https://www.faz.net/-gv6-7rwgr

Neues Aufsichtsrecht : Zu viele Sicherheiten werden zum Risiko

Alle drei große Ratingagenturen prüfen derzeit genau, ob sie europäische Banken nicht herabstufen sollten. Bild: dpa

Das neue Aufsichtsrecht stellt die Finanzierung der Banken auf den Kopf. Die Institute müssen aufpassen, dass sie Gläubiger nicht verprellen.

          3 Min.

          Es klingt paradox, entspricht aber den künftigen Bedingungen der europäischen Bankenunion. Im neuen Aufsichtsrecht können zu viele Sicherheiten das Kreditrisiko erhöhen. Die ab dem Jahr 2016 geltenden Regeln werden sich erheblich auf die Finanzierung der Banken auswirken. Immer wichtiger wird, wieweit sie ihre Bilanz zur Besicherung verpfänden können. In einer am Dienstag veröffentlichten Studie warnt DZ-Bank-Analyst Thorsten Euler davor, dass Banken zu stark ihre Forderungen und Wertpapiere zur Besicherung einsetzen. Denn dies kann dazu führen, dass ihre Kosten für unbesicherte Anleihen deutlich steigen. Künftig haften bei Schieflagen von Banken zunächst die Aktionäre, dann die Gläubiger nachrangiger sowie unbesicherter Anleihen und danach die Einlagen, die nicht von der gesetzlichen Garantie (bis 100.000 Euro) gedeckt werden. Setzt eine Bank ihre Bilanz zu stark als Pfand für besicherte Finanzierungen ein, dann erhöht sich das Verlustrisiko für unbesicherte Gläubiger.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gerade Banken, deren Finanzierung von verpfändeten Vermögenswerten geprägt werde, könnten von steigenden Kosten für unbesicherte Anleihen betroffen sein, warnt DZ-Bank-Analyst Euler. Dass sich die Risikoaufschläge von unbesicherten klassischen Anleihen gegenüber besicherten Bankanleihen wie zum Beispiel Pfandbriefen noch nicht erhöht haben, führt er auf die Suche der Investoren nach Rendite sowie der Entspannung an den Kapitalmärkten in der Niedrigzinsphase zurück. Die Reservierung großer Teile der Bilanz für die Finanzierung hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Klassisches Beispiel sind mit Hypotheken- oder Staatskrediten besicherte Anleihen, sogenannte Covered Bonds. Zu ihnen zählen die deutschen Pfandbriefe, die ihren Ursprung in einem Erlass von Friedrich dem Großen aus dem Jahr 1769 haben.

          Verpfändung der Bankbilanzen treibt Kosten nach oben

          Covered Bonds sind nicht Bestandteil dieser Haftungskaskade. In der EU-Abwicklungsrichtlinie werden sie ebenso wie die gesetzlich garantierten Einlagen (bis 100.000 Euro) von dem sogenannten Bail-in ausgeschlossen. Darüber hinaus können Geschäftsbanken bei den Notenbanken Wertpapiere und auch Kredite – aber in der Regel mit einem Sicherheitsabschlag – einreichen, um Liquidität zu erhalten. Solche Repo-Geschäfte, also Kredit gegen Wertpapiere als Sicherheit, vereinbaren Banken auch untereinander.

          Aber nicht nur die Verpfändung der Bankbilanzen treibt die Kosten für unbesicherte Anleihen nach oben, sondern auch die höhere Ausfallwahrscheinlichkeit im Insolvenzfall. Denn bislang profitierten die Schuldtitel von der Annahme, dass Großbanken mit hoher Bedeutung für das nationale Bankensystem von ihren Staaten aufgefangen werden. Dadurch erhöht sich das Rating von Banken wie der Deutschen Bank oder der Commerzbank bei der Ratingagentur Moody’s um drei Stufen nach oben, was die Zinskosten für unbesicherte Anleihen senkt. Doch in der Bankenunion können die Investoren unbesicherter Anleihen nicht mehr mit einer Rettung durch den Steuerzahler rechnen. Denn sie stehen in der Haftungskaskade sehr weit oben.

          Mehr Eigen- und Nachrangkapital mindern Risiko

          Deshalb prüfen alle drei große Ratingagenturen – Standard&Poor’s, Moody’s und Fitch – zahlreiche Bewertungen europäischer Banken auf eine Herabstufung. Bislang wurde eine implizite staatliche Garantie unterstellt. Die Analysten der WGZ Bank gehen aber davon aus, dass die von den Ratingagenturen unterstellte Stützungswahrscheinlichkeit durch die Staaten für die Banken nicht vollständig entfallen wird. Sie verweisen auf Ausnahmeregelungen in der EU-Abwicklungsrichtlinie, die staatliche Rettungen in bestimmten Fällen ermöglichen.

          DZ-Bank-Analyst Euler verweist darauf, dass die Gläubiger unbesicherter Anleihen ein geringeres Verlustrisiko haben, je größer der Anteil der Verbindlichkeiten ist, die für Verluste haften. Auf der anderen Seite mindern auch mehr Eigenkapital und Nachrangkapital – zum Beispiel Pflichtwandelanleihen („CoCo Bonds“) – das Risiko. Hier haben sich viele europäische Banken mit Blick auf die Bilanzprüfungen und Stresstests der Europäischen Zentralbank (EZB) deutlich gestärkt. Die Deutsche Bank erhöhte ihr Eigenkapital um 8,5 Milliarden Euro und die DZ Bank um 1,5 Milliarden Euro.

          Nach Ansicht von Euler müssen die Banken künftig einen Mittelweg zwischen besicherter und unbesicherter Finanzierung finden. Erschwert wird dies durch die geplanten Regelungen für den Liquiditätspuffer, mit denen die Banken ihre Zahlungsfähigkeit in Krisenzeiten sichern müssen. Denn hier werden Covered Bonds bevorzugt.

          Weitere Themen

          E10-Benzin kostet wieder weniger

          Verwirrung an der Tankstelle : E10-Benzin kostet wieder weniger

          Zum Jahresanfang entfiel an vielen Zapfsäulen der übliche Preisunterschied von 2 Cent zwischen den Benzinsorten. Das sorgte für Rätselraten. Nun sollen Autofahrer doch wieder klimafreundlicher tanken.

          Topmeldungen

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.
          Das Oberste Gericht in Warschau (Archivbild)

          Justizreform in Polen : Richter gegen Richter

          In Polen spitzt sich der Streit um die Justizreform zu: Während das Oberste Gericht verhindern will, dass die 500 neuen Richter Urteile sprechen können, beschließt das Parlament ein Gesetz, um stärker durchgreifen zu können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.