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Sic Processing : Bei Mittelstandsanleihen kündigt sich Klagewelle an

Ein Bild aus besseren Zeiten Bild: Sic Processing

Am Markt für Mittelstandsanleihen häufen sich Insolvenzen und Zahlungsausfälle. Nun muss sich der frühere Manager des Solarzulieferers Sic Processing vor Gericht verantworten. Auch Solarworld steht im Visier.

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          Nachdem sich die Insolvenzen und Zahlungsausfälle am Markt für Mittelstandsanleihen häufen, kommt es, wie es wohl kommen musste: Nun dürfen sich auch die Gerichte mit der neuen Anleiheform beschäftigen. Die Rechtsanwaltskanzlei Späth & Partner hat am Landgericht Amberg für einen Mandanten eine Klage gegen den früheren Geschäftsführer des insolventen Solarzulieferers Sic Processing eingereicht. Beklagt wird der frühere Anteilseigner als Veranlasser des Wertpapierprospekts.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Nach unserer Überzeugung war der Anleiheprospekt der Sic falsch. Die wirtschaftliche Situation des norwegischen Hauptkunden der Sic wurde viel zu positiv dargestellt“, sagt Rechtsanwalt Marc Liebscher. Sic Processing hatte im Februar 2011 eine Anleihe im Volumen von 82 Millionen Euro aufgelegt und mit dem Erlös vor allem Gesellschafterdarlehen abgelöst, die dem Unternehmen im Zuge seiner Übernahme durch den Finanzinvestor Nordic Capital auferlegt worden waren. Von den Rating-Agenturen Creditreform und Scope erhielt Sic mit Noten im Bereich „BBB“ noch im Frühjahr 2012 eine vergleichsweise gute Bonitätsbewertung.

          Im August 2012 geriet das Unternehmen in eine Existenzkrise, nachdem sein norwegischer Hauptkunde in die Insolvenz ging. Auf REC Wafer waren 2009 noch mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes entfallen. Die Ratings wurden von jetzt auf gleich um sechs Stufen herabgesetzt, im Dezember folgte der Insolvenzantrag.

          Absehbare Insolvenz?

          Nach Darstellung der Kläger wurde die Situation der REC Wafer im Prospekt vom 7. Februar 2011 falsch dargestellt. Das heißt: zu positiv. Schon 2009 habe das Unternehmen vor Zinsen und Steuern Verluste erwirtschaftet. In der norwegischen Presse sei schon im Dezember 2010 berichtet worden, dass der Mutterkonzern REC das Wafer-Geschäft verkaufen wolle, mit der Folge, dass die Fabriken in Norwegen geschlossen würden.

          Die Krise sei also offensichtlich gewesen und hätte der Geschäftsführung der Sic Processing bekannt sein müssen, zumal die Produktion der norwegischen Tochter unmittelbar mit jener der REC Wafer verflochten gewesen sei und sich in deren Hallen befunden habe. Der Prospekt habe hingegen den Eindruck vermittelt, dass sich der Hauptkunde in einem zumindest guten Zustand befinde. Der beklagte Geschäftsführer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

          Klage auch gegen Solarworld möglich

          Die Klage im Fall Sic Processing dürfte nicht die letzte Prospekthaftungsklage bei Mittelstandsanleihen bleiben. So bereiten Späth & Partner eine Klage im Falle der Insolvenz des Solar-Unternehmens Solen (früher Payom Solar) vor, das im April 2013 Insolvenz beantragte und zwei Jahre davor Anleihen im Volumen von rund 28 Millionen Euro verkauft hatte. „Zudem gehen wir ernsthaften Hinweisen nach, wonach es auch beim Online-Händler Getgoods und im Fall der zweiten Anleihe der Solarworld Prospektfehler gegeben haben könnte“, sagt Liebscher.

          Eile ist geboten, da Prospekthaftungsansprüche drei Jahre nach Veröffentlichung des Prospekts verjähren. Das wäre bei Sic Processing am 7. Februar der Fall. Nicht für jeden Anleger aber kommt eine Klage in Frage. Nur wer die Anleihen binnen sechs Monaten nach Prospektveröffentlichung erworben hat, kann Haftungsansprüche stellen. Zudem sind die Kosten eines Verfahrens zu berücksichtigen: „Erst ab einem Streitwert um 10.000 Euro dürfte sich eine Klage rentieren“, sagt Liebscher. Doch auch hier könnte es Abhilfe geben. So überlegen offenbar einzelne Prozessfinanzierer, Anleihegläubigern anzubieten, gegen eine Ertragsbeteiligung die Prozesskosten zu übernehmen.

          An den speziell für Mittelstandsanleihen eingerichteten Börsensegmenten in Deutschland werden derzeit 99 Anleihen von 89 Emittenten gehandelt. Seit die Märkte im Jahr 2010 etabliert wurden, beantragten zehn Emittenten Insolvenz. Die Aussichten, dabei einen nennenswerten Teil des angelegten Geldes zurückzuerhalten, erscheinen gering. Der Dresdner Solar-Anbieter Solarwatt zahlte den Anlegern im Zuge eines Schutzschirmverfahrens 16 Prozent der Nominale zurück, der Windenergie-Zulieferer SIAG Schaaf nach der Insolvenz nur 0,3 Prozent. Auch in den anderen Fällen werden keine hohen Rückzahlungsquoten erwartet.

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