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Nächste Zinssenkung in Europa : Norwegen senkt Leitzins auf ein Rekordtief

Ölplattform in der Nordsee: Die norwegische Wirtschaft leidet besonders unter dem starken Rückgang des Ölpreises. Bild: dpa

Nach der Leitzinssenkung auf 0,5 Prozent behält sich die norwegische Notenbank auch einen Negativzins vor – doch das nur für den Fall, dass sich eine Entwicklung der letzten Monate verschärfen sollte.

          Weiter geht es mit Senkungen von Leitzinsen in Europa. Wie von den meisten Marktteilnehmern erwartet, hat die Notenbank in Norwegen am Donnerstag ihren Leitzins auf einen rekordniedrigen Stand von 0,5 Prozent gesenkt. Zuvor hatte der Zins bei 0,75 Prozent gelegen. Und damit ist das Ende der Fahnenstange vermutlich noch nicht erreicht.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          „Die Aussichten für die norwegische Wirtschaft legen nahe, dass der Zinssatz im Laufe des Jahres weiter gesenkt werden könnte“, sagten Notenbank-Gouverneur Oeystein Olsen in Oslo. Für den Fall eines wirtschaftlichen Schocks, der spürbar auf der norwegischen Wirtschaft lasten könnte, wollte Olsen auch negative Leitzinsen nicht ausschließen: „Ein Zins von null Prozent ist keine Untergrenze für uns.“

          Ankäufe von Staatsanleihen hat die Notenbank bisher nicht erwogen. Sie gelten auch als wenig wahrscheinlich, weil es am Material fehlt. Die norwegische Staatsschuld ist mit rund 30 Prozent des BIP nicht hoch. Die Wirtschaft leidet besonders unter dem starken Rückgang des Ölpreises. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im vergangenen Jahr mit rund einem Prozent so schwach wie seit der Finanzkrise im Jahre 2009 nicht mehr.

          Die Arbeitslosenquote kletterte seither von 3,2 auf 4,6 Prozent, den höchsten Stand seit zehn Jahren. Viele Energiekonzerne entlassen Mitarbeiter, um Kosten zu reduzieren. Als Folge der schwachen Konjunktur steht seit geraumer Zeit auch der Wechselkurs der norwegischen Krone gegenüber dem Euro unter Druck.

          „Nicht vor September“

          Auch wenn die Notenbank weitere Senkungen der Leitzinsen in Aussicht stellt, rechnet der Markt nicht mit schnellen Entscheidungen. „Ein weiterer Zinsschritt ist möglich, doch wohl nicht vor September“, sagte der Chefökonom der Danske Bank, Frank Jullum. „Die Notenbank ist bereit, auf null Prozent zu gehen. Negative Zinsen will sie aber nur dann machen, wenn es zu einem großen Konjunktureinbruch kommt.“ In der Großbank Handelsbanken wird die Wahrscheinlichkeit eines negativen Leitzinses bis zum Jahresende auf 20 Prozent veranschlagt.

          Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält auch nach den jüngsten Beschlüssen der Europäischen Zentralbank (EZB) an ihrer Geldpolitik fest. Wie die Notenbank am Donnerstag im Rahmen ihrer vierteljährlichen Lagebeurteilung mitteilte, belässt sie die Negativzinsen unverändert. Banken, die Geld auf einem Girokonto der SNB parken, müssen auf einen Teil dieser Einlagen also weiterhin einen Strafzins von 0,75 Prozent bezahlen. Das Zielband für den Referenzzins Drei-Monats-Libor bleibt zwischen minus 1,25 Prozent und minus 0,25 Prozent.

          Politik der ruhigen Hand bei der SNB

          Die EZB hatte vor einer Woche angekündigt, die Geldschleusen für den Euroraum weiter zu öffnen und den Einlagesatz um 10 Basispunkte auf minus 0,4 Prozent zu senken. Obwohl die Zinsdifferenz zur Schweiz damit etwas geringer geworden ist, kam es in der Folge nicht zu einer Aufwertung des Schweizer Frankens. Der Euro pendelt weiterhin um die Marke von 1,10 Franken. Dabei dürfte die Aussage von EZB-Präsident Mario Draghi, wonach vorerst keine weiteren Zinssenkungen zu erwarten seien, entscheidend gewesen sein.

          Auch die jüngste Entscheidung der amerikanischen Notenbank, das Tempo der Zinserhöhung in Amerika zu drosseln, hat die Ausgangslage für die Lagebeurteilung der SNB nicht wesentlich verändert. Die Notenbank bekräftigt, dass sie den Franken nach wie vor für deutlich überbewertet hält.

          Mit den Negativzinsen will sie Investoren davon abhalten, ihr Geld in Franken anzulegen. „Gleichzeitig bleibt die Nationalbank am Devisenmarkt aktiv, um bei Bedarf Einfluss auf die Wechselkursentwicklung zu nehmen“, heißt es in der Mitteilung der SNB. Die VP Bank aus Liechtenstein lobt diese Politik der ruhigen Hand: „Während bei den großen Notenbanken derzeit voreilige Hektik aufkommt, ist es gut zu wissen, dass die SNB keine Kurzschlusshandlungen vollführt.“

          Gewinnmargen immer noch unter Druck

          Angesichts der leicht eingetrübten Aussichten für die Weltwirtschaft und der Wachstumsverlangsamung in China dämpfte die SNB ihre Erwartungen an die Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz. Bisher hatte die Nationalbank für dieses Jahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,5 Prozent gerechnet. Jetzt erwartet sie ein Plus zwischen 1 und 1,5 Prozent.

          2015 hatte sich das Wachstum vor allem wegen der starken Aufwertung des Schweizer Frankens auf 0,9 Prozent halbiert. Die Gewinnmargen vieler Unternehmen befänden sich immer noch unter Druck, schreibt die SNB. Entsprechend gedämpft seien Investitionsneigung und die Arbeitsnachfrage.

          Auch die Bank of England beließ den britischen Leitzins am Donnerstag beim Rekordtief von 0,5 Prozent. Sie verwies unter anderem auf die mit einem „Brexit“ verbundene Unsicherheit.

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