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Geschichte eines Falls : Der Größenwahn des Siegfried Hofreiter

  • -Aktualisiert am

Spekulanten mag er nicht, lieber die ehrliche Arbeit mit Landmaschinen: Siegfried Hofreiter machte mit der KTG Agrar einen Kindheitstraum wahr. Dafür mussten andere die Rechnung zahlen. Bild: Amin Akhtar/laif

Am Anfang war Siegfried Hofreiter ein Kleinbauer. Am Ende hatte er den größten Agrarkonzern Europas, hunderte Millionen Euro Schulden und Mitarbeiter, denen es gutging wie ihm. Solange sie sein Glück nicht störten.

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          Wenn das Management in diesem Unternehmen konferierte, muss es ähnlich gewesen sein wie eine Sitzung des Zentralkomitees in den letzten Tagen des Sozialismus. Der große Vorsitzende hielt Monologe über den richtigen Weg, Zusammenhalt, Anstrengungen im Kampf, die Planziele, eine große Ernte. Konkret befasste sich das Gremium dann ausufernd mit Formalitäten und Nebensächlichkeiten. Jeder fühlte, wie nahe der Abgrund war, und niemand wagte, ein wahres Wort darüber zu sagen.

          Seinen Reichtum hat sich Siegfried Hofreiter, bis zum Sommer der große Vorsitzende seiner KTG Agrar, wie man sagt: selbst erarbeitet. Er war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Man muss 30 Jahre zurückreisen, in die achtziger Jahre, um die Geschichte dieses Mannes zu verstehen, dem es gelungen ist, in wenigen Jahren aber auch etwa 600 Millionen Euro Schulden anzuhäufen - ohne dass ein Außenstehender bemerkt hätte, dass etwas faul ist in Hofreiters KTG. Um zu verstehen, wie diese Wirtschaftsgeschichte möglich wurde, muss man auch Sulzemoos kennen, Hofreiters Heimat.

          Aus ärmlichen Verhältnissen

          Sulzemoos liegt zwischen München und Augsburg. Wenn man die Autobahn 8 verlässt, ist man gleich da. Am Rand des Dorfs liegt der Hof der Familie Hofreiter. Was heute aussieht wie viele Pendlerdörfer im Speckgürtel einer wohlhabenden Region war in den achtziger Jahren, als Hofreiter Agrarstudent war, noch eine ärmliche, kleinbäuerliche Gegend.

          Ein Besucher, der damals dort war, erinnert sich: Wie ihn die alten Hofreiters zum Kaffee empfingen, in der akkurat herausgeputzten Bauernstube, die so ausgesehen habe, als werde sie nur für Besucher geöffnet - steril, unbelebt, penibel dekoriert. Auch die Brüder saßen am Holztisch: Siegfried, der jüngere Werner. „Freundliche Menschen, unbedarft“, erinnert sich der Besucher, „und dieser Hof: klein, ärmlich. Wer das gesehen hat, der versteht, dass die Kinder keinen dringenderen Wunsch hatten, als da rauszuwachsen, als unbedingt zu Geld zu kommen.“

          Wachstum, Wachstum, Wachstum

          Im Sommer 2016 kippte das Kartenhaus KTG. Eine vergleichsweise geringe Summe von gut 17 Millionen Euro, die KTG an Zinsen für eine 2017 fällige Anleihe nicht zahlen konnte, war der Auslöser. Die Ursache war, dass KTG über Jahre viel mehr Geld ausgegeben hatte, als es eingenommen hatte.

          Niemand hatte das bemerkt: Nicht die Wirtschaftsprüfer und nicht die Anleger, nicht die Aktionäre, nicht die Bankenanalysten, nicht die Journalisten. Sie wurden zu Mitspielern in einem Illusionstheater mit simplem Plot: Wachstum, Wachstum, Wachstum.

          Man gönnt sich ja sonst nichts

          Das ging lange gut. Siegfried Hofreiter und zuletzt mehr als 800 Mitarbeiter hatten sich, finanziert durch das Geld von rund 10.000 Anlegern, ein Imperium geschaffen mit 45.000 Hektar Land.

          Hofreiter flog mit dem Hubschrauber, fuhr Sportwagen, die KTG leistete sich nahe dem Unternehmenssitz Oranienburg ein Herrenhaus für Schulungen. Er gönnte nicht nur sich etwas. Seine Manager kamen und gingen mit guten Abfindungen, es gab Schulungen in Luxushotels. „Die Gehaltsstruktur hat zum Teil ein phantastisches Niveau erreicht“, berichten die Insolvenzverwalter. „Es gibt Leasingverträge für Schlepper, die Männerherzen höher schlagen lassen, aber sicher nicht betriebsnotwendig waren.“ Auf Nachfrage nahm Hofreiter selbst bis zum Freitag dazu nicht Stellung.

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