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Online-Kreditgeschäfte : Goldman Sachs nähert sich den Normalverdienern

Die Wall-Street-Bank will möglicherweise schon ab kommendem Jahr Online-Kredite für Normalverdiener anbieten. Bild: dpa

Mit Online-Kreditgeschäften will Goldman Sachs vom Wachstum neuer Finanztechnologien profitieren. Dabei ist der Markt für Normalverdiener allerdings schon gut besetzt.

          3 Min.

          Als Goldman Sachs vor ein paar Jahren wegen der Finanzkrise zum Buhmann der Wall Street wurde, hatten die meisten Normalsterblichen noch große Wissenslücken. Der Name der großen Investmentbank war zwar nicht unbekannt, aber Goldman Sachs hat im Gegensatz zu Finanzriesen wie der Citigroup oder JP Morgan Chase in Amerika keine Geldautomaten an jeder Ecke. Das meiste Geschäft macht Goldman nach wie vor mit großen Firmenkunden und Profianlegern, etwa Hedgefonds oder Pensionskassen. Die Wall-Street-Bank hat zwar auch Privatkunden, aber die mussten schon vorher steinreich sein, um ein Depot für die Verwaltung ihres Vermögens bei Goldman Sachs eröffnen zu dürfen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          In den vergangenen Wochen und Monaten hat Goldman Sachs aber Schlagzeilen gemacht, die auf einen teilweisen Strategiewandel hindeuten und die Bank auch bei weniger vermögenden Amerikanern bekannter machen könnte. Goldman Sachs will in das Kreditgeschäft mit Verbrauchern und kleinen Unternehmen einsteigen.

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          Im Mai heuerte Goldman dafür den erfahrenen Manager Harit Talwar an, der davor beim Finanzdienstleister Discover Financial die wichtige Kreditkartensparte geleitet hatte. In der vergangenen Woche übernahm Goldman dann die Online-Bank des Mischkonzerns General Electric, der sich nach und nach von seiner Finanzsparte trennt. Amerikaner, die sich eine neue Küche, eine Reise oder neue Computer für ihr Geschäft leisten wollen, werden in Zukunft aber dennoch keine Filialen von Goldman Sachs aufsuchen. Auf den Bau eines teuren Filialnetzes verzichtet Goldman bei seinem Vorstoß in die Welt der Normalverdiener. Die Geschäfte sollen komplett über das Internet abgewickelt werden. Nach Medienberichten werden die Kredite möglicherweise schon ab kommendem Jahr angeboten.

          Große Trends schnell erkennen

          Goldman reagiert mit der Neuorientierung auf das schnelle Wachstum von Technologieunternehmen, die das Geschäft traditioneller Banken mit digitalen Angeboten bedrohen. Eines der größten Schlagwörter an der Wall Street heißt derzeit „Fintech“ – Finanztechnologie. Die neuen Angebote junger Finanzdienstleister reichen von Überweisungen und Kreditvergabe über das Internet bis hin zur computergesteuerten Geldanlage.

          Die großen Banken haben den Trend erkannt. „Es gibt Hunderte von Start-ups mit viel Verstand und Geld, die an verschiedenen Alternativen zum traditionellen Bankgeschäft arbeiten“, schrieb Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende von JP Morgan Chase, in seinem jüngsten Brief an die Aktionäre. Analysten von Goldman Sachs bezifferten die durch konkurrierende Fintech-Unternehmen bedrohten Gewinne amerikanischer Banken kürzlich auf 470 Milliarden Dollar.

          Goldman Sachs hält sich zugute, große Trends früh zu erkennen und entsprechend schnell darauf zu reagieren. Als Investor ist Goldman schon länger an jungen Fintech-Unternehmen beteiligt. Die Bank hat unter anderem in den Bezahldienstleister Square investiert und in Bluefin Payments, eine Firma, die sich auf Sicherheitstechnologie für Online-Zahlungen konzentriert.

          Im Segment „Big Data“ investierte Goldman in Dataminr, ein Unternehmen, das Unmengen von Daten in sozialen Medien unter anderem für Kunden in der Finanzbranche auswertet. Dazu ist Goldman an Kensho Technologies beteiligt. Deren Software analysiert innerhalb von Minuten hohe Datenmengen, um spezifische Reaktionen von Vermögenswerten auf hypothetische Ereignisse vorherzusagen. Goldman nutzt diese Software im Rahmen einer strategischen Partnerschaft auch selbst.

          Markt für Online-Kreditanbieter ist allerdings schon gut besetzt

          Dass Goldman nun eigenständig versucht, im Fintech-Bereich für Privatkunden und Mittelständler mitzuspielen, unterstreicht die großen Chancen des Umbruchs. „Die Firma hat digitale Bankdienstleistungen für Verbraucher und kleine Unternehmen als chancenträchtigen Bereich identifiziert“, schrieben der Vorstandsvorsitzende von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, und seine Nummer zwei, Gary Cohn, Anfang Mai in einer innerbetrieblichen Mitteilung, die an der Wall Street die Runde machte. „Die traditionelle Art und Weise, wie Finanzdienstleistungen an Verbraucher und kleine Unternehmen übermittelt werden, wird durch den technologischen Fortschritt grundlegend umgestaltet.“ Goldman könne sich dabei seine „Kompetenzen in Technologie und Risikomanagement“ zunutze machen, ohne für ein teures Filialnetz zahlen zu müssen.

          Der Markt für Online-Kreditanbieter ist allerdings schon gut besetzt. Zwei der größten Konkurrenten, Lending Club und On Deck Capital, sind im vergangenen Jahr an die Börse gegangen. Für Anleger hat sich das zuletzt aber nicht ausgezahlt. Der Aktienkurs von Lending Club liegt in diesem Jahr um 47 Prozent im Minus, der Kurs von On Deck Capital ist um 58 Prozent gefallen. Der Aktienkurs von Goldman Sachs hat dagegen um knapp 4 Prozent zugelegt und ist damit doppelt so stark gestiegen wie der breit gefasste Aktienindex S&P 500.

          Goldman Sachs reagiert mit den neuen Plänen auch auf die nach der Finanzkrise schärfer gewordenen regulatorischen Auflagen, die einige bisher lukrative Geschäfte von Investmentbanken beschränken. Unter anderem dürfen Investmentbanken wie Goldman nicht mehr auf eigene Rechnung handeln. Verbraucherkredite bieten die Chance auf hohe Erträge, weil die Zinsen dafür in der Regel etwas höher liegen.

          Der bisherige Arbeitgeber des Neu-Goldman-Managers Talwar, Discover, deren Verbraucherkreditportfolio mit zweistelligen Prozentraten wächst, stellt seinen Kunden einen durchschnittlichen Zinssatz von 12 Prozent in Rechnung. Discover kommt unter anderem deswegen auf eine Eigenkapitalverzinsung (Return on Equity) von mehr als 20 Prozent – das ist fast doppelt so hoch wie die von Goldman Sachs.

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