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Neuer Staatskredit : Die Bundesregierung will null Prozent Zinsen zahlen

Anleger flüchten weiter in den sicheren Hafen der Bundeswertpapiere. Bild: dapd

Der deutsche Staat will erstmals Anleihen über zwei Jahre mit einem Kupon von null Prozent ausgegeben. Die Nachfrage dürfte trotzdem hoch sein, Deutschland gilt im Euroraum noch immer als sicherer Hafen.

          Erstmals in der Geschichte will der deutsche Staat für Anleihen gar keinen Zins mehr zahlen. An diesem Mittwoch versteigert die Finanzagentur zweijährige Schatzanweisungen über 5 Milliarden Euro zu einem Zinskupon von 0,00 Prozent. Zwar hat sich in einer vorangegangenen Auktion eines sechsmonatigen Geldmarktpapieres schon eine negative Emissionsrendite ergeben, aber noch nie war ein Schuldtitel mit einer längeren Laufzeit mit null Prozent ausgeschrieben worden. Ein Sprecher der Finanzagentur sagte am Dienstag, dass der Zinskupon von null Prozent den Markterwartungen entspreche. Dort notierten zweijährige Anleihen mit einer Rendite von 0,056 Prozent.

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          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für Jochen Felsenheimer, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Assenagon Credit Management, spiegelt der Zinskupon von null Prozent die Spitze in der nun schon länger zu beobachtenden Flucht der Anleger in möglichst sichere Anlagen wider. Nach Ansicht von Leef Dierks, Kreditanalyst von Morgan Stanley, halten gegenwärtig viele institutionelle Investoren ungewöhnlich hohe Bestände an Bargeld oder sehr liquiden Wertpapieren, da aufgrund der herrschenden Unsicherheit an den Märkten kein klarer Trend auszumachen sei. Felsenheimer und Dierks können sich durchaus vorstellen, dass einige Investoren die Schatzanweisungen auch zu einem Zins von null Prozent nachfragen werden. „Hier geht es rein um Kapitalerhaltungsmaßnahmen und nicht um Erträge“, sagte Dierks. Der Zinskupon von null Prozent zeige auch, wie stark die Refinanzierungskosten der Staaten in der Währungsunion auseinanderdriften.

          Negativer Realzins

          Die vorangegangene Serie an zweijährigen Schatzanweisungen war mit einem Zinskupon von 0,25 Prozent ausgestattet. Bis Oktober 2011 wurden diese Titel noch mit einem jährlichen Zins von 0,75 Prozent ausgeschrieben. Dass der Zinskupon nun sogar auf null Prozent gesenkt wird, verdeutlicht die Suche der Investoren nach als ausfallsicher geltenden Anlagen. Davon haben Bundesanleihen in der europäischen Staatsschuldenkrise stark profitiert. Mit den steigenden Kursen sanken die Renditen deutlich. So ging die Rendite für die richtungsweisende zehnjährige Anleihe seit Juni 2011 von 3 Prozent auf 1,4 Prozent zurück. Angesichts einer Inflation in Deutschland von zuletzt 2,2 Prozent verlieren die Anleger mit Bundesanleihen Geld, weil der Realzins negativ ist.

          Ob bei künftigen Auktionen mit einem negativen Zinskupon gerechnet werden muss, wollte ein Sprecher der Finanzagentur nicht kommentieren. Aber offenbar könnten hier Probleme in der technischen Umsetzung auftreten. Denn dann müssten die Anleger zu den Zinsterminen dem Finanzminister Geld überweisen. Allerdings ist das Phänomen einer negativen Emissionsrendite schon Anfang des Jahres aufgetreten, als der Bund sechsmonatige Schatzwechsel mit einer negativen Rendite von 0,01 Prozent begeben hatte. Die negative Emissionsrendite ergibt sich, indem die Investoren die Papiere zu einem höheren Kurs erwerben, als sie bei Fälligkeit zurückerhalten. Hier gibt es keine Zinstermine während der Laufzeit.

          Niederlande und Skandinavien profitieren von Bedürfnis nach Sicherheit

          Schon seit geraumer Zeit notieren drei- und sechsmonatige Geldmarktpapiere des Bundes am Markt mit negativen Renditen. Anleihen der Schweiz, die in zwei Jahren fällig werden, weisen gegenwärtig eine negative Rendite von 0,18 Prozent auf. Von der Flucht in Sicherheit haben auch die Staatsanleihen der Niederlande und skandinavischer Länder profitiert. So liegt die Rendite für zweijährige Anleihen Dänemarks mit 0,04 Prozent sogar unter der des Bundes.

          Während die rückläufigen Zinskosten für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erfreulich sind, stellen sie Lebensversicherer und Pensionsfonds vor große Probleme. Denn diese sind aufsichtsrechtlich gezwungen, einen hohen Teil ihrer Anlagen in sichere Staatsanleihen anzulegen. Dazu zählen vor allem Bundesanleihen. Doch deren negativer Realzins erschwert es den Lebensversicherern, den Garantiezins zu erzielen, der im Durchschnitt der laufenden Kundenverträge zwischen 3 und 4 Prozent liegt.

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