienmarkt. Die Rendite zehnjähriger ungarischer Staatsanleihen stieg im Tageshoch gleich um 24 Basispunkte auf 7,31 Prozent, was sich auch damit begründen läßt, daß wegen des schwachen Forints der Inflationsdruck über teurer werdende Importe zunehmen dürfte. Der Aktienindex BUX verbuchte letztlich zwar ein Plus von 0,4 Prozent, lag aber vor der Bonitätsabstufung mit 3,5 Prozent im Plus.

          Marktteilnehmer trauen den Versprechungen nicht mehr

          Auf die Kritik von S&P und anderen Experten konterte der Finanzminister zwar damit, daß man offenbar das Ausmaß der Einsparpläne noch nicht verstanden habe und die darin enthaltenen strukturellen Veränderungen übersehe. Aber wie sich unschwer am Forintkurs ablesen läßt, hat der Markt das Vertrauen in die ungarische Politik schon vor einiger Zeit verloren. „Die Ratingagenturen können die Sparversprechungen der Regierung nicht mehr hören, weil sie bisher trotzdem letztlich immer nur steigende Defizite gesehen haben. Die Aufgabe für die ungarische Regierung lautet jetzt, den Markt davon zu überzeugen, daß man die Versprechungen auch tatsächlich einhalten kann“, bringt es Carlin Doyle, Strategin für Schwellenländer bei State Street Global Markets auf den Punkt.

          Der Abstand zum bisherigen Rekordtief von 272,75 Forint für den Euro, das der Forint am 03. Dezember 2003 markierte, ist inzwischen nur noch minimal. Sollte der Forint in den nächsten Tagen noch etwas weiter abrutschen - wonach es momentan aussieht - dann würde sich auch charttechnisch die Lage für die ungarische Landeswährung noch einmal drastisch verschlechtern.

          Einem Mißtrauensvotum kommt neben den deutlich höheren Renditen, die Forint-Anleihen verglichen mit polnischen Zloty-Anleihen und tschechischen Kronen-Anleihen abwerfen, übrigens auch die Bewertung des ungarischen Aktienmarktes gleich. Den im ungarischen Leitindex BUX vertretenen Aktien wird auf Basis der für 2007 erwarteten Ergebnisse im Schnitt nur ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp unter zehn zugebilligt. Dagegen liegt das KGV der im polnischen WIG-Index enthaltenen Werte bei 11,9 und derer im tschechischen PX 50 bei durchschnittlich 12,6.

          Dieser Bewertungsabschlag, den der ungarische Aktienmarkt somit gegenüber vergleichbaren Börsen aufweist, läßt sich auch damit erklären, daß gerade viele institutionelle Anleger ungarische Aktien wegen der Abwertungsrisiken eher meiden. Solange die Marktteilnehmer den Sparanstrengungen der Regierung nicht mehr Glauben schenken, wird sich an diesem Bewertungsabschlag auch nichts ändern.

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