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Mittelstandsanleihen : Wie KTG Agrar die Anleger schwindelig rechnete

  • -Aktualisiert am

Maisernte für KTG Agrar: Für Anleger eine faule Angelegenheit Bild: Gunter Kloetzer/laif

Der Agrarkonzern KTG war ein Dschungel wirrer Schuldverflechtungen - und auch ein hoch subventionierter Selbstbedienungsladen?

          Das Geschäftsjahr 2015 war für den Agrarkonzern KTG Agrar SE ein ganz vortreffliches. Auf erstaunliche Weise stieg der Umsatz mit konventionellen Feldfrüchten um rund 161 Prozent zum Vorjahr. Und das bei stark gesunkenen Weltmarktpreisen für Getreide und in etwa gleich großer Ernte. Ein Kunststück der modernen Unternehmensführung - nachzulesen für jedermann im Geschäftsbericht aus dem Mai. Wenige Wochen später meldete KTG Insolvenz an, nachdem sie eine Zinszahlung von 17 Millionen Euro an Anleger einer Mittelstandsanleihe nicht leisten konnte.

          Die Geschichte vom Umsatzsprung liest sich wie ein Märchen. Und erscheint wie die Bestätigung einer Information, die eine mit den Vorgängen im Unternehmen bestens vertraute Person dieser Zeitung gab: Mittels interner Hin- und Herverkäufe, teils zu abenteuerlichen Verrechnungspreisen, habe sich der bis dahin größte europäische Agrarkonzern über Monate und Jahre immer wieder Liquidität verschafft - und den Anschein erhalten, er sei aus dem Kerngeschäft heraus profitabel und ein guter Schuldner.

          „Kreativer Umgang mit der Wahrheit“

          Im Mittelpunkt des Geschehens stand eine der mehr als 100 Tochtergesellschaften des wirren Holdingsgeflechts, die „KTK Getreidelager und Handels AG“. Im Jahresabschluss ist eine Forderung der KTG an diese Gesellschaft über rund 52 Millionen Euro gelistet, ein weiteres über 13 Millionen Euro an eine täuschend ähnlich benannte „KTK Getreidehandels AG“.

          An die KTK sei „die Ernte zu überteuerten Preisen verkauft“ worden, sagt ein Insider und gibt sich nach den ersten Wochen im laufenden Insolvenzverfahren, das den Blick in einige Akten öffnete, erstaunt, „dass der Vorstand der KTG Agrar SE eine mehr als kreative Art hatte, mit der Wahrheit umzugehen“. Gemeint ist Siegfried Hofreiter, der wegen Insolvenzverschleppung aus dem Jahr 2002 vorbestrafte Gründer und langjährige Vorstandsvorsitzende. Hofreiter habe Investoren „Sand in die Augen gestreut“, meint das Fachmagazin „Finance“.

          Goldm.Sachs BonusCap 150 2020/06 (COB)

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          In den Fokus gerät in diesem Kontext auch ein Unternehmen, das auf merkwürdige Weise mit KTG verflochten ist. Es handelt sich um einen landwirtschaftlichen Lohnunternehmer aus Usedom, die „Agroservice A.M.S. AG“. A.M.S.? Das steht für Ams - Beatrice Ams, die langjährige Lebenspartnerin Hofreiters, Großaktionärin der KTG und zugleich: Aufsichtsratsmitglied.

          Solche „internen“ Geschäfte können sich etwa dafür eignen, durch überhöhte Rechnungssummen Geld von der Mutter- auf die Tochtergesellschaft abzuzweigen, oder gleich in Privathände aus dem Familienkreis. In einem Geschäftsbericht ist auch ein Darlehen der KTG an A.M.S. über 306.000 Euro gelistet. In Geschäftsberichten ist mehrfach von Darlehen an Frau Ams oder die ihr gehörende PAE-Gruppe in Putlitz die Rede.

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!

          Für die vielen tausend von der Insolvenz geschädigten Anleger geht es um zwei hochverzinsliche Anleihen im Gesamtvolumen von 342 Millionen Euro. Unter den geschädigten Anlegern verhärtet sich der Verdacht, dass in den Geschäftsberichten eine große Menge an Forderungen stehen, die nicht einbringbar sind. Aus Firmenkreisen ist etwa zu hören, Firmen aus dem KTG-Geflecht hätten Versicherungsbeiträge und Rechnungen über Monate, teilweise über Jahre nicht bezahlt.

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