https://www.faz.net/-gvt-7m1ab

Mittelstandsanleihen : Wohltätige Organisationen verspekulieren sich

Riskante Mittelstandsanleihen: Wohltätige Organisationen wie die Welthungerhilfe haben sich verspekuliert Bild: dpa

Wohltätige Organisationen wie die Welthungerhilfe und das evangelische Stadtdekanat München werden zum Opfer notleidender Mittelstandsanleihen. Sie haben die Risiken hinter den hoch verzinsten Anlagen unterschätzt.

          3 Min.

          Pater Anselm schien sich bewusst zu sein, was er tat. Als diese Zeitung den Benediktinermönch im Jahr 2008 zum Gespräch traf, sprach der Bestsellerautor freimütig über seine Verluste in der Finanzkrise. Drei Millionen Mark habe er mit argentinischen Staatsanleihen versenkt. Seit drei Jahrzehnten schon war er damals für das Gedeihen des Klosters Münsterschwarzach verantwortlich. Auch die gerade erst ausgebrochene Finanzkrise sollte nicht ohne Folgen bleiben. Zwei Jahre werde das Kloster brauchen, um sich von Verlusten aus Bonuszertifikaten zu erholen, prognostizierte der weißbärtige Mönch.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Es ist also durchaus üblich, dass kirchliche und fürsorgliche Geldanleger wie gemeinnützige Stiftungen beschädigt aus Finanzmarktturbulenzen hervorgehen. Gerade schlägt das schief gelaufene Engagement in Mittelstandsanleihen größere Wellen. Wie zunächst der Bayerische Rundfunk berichtete, hat das evangelische Stadtdekanat München den Leiter seiner Finanzabteilung beurlaubt. Gegen ihn wird wegen eines Untreueverdachts ermittelt. Rund 15 Millionen Euro der Rücklagen von 32 Millionen hatte er in Mittelstandsanleihen investiert. 5,5 Millionen Euro steckten in den Anleihen des Onlinehändlers Getgoods, des Abfallverwerters FFK sowie der Solarunternehmen SAG Solarstrom und Solen. Im April meldete erst Solen Konkurs an, am Jahresende folgten in rascher Folge die drei anderen Unternehmen. Sie entsprachen wohl kaum dem vorgegeben Grundsatz einer „vorrangig konservativen Anlage mit Risikobereitschaft“.

          Gefahr für schlecht informierte Investoren

          Der Begriff „Mittelstandsanleihen“ ist etwas irreführend. Er soll mit dem Nimbus des Bodenständigen Vertrauen erwecken. Dass hinter den hoch verzinsten Anlagen auch hohe Risiken standen, machte sich manch ein Investor vielleicht nicht klar. Von jeher bestand die Befürchtung, dass diese Anlageklasse schlecht informierte Investoren anlocken könnte. Offenbar haben unter anderem Kirchen und Stiftungen in nicht unerheblichem Umfang in diese risikobehafteten Anleihen kleiner und oft finanzschwacher Unternehmen investiert.

          In der evangelischen Kirche sind solche Verluste selten, kommen aber vor. Die Kirche in Oldenburg etwa erinnert sich an ein Loch von 4 Millionen Euro durch Lehman-Zertifikate. „Wer sich mit diesem Finanzmarkt einlässt, muss auch mit Risiken rechnen“, sagt Thomas Begrich, Leiter der Finanzabteilung im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seiner Dachorganisation und den finanziell eigenständigen Landeskirchen sei es aber gelungen, relativ unbeschadet durch die Krise zu kommen. „Unsere Regeln und unser Selbstverständnis haben uns davor bewahrt.“

          „Eine spekulative Anlage war nie in meinem Sinne“

          Auch andere wohltätige Einrichtungen haben auf das Segment der Mittelstandsanleihen gesetzt. Der Solarzulieferer 3W Power hatte 2010 eine Anleihe mit einem Zins von 9,25 Prozent begeben. Die internationale Rating-Agentur Standard & Poor’s hatte das Unternehmen mit „B-“ (seiner viertschlechtesten Note) bewertet. Das Geschäftsmodell sei verwundbar, die Nachfrage schwankungsanfällig und das Unternehmen von einer Erholung des Solarmarktes abhängig. Dennoch zeichnete das Ehepaar Gerda und Rolf Schopf, Sohn des Eduscho-Gründers Eduard Schopf, Anleihen im Volumen von 6,5 Millionen Euro. Diese übertrugen sie im Rahmen von Treuhandstiftungen an sechs Hilfsorganisationen. So ging etwa eine Million an die Treuhandstiftung Gerda und Rolf Schopf Nr. 3 als Zustiftung zur NPH-Stiftung. Diese betreibt Kinderdörfer in Lateinamerika. Auch Einrichtungen wie die SOS-Kinderdorf-Stiftung, die Stiftung Bethel und die Deutsche Welthungerhilfe wurden bedacht. Dazu hatten die Schopfs Treuhandstiftungen eingerichtet, so dass die Nutznießer in den Genuss von Zinsen und einer Tilgung kommen würden.

          Im Dezember 2013 drohte dann der Zahlungsausfall. Die Zinsen waren nicht fristgerecht gezahlt, die Gläubiger schon zu einer Versammlung geladen worden, deren Ziel eine Restrukturierung der Anleihe war, die zu einem Forderungsverzicht geführt hätte. Einen Tag vor der entscheidenden Versammlung erhielt das Unternehmen neue Eigentümer, die Zinsen wurden nachgezahlt. Dennoch befürchten Beobachter, dass den Gläubigern zu einem späteren Zeitpunkt abermals ein Umschuldungsvorschlag vorgelegt werden wird, so dass das Kapital, das den Stiftungen zugedacht ist, ihnen wahrscheinlich nur zu einem kleinen Teil zufließen wird. Über die NPH-Stiftung lässt Schopf verlauten, er bedaure zutiefst, dass die Entwicklungen nun das Kapital seiner Treuhandstiftungen gefährdeten. „Eine spekulative Anlage war nie in meinem Sinne.“

          Was die Verluste des Münchener Stadtdekanats angeht, so dürfte sich nun eine löchrige Kontrolle rächen: Offenbar gab es in den selbst aufgegebenen Anlagerichtlinien keine Höchstgrenzen, bei den Investitionen stand die gute Absicht mehr im Vordergrund als die Wirtschaftlichkeit, und die Vorgesetzten haben wohl zu spät hingeschaut. Wie so oft hat auch zu dieser Frage Lebensberater Anselm Grün einen guten Rat. „Die Geldwirtschaft war ein Weg für mich, die Menschen nicht auszubeuten“, sagte er 2008. Durch eine hohe Rendite hat er danach gestrebt, wirtschaftlichen Druck von seinen Mitarbeitern im Kloster zu nehmen. Ob das aber zum Vorbild dient, ist eine andere Frage.

          Weitere Themen

          Die nächste Generation Sixt

          Scherbaums Börse : Die nächste Generation Sixt

          Familienunternehmen bereitet der Generationenwechsel oft Probleme. Durch den Rückzug des Patriarchen Erich Sixt bekommt die Autovermietung künftig zwei Ko-Chefs. Was bedeutet das für die Aktionäre und den Wandel zum Mobilitätsdienstleister der Zukunft?

          Topmeldungen

          Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

          Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

          In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.
          Ein Pilot winkt aus der Pilotenkabine eines Flugzeuges vom Typ Boeing 737 Max.

          Krisenjet : Erneuter Vorfall mit Boeing 737 Max

          Erst wenige Wochen ist die 737 Max nach mehreren Unfällen wieder für den Flugverkehr zugelassen. Nun kam es offenbar abermals zu einem technischen Problem, verletzt wurde allerdings niemand.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.