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Negative Renditen : Wer kauft Anleihen, für die man draufzahlt?

Überraschung in Lissabon: Selbst Portugal verkaufte unlängst sehr kurz laufende Staatsanleihen mit negativer Rendite. Bild: Reuters

Die Zinsen auf Staatsanleihen sinken weiter. Ein Drittel hat nun negative Renditen. Wer kauft Anleihen, mit denen man Verluste macht?

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          Mögliche weitere Schritte zur Lockerung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) werfen ihre Schatten voraus: Staatsanleihen aus vielen Teilen der Eurozone haben steigende Kurse und sinkende Renditen zu verzeichnen, seit EZB-Präsident Mario Draghi in der vergangenen Woche angekündigt hat, die Notenbank werde alles Notwendige tun, um die Inflation wieder etwas steigen zu lassen. Mittlerweile weisen laut Bloomberg europäische Staatsanleihen im Wert von mehr als 2 Billionen Euro eine negative Rendite auf. Etwa ein Drittel aller Anleihen im Europäischen Staatsanleihen-Index sei damit negativ – deutlich mehr als noch im Oktober, damals betraf das Anleihen im Wert von 1,38 Billionen Euro. Das wirft spannende Fragen auf: Wer hält eigentlich solche Anleihen mit einer negativen Rendite – bei denen man als Anleger Geld damit verliert, dass man sein Geld für einige Zeit einem Staat zur Verfügung stellt?

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei gibt es offenbar zwei große Gruppen: Auf der einen Seite institutionelle Anleger aller Art, die aus irgendwelchen Gründen gezwungen sind, in solche Anleihen zu investieren. Und auf der anderen Seite eher spekulative Anleger, die trotz des hohen Kursniveaus solcher Anleihen noch auf Kursgewinne setzen.

          Ulf Krauss, Anleihefachmann bei der Landesbank-Hessen Thüringen (Helaba) beschreibt das Kalkül großer Anleger und Banken so: Wer im Augenblick große Geldbeträge vorübergehend anlegen müsse und aus regulatorischen Gründen eine hohe Sicherheitsstufe brauche, könne das bei der EZB zu einem Strafzins von minus 0,2 Prozent tun. Oder aber in eine als vergleichsweise sicher geltende Anleihe investieren und dabei einen Strafzins von beispielsweise minus 0,1 Prozent in Kauf nehmen. „Da hat man die Wahl zwischen Pest und Cholera“, meint Krauss. „Jeder versucht, die Kosten zu reduzieren – und ist relativ zufrieden, wenn er mit einer Anleihe wenigstens weniger verliert als bei der EZB.“

          Bild: F.A.Z.

          Andere Möglichkeiten, wo man sicher große Beträge ohne Risiko und ohne Strafzins parken könne, würden rar. „Es gibt wenig Alternativen für Banken und große Investoren, um große Beträge in hochliquide Mittel für eine gewisse Zeit ohne große Verlustgefahr anzulegen“, sagt der Frankfurter Finanzprofessor Volker Wieland. Sichere Staatsanleihen mit kurzen Laufzeiten befinden sich schließlich überwiegend im negativen Bereich – und wenn man Geld in zehnjährige Staatsanleihen investiert, trägt man ein Kursrisiko. Auch Bankkonten fallen weitgehend aus: Die Banken selbst geben die negativen Einlagenzinsen der EZB schließlich auch an große Kunden weiter.

          Ausländische Notenbanken bilden Währungsreserven in Euro

          „Die Kapitalsammelstellen stehen deshalb erheblich unter Druck“, sagte Krauss. Das Ergebnis: In der Spanne der negativen Renditen zwischen 0 und minus 0,2 Prozent, also dem EZB-Einlagenzins, fänden sich im Augenblick auch ganz konservative institutionelle Anleger. Auch die EZB kauft bis zu einer Rendite von minus 0,2 Prozent. Wenn die EZB den Einlagenzinssatz weiter senke, verschiebe sich das sogar noch weiter in den negativen Bereich.

          Daneben gibt es offenbar auch unterschiedliche Gruppen von Anlegern mit einem spekulativen Interesse. Krauss nennt ganz grundsätzlich ausländische Anleger, die auf Währungsgewinne hoffen. „Wer als Anleger von außerhalb der Eurozone in zweijährige deutsche Staatsanleihen mit einer Rendite von minus 0,39 Prozent investiert und auf Währungsgewinne von 4, 5 oder 6 Prozent spekuliert, für den werden die negativen Zinsen vernachlässigbar.“ Ein Beispiel seien Hedgefonds, die diese Strategie verfolgen. Andere Investoren hofften einfach, zwischenzeitlich kleine Kursgewinne realisieren zu können.

          Andrew Bosomworth, Deutschland-Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco, sagt, sein Unternehmen investiere eine gewisse Summe an Barbeständen aus Fonds in kurzfristige Anlagen mit negativen Zinsen – versuche aber, diese Beträge möglichst klein zu halten: „Die negativen Renditen erzwingen auf diese Weise ein besseres Liquiditäts-Management.“ Die großen Bestände an Staatsanleihen mit negativen Renditen halten nach seiner Einschätzung hingegen ausländische Notenbanken, die damit ihre Währungsreserven in Euro bilden, sowie die Finanzabteilungen der Banken. Auch bei der Deutschen Bundesbank heißt es, die wirklich großen Bestände an Staatsanleihen mit negativen Renditen seien von institutionellen Investoren und Banken zu einem Zeitpunkt erworben worden, als die Renditen noch nicht negativ waren – und erst die Kursgewinne der Anleihen hätten die Renditen negativ werden lassen. Dort stellt sich das Problem vor allem dann, wenn die Anleihen auslaufen und eine Erneuerung nur mit einer negativen Rendite möglich ist.

          Haben Menschen eine veränderte Zeitpräferenz?

          In der Wissenschaft wird unterdessen auch eine noch weitergehende Deutung diskutiert: Kann es sein, dass solche negativen Zinsen auch der Ausdruck von sich verändernden Zeitpräferenzen der Menschen sind? Zugespitzt formuliert: Kann es passieren, dass die Menschen in alternden Industriegesellschaften so viel Wert auf eine sichere Altersvorsorge legen, dass ihnen irgendwann ein Euro in der Zukunft mehr wert ist als ein Euro in der Gegenwart – und sie aus diesem Grund bereit sind, für den sicheren Transfer von Geld von heute in die Zukunft negative Zinsen zu zahlen? Aus den Erfahrungen mit den Staatsanleihen bislang lässt sich das zwar nicht belegen. Denkbar wäre eine solche Entwicklung aber sowohl als Ausgangspunkt für negative Zinsen – wie auch als eine Folge davon, wenn irgendwann nahezu alle als sicher geltenden Möglichkeiten der Geldanlage mit einem negativen Zins versehen sind und die Menschen ihre Altersvorsorge nicht in bar halten wollen.

          Das Ganze ist hoch umstritten. Joachim Fels, ökonomischer Berater von Pimco, geht aber davon aus. „Ich glaube in der Tat, dass viele Menschen in reichen Volkswirtschaften, in denen die Grundbedürfnisse abgedeckt sind, mittlerweile eine negative Zeitpräferenz haben.“ Mit anderen Worten, die Menschen schätzten den zukünftigen Konsum im Ruhestand höher als den jetzigen. „Ich halte es deshalb nicht nur für möglich, sondern wahrscheinlich, das negative Zinsen eine Folge einer geänderten Zeitpräferenz sind.“ Wenn viele Menschen viel Konsum in die Zukunft verschieben wollten und andererseits die Unternehmen und die Regierungen wenig investieren wollten, dann könne der sogenannte natürliche Zins negativ werden. Dass umgekehrt negative Zinsen die Zeitpräferenz der Leute negativ werden lassen könnten, halte er nicht für wahrscheinlich. „Ich sehe die Kausalität von der Zeitpräferenz zum Zins laufen, nicht umgekehrt.“ Ähnlich argumentiert der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker, der als einer der ersten auf diese Deutung hingewiesen hat: „Der Zins kann negativ werden – allerdings nur dann, wenn das Sparbedürfnis für die Zeiten ohne Erwerbsarbeit hinreichend groß ist.“

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