https://www.faz.net/-gv6-8i892

Deutsche Staatsanleihen : Eine neue Epoche am deutschen Kapitalmarkt

Vor dem Finanzministerium in Berlin weht die Europa-Flagge. Die europäische Finanzpolitik bringt das aber noch lange nicht auf Kurs. Bild: Jens Gyarmaty

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist erstmals negativ. Für die Menschen sind negative Renditen eine unnatürliche Entwicklung – und eine Bedrohung für die Kapitalbildung.

          Nun ist es geschehen: Auch die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist am Dienstag unter null gefallen. Für den deutschen Kapitalmarkt ist dies ein epochales Ereignis. Denn wenn Anleger, Analysten und Ökonomen auf die Entwicklung des langfristigen Kapitalmarkts schauen, betrachten sie zunächst die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen. Negative Vorzeichen sind jedoch keine deutsche Sondersituation: Derzeit weisen rund um den Globus Anleihen im Wert von rund 9 Billionen Euro negative Renditen auf; darunter wurden für Bundespapiere mit Laufzeiten bis neun Jahren schon seit einiger Zeit negative Renditen errechnet.

          Neben Bundesanleihen sind in Deutschland auch Länderanleihen, Anleihen von Staatsbanken wie der KfW und der Rentenbank sowie Pfandbriefe von dieser Entwicklung betroffen. Auch ist Deutschland nicht das erste oder das einzige Land, in dem zehnjährige Staatsanleihen eine Rendite unter der Null-Linie zeigten: Für die Schweiz und für Japan lässt sich dieses Phänomen schon seit einiger Zeit beobachten.

          Verzweifelt auf der Suche nach sicheren Wertpapieren

          Negative Zinsen und Renditen – für viele Menschen klingt dies verrückt, nach einer Umkehrung gewohnter Verhältnisse. Der Sparer wird für seine Kapitalanlage bestraft, während der Schuldner, darunter der deutsche Staat als Emittent der Bundesanleihen, für seine Kreditaufnahme belohnt wird. Steht da die Welt nicht Kopf? „Viele Menschen verstehen das Konzept nicht, weil sie negative Zinsen für etwas Unnatürliches halten“, sagt der frühere Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank, Jean-Pierre Danthine. „Es funktioniert nicht, wenn Ökonomen ihnen das Gegenteil einreden wollen. Negative Zinsen sind unpopulär, und das ist ein Problem.“

          Auch langjährige Profis tun sich schwer, die neue Welt negativer Renditen nicht als Bedrohung wahrzunehmen. „So tief sind die Renditen in den vergangenen 500 Jahren nicht gewesen“, sagt der bekannte amerikanische Fondsmanager Bill Gross, der die Situation nicht für tragbar hält. „Wie eine Supernova werde sie zerplatzen.“

          Negative Renditen sind nicht nur unpopulär, sondern auch eine Herausforderung für viele Anleger – und zwar nicht nur für Privatanleger, sondern auch für Profis. Viele Großanleger wie Versicherungen, Versorgungswerke und Pensionskassen, die für Privatpersonen langfristig Kapital bilden, haben früher gerne Bundesanleihen mit langen Laufzeiten erworben, denn diese Papiere waren sicher und zinstragend zugleich. Mittlerweile befinden sich diese Anleger verzweifelt auf der Suche nach einigermaßen sicheren Wertpapieren, die noch eine positive Rendite tragen.

          Rückgang als säkulares Phänomen

          Es wird immer schwieriger. In den vergangenen Wochen sind auch die Renditen von Unternehmensanleihen deutlich zurückgegangen, denn die EZB kauft mittlerweile auch solche Papiere. Auf Aktien wollen wegen der Kursrisiken viele Anleger nicht ausweichen; nicht wenigen großen Häusern ist dies auch als Folge von Vorschriften gar nicht gestattet. Für die private Altersvorsorge wirken sich die sehr niedrigen Zinsen äußerst nachteilig aus – besonders in Deutschland, wo Anlagen in Zinsprodukten besonders beliebt und Anlagen in Aktien besonders unbeliebt sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Missbrauchsfall Lügde : Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt

          Der Mann soll nicht direkt an dem Missbrauch beteiligt gewesen sein, sondern per Webcam zugeschaltet. Ein Gutachter hatte ihn für voll schuldfähig erklärt. Die Vorsitzende Richterin nannte die Taten „schäbig und menschenverachtend“.

          Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

          Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.