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Inflation im Euroraum : Ist das 2-Prozent-Inflationsziel der EZB noch zeitgemäß?

Die Zentrale der EZB im Morgrauen von Frankfurt Bild: dpa

Die EZB pumpt weiter Geld in die Märkte - und will so die Inflation auf zwei Prozent steigern. Einige Ökonomen fänden null Prozent besser, andere warnen davor. Umstritten ist der Faktor Demographie.

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          Die EZB pumpt und pumpt und pumpt. Seit März drückt die Europäische Zentralbank monatlich rund 60 Milliarden Euro Zentralbankgeld durch Anleihekäufe in die Finanzmärkte. Das soll die Inflationsrate auf das selbstgesteckte mittelfristige Ziel von knapp unter 2 Prozent anheben. Doch die Inflation bleibt niedrig. Abzüglich der Energiepreise liegt sie nur bei einem Prozent. EZB-Chef Mario Draghi weckt nun die Erwartung, dass die Geldpumpe noch stärker oder länger laufen könnte. Doch kämpft er vielleicht gegen Windmühlen mit dem Versuch, die Inflation in Richtung 2 Prozent zu schieben?

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Angesichts der schwachen Konjunktur sei dieses Ziel kaum erreichbar – „zumal vor dem Hintergrund des starken demographischen Gegenwinds“, sagte der frühere Bundesbankpräsident Axel Weber vor Kurzem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wenn der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter schrumpft, sinkt das Arbeitskräftepotential. „Und das bedingt einen deflationären Druck“, ist Weber überzeugt. Das sei ein strukturelles Problem, das sich nicht mit einer expansiven Geldpolitik lösen lasse. Indirekt hat Weber damit geraten, das 2-Prozent-Ziel fallenzulassen. Zumindest sollte die EZB die Geldpumpe nicht weiter hochfahren. Es gibt weitere prominente Stimmen, die das fordern. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sagt: „Der Maastrichter Vertrag verlangt Preisstabilität. Das heißt null Prozent Inflation.“ Er findet, die EZB habe eigenmächtig ihr Mandat verändert.

          Amtierende Notenbanker halten an 2-Prozent-Ziel fest

          Wie kam es tatsächlich zur Festlegung dieses Inflationsziels? Als die EZB 1998 ihre Arbeit aufnahm, entwickelte der damalige Chefvolkswirt Otmar Issing eine geldpolitische Strategie. Im EZB-Rat gab es Stimmen für und gegen einen numerischen Zielwert. „Für ein Ziel von 2 Prozent sprach die Tradition der Bundesbank“, sagt Issing. Bei der Festlegung des Geldmengenziels hatte die Bundesbank mit einer solchen jährlichen Teuerung kalkuliert. Weitere Gründe waren die vermuteten Messfehler (die statistisch ausgewiesene Inflation sei zu hoch, weil Qualitätsverbesserungen der Güter nicht ausreichend berücksichtigt würden), der nötige Abstand zur Nulllinie, damit die Geldpolitik auch im Krisenfall noch Lockerungsspielraum habe, sowie die Tatsache, dass der Euroraum ein heterogenes Gebiet ist: Wenn es im Durchschnitt 2 Prozent Inflation gibt, liegen einige Länder logischerweise darunter. Die Maßgabe „unter zwei“ war der damaligen sehr niedrigen Inflationsrate geschuldet. 2003 sagte der EZB-Rat dann öffentlich, dass er die Inflationsrate „unter, aber nahe 2 Prozent“ halten wolle. Von Anfang an betonte jedoch die EZB, dass sie die Preisentwicklung nur auf mittlere Sicht zu kontrollieren vermag.

          Während in Deutschland Stimmen zu hören sind, die für null Prozent plädieren, gibt es in der internationalen Diskussion auch Vorstöße in die andere Richtung. Warum nicht 4 Prozent statt 2 Prozent Inflationsziel?, fragte der damalige IWF-Chefökonom Olivier Blanchard vor fünf Jahren, als die große Rezession gerade vorbei war und die Staatsschuldenkrise begann. Kenneth Rogoff, sein Vorgänger als IWF-Chefökonom, gab zu bedenken, dass mehr Geldentwertung den Abbau der Staatsschulden erleichtern werde.

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