https://www.faz.net/-gv6-829ka

Staatsanleihen : Niemand handelt mehr mit griechischen Anleihen

Griechenland: Investoren beten, dass nichts passiert Bild: dpa

Die Kurse griechischer Staatsanleihen fallen am Donnerstag. Aber wer handelt da eigentlich? Nur noch ein paar Zocker. Der Markt ist schon lange tot.

          2 Min.

          Besorgt starren die Anleger am Donnerstag auf Griechenland. Basierend auf Gerüchten, die Syriza-Regierung habe Kontakt mit dem Internationalen Währungsfonds aufgenommen, um eine Stundung der in diesem Jahr fälligen Schulden von knapp einer halben Milliarde Euro zu erreichen, reagieren die Aktienmärkte mit Kursverlusten.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          An den Anleihemärkten fallen die Kurse griechischer Staatsanleihen, im Gegenzug steigen ihre Renditen, weil die Anleihen – ordnungsgemäße Bedienung vorausgesetzt – billiger geworden sind und daher mehr Ertrag versprechen. Gleichzeitig steigen die Kurse der Bundesanleihen, was manchen Beobachter zu dem Schluss verleiten könnte, hier würde umgeschichtet.

          Kein unmittelbarer Effekt für den restlichen Markt

          Wer allerdings einen Moment nachdenkt, muss sich doch ein paar Fragen stellen. Zum ersten: Würde angesichts der Größe beider Länder ein Exodus aus einer griechischen Anleihe ausreichen, um die Rendite der deutschen Bundesanleihe zu bewegen? Zum zweiten: Wer handelt eigentlich noch griechische Staatsanleihen?

          Im ersten Fall könnte man ja meinen, dass Griechenland angesichts der höheren Verschuldung mehr Anleihen auf dem Markt hätte. Doch in absoluten Zahlen liegen die gesamten Anleiheschulden Griechenlands bei 83 Milliarden Euro, die der Bundesrepublik bei 1,125 Billionen. Tatsächlich hätte also auch eine direkt Umschichtung keinen großen Effekt auf den Kurs der Bundesanleihe.

          Mittelbar wird allerdings ein Schuh daraus, wenn man in Betracht zieht, dass auch die Kurse portugiesischer, vor allem aber auch italienischer und spanischer Staatsanleihen am Donnerstag gefallen sind. Griechenland bietet den Anlass zur Umschichtung. Nicht so sehr, weil die Investoren schon den Zusammenbruch fürchten, sondern vielmehr weil ihre Handelsstrategie vorsieht bei einer Verschärfung der griechischen Schuldenkrise das Risiko ihrer Anleihendepots zu verringern. Und das heißt: Italien raus, Spanien raus, Finnland rein, aber eben vor allem Deutschland – wegen seiner schieren Größe.

          Die zweite Frage ist fast noch interessanter: Wer eigentlich handelt noch griechische Staatsanleihen? Die Antwort ist simpel: Niemand. Oder zumindest fast niemand. Das Handelsvolumen griechischer Staatsanleihen im Sekundärmarkt betrug nach Daten der griechischen Notenbank 2009 noch 326 Milliarden Euro. 2010 war es schon auf 95 Milliarden gefallen. 2012, im Jahr des Schuldenschnitts waren es gerade einmal 680 Millionen – eine quantité négligeable. Bis 2014 erholte sich angesichts der Verbesserungen im Land das Volumen wieder auf rund 10 Milliarden Euro. Das war immer noch praktisch nichts. Und 2015 brach der Handel wieder völlig zusammen. Im ersten Quartal waren es 864 Millionen Euro, davon im März gerade mal 63 Millionen.

          Übrigens hatte der Exodus der Investoren schon 2005 begonnen, lange vor der Finanzkrise. Zwischen 2004 und 2008 fiel das Handelsvolumen um mehr als 70 Prozent. Der große Zusammenbruch kam dann im Mai 2010. Seitdem werden griechische Anleihen praktisch kaum noch gehandelt. Außer eben von einigen Tradern, die mit den von ihnen ausgelösten starken Kursänderungen infolge irgendwelcher, manchmal halbgarer Meldungen rund um Griechenland versuchen, Geld zu verdienen.

          Schon 2005 ging das Handelsvolumen deutlich zurück Bilderstrecke
          Schon 2005 ging das Handelsvolumen deutlich zurück :

          Diese muss keiner bedauern, denn sie sollten wissen, was sie tun. Ein griechischer Zahlungsausfall würde also zulasten der griechischen Geschäftsbanken, nationaler Notenbanken des Euroraums und vor allem der EZB gehen. Umstritten ist, welchen Schaden das anrichten könnte. Denn schließlich druckt eine Notenbank ihr Geld selbst und braucht keine Unterstützung. Nur mittelbar dürfte es sich auf den Staatshaushalt auswirken. Denn Gewinne der Notenbanken sind in vielen Staatshaushalten fest eingeplant. Diese fielen geringer aus. Aber eigentlich ist das auch nicht Schuld der Notenbank. Denn die ist eigentlich nicht dafür da, Gewinn zu machen.

          Weitere Themen

          Universal Music feiert furioses Börsendebüt

          Erwartet starker Start : Universal Music feiert furioses Börsendebüt

          Es ist der bislang größte Börsengang des Jahres in Europa und der Erfolg kommt wenig überraschend. Die Aktie von Universal notiert zum Debüt deutlich im Plus – und die Bewertung steigt gleich um mehrere Milliarden Euro.

          Topmeldungen

          Asylbewerber im bayerischen Manching im Mai 2018

          Was zu tun ist : Migration besser steuern

          Deutschland ist ein Einwanderungsland – aber es sollte sich nicht übernehmen. Die neue Bundesregierung muss vor allem in der EU für eine Asylreform eintreten.

          Radikalisierung der Querdenker : „Es sind Rufe nach Exekutionen“

          Nach dem tödlichen Angriff auf den Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein zeigen sich Politiker entsetzt vom Ausmaß der Radikalisierung des Täters. Kenner der Verschwörungstheoretiker-Szene sind dagegen weniger überrascht.
          Großflächige Aufforstung ist eine Möglichkeit, die Kohlendioxid-Pegel langfristig zu stabilisieren. Doch ob die dafür nötigen Flächen zu Verfügung stehen, ist eine politisch-gesellschaftliche Frage.

          Negative Emissionen : Wie man das CO2 aus der Luft entfernt

          Ohne die aktive, technische Entfernung von CO2 aus der Luft bleiben alle Klimaziele Makulatur. Tragisch, dass nicht zuletzt Klimaschützer sie so lange verteufelt haben.
          Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Sonntag bei einer Pressekonferenz der EU-Außenminister in New York

          EU im U-Boot-Streit : „Was heißt, Amerika ist zurück?“

          Die Spitzen der EU stellen sich im U-Boot-Streit mit Amerika, Australien und Großbritannien hinter Paris. Ratspräsident Charles Michel fragt offen, was unter Joe Biden anders sei als unter Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.