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Unternehmensanleihen : Etikettenschwindel mit Mittelstand

Erfreulich: Der Anleihenkurs von German Pellets zeigt sich stabil. Bild: German Pellets

Wenn die zahlreichen Anleihen kleiner Unternehmen nicht mit dem Solidität verheißenen Etikett „Mittelstand“ versehen wären, wären sie wohl nicht so erfolgreich geworden. Dabei sind sie riskant.

          Seit drei Jahren gibt es am deutschen Anleihemarkt die Mittelstandsanleihen. Dabei haben nach Zählung des Bonitätsprüfers Scope Ratings 127 Unternehmen insgesamt 145 Schuldtitel im Volumen von 5,6 Milliarden Euro begeben. Doch das Segment wird von vielen Insolvenzen, von denen der Windparkentwickler Windreich wohl der bekannteste Fall ist, überschattet. Zuletzt mussten der Online-Händler Getgoods und der Abfallverwerter FFK ihre Zahlungsunfähigkeit einräumen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Begriff „Mittelstandsanleihe“ wird zunehmend zum Etikettenschwindel. Denn der Mittelstand, der als Motor der deutschen Wirtschaft gilt, steht für Zuverlässigkeit. Doch diese Eigenschaft lässt sich kaum auf die Mittelstandsanleihen übertragen. Die Einführung des Marktsegments vor drei Jahren an der Börse Stuttgart, ähnliche sind in Frankfurt, Düsseldorf und anderen Regionalbörsen gefolgt, wäre wohl nicht so im Blickpunkt gestanden, hätten die Schuldtitel einen Namen gehabt, der ihrem Charakter deutlich näher käme.

          Hohe Ausfälle

          Böse Zungen sprechen inzwischen von Schrottanleihen in Anlehnung an den angelsächsischen Begriff der „Junk Bonds“. Doch selbst diese Anlageklasse hat sich in den vergangenen Jahren besser entwickelt als Mittelstandsanleihen. Von den rund 127 deutschen Emittenten bewertet Scope schon 14 als „Default“. Sie sind also insolvent, bedienen ihre Zinsen nicht oder restrukturieren ihre Anleihen. Diese Unternehmen haben 16 Anleihen über 650 Millionen Euro begeben. Das sind fast 12 Prozent des gesamten Marktvolumens.

          Dagegen beträgt der Anteil der Zahlungsausfälle im Segment der europäischen Junk Bonds gerade mal 2,2 Prozent, wie die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) für das Jahr 2012 berechnet hat. Hier handelt es sich um Emittenten aus dem spekulativen, nicht mehr investitionswürdigen Bereich, der das Ratingspektrum von „BB+“ abwärts umfasst. Diese hochverzinslichen Anleihen, sogenannte High Yield Bonds, bieten den Investoren überdurchschnittlich hohe Zinsen. Das höhere Risiko zahlt sich durch eine entsprechende Rendite aus. In den vergangenen drei Jahren hat der Barclays Pan-European High Yield Index um jeweils ein Zehntel zugelegt.

          Auch Prominenz schützt vor Ausfall nicht

          An der Börse Stuttgart gibt es einen Index für das Bond-M-Segment, in dem 27 Mittelstandsanleihen von 23 Unternehmen im Volumen von 1,8 Milliarden Euro notiert sind. Der Index startete im Jahr 2011 und hat seitdem 13 Prozent verloren. Jedoch gibt es im Bond-M-Segment durchaus Anleihen wie von dem Ackerlandbewirtschafter KTG Agrar oder dem Heizstoffproduzenten German Pellets, die eine erfreuliche Kursentwicklung aufweisen. Aber es gibt auch Anleihen, die das Bild nach unten verzerren. Dazu zählt Getgoods: Die Forderung von 100 Euro gegenüber dem Online-Händler ist an der Börse nur noch 6,45 Euro wert. Die Anleihe hat ein Volumen von 60 Millionen Euro.

          Ein anderes Beispiel ist 3W Power, ein Spezialist für Leistungselektronik. Das Geschäft mit Produkten zur Umwandlung und Steuerung von Strom läuft schlecht. Am Montag platzte eine erste Gläubigerversammlung wegen zu weniger Teilnehmer. Nun wird ein zweiter Versuch am 18. Dezember gestartet. Die Gläubiger sollen dann die Stundung der Zinszahlung von 9,25 Prozent auf die Anleihe über 100 Millionen Euro absegnen. Zudem soll eine Vertreter der Gläubiger gewählt werden, der mit dem Unternehmen über eine Restrukturierung der Anleihe verhandeln soll. Die AEG-Nachfolgegesellschaft hat prominente Aktionäre: Unternehmensberater Roland Berger, Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff oder AWD-Gründer Carsten Maschmeyer.

          Investoren sind vorsichtiger geworden

          Das Zwischenfazit für Mittelstandsanleihen ist ernüchternd. Dabei könnte der Markt dem Mittelstand die benötigte Alternative zum Bankkredit bieten. Denn die Banken müssen wegen der strengeren Aufsichtsregeln ihre Kredite in Zukunft mit mehr Eigenkapital unterlegen, was ihre Kreditvergabekapazität einschränken kann. Zumindest sind die Investoren vorsichtiger geworden und blicken nicht mehr nur auf die hohen Zinsen von 8 Prozent oder mehr.

          „Seit Anfang des Jahres beobachten wir, dass die Investoren bei Mittelstandsanleihen ihre Bedingungen verschärfen“, sagt Sven Janssen, der das Kapitalmarktgeschäft für die Frankfurter Investmentbank Close Brothers Seydler verantwortet. Als Beispiele nennt er eine höhere Besicherung oder die Kontrolle über die Mittelverwendung. „Das ist begrüßenswert, weil der Markt damit reifer wird“, fügt er hinzu. Close Brothers Seydler hat daran ein Interesse, weil sie zu den wichtigsten Konsortialbanken im Bereich Mittelstandsanleihen zählt. So begleitet das Institut gegenwärtig die Plazierung der fünfjährigen Anleihe von Sympatex, einem Hersteller von Funktionstextilien. Das Volumen beträgt 13 Millionen Euro und der Zinskupon 8 Prozent.

          Angesichts der gegenwärtigen Niedrigzinsen müssen sich Anleger fragen, warum ein Unternehmen derart hohe Zinsen auf Anleihen zahlt. Offenbar verlangen die Banken angesichts des Risikos höhere Kreditzinsen. Die Stunde der Wahrheit für Mittelstandsanleihen schlägt in den kommenden Jahren, wenn viele Titel fällig werden. Laut Scope sind es im kommenden Jahr 250 Millionen Euro, darunter eine Anleihe von Air Berlin über 150 Millionen Euro. Der Refinanzierungsbedarf steigt bis zum Jahr 2017 auf 1,6 Milliarden Euro. Bis dahin sollte der Begriff Mittelstandsanleihe einer passenderen Bezeichnung weichen. Risikoanleihen wäre wohl treffender.

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