https://www.faz.net/-gvt-6vfr9

Mittelstandsanleihen : Der Markt steht still

Bastei-Lübbe: Mit Katzenberger und Anleihen erfolgreich Bild: Kaufhold, Marcus

Nach einer kurzen Blüte tut sich derzeit wenig am Markt für Mittelstandsanleihen. Als kritische Größe für eine Wiederbelebung gilt die Nachfrage von Vermögensverwaltern.

          3 Min.

          Mittelstandsanleihen haben in den ersten Monaten des Jahres von sich reden gemacht. Wöchentlich plazierten neue Emittenten Schuldverschreibungen an den eigens dafür eingerichteten Segmenten deutscher Börsen. Mittlerweile wird an diesen immerhin ein Volumen von rund 2 Milliarden Euro in 40 Schuldverschreibungen gehandelt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch die Verwerfungen an den Aktien- und Rentenmärkten belasten auch diesen Markt. Der im September von der Börse Stuttgart eingeführte BondM-Index, der rückgerechnet von Jahresanfang von 100 auf 104,27 Indexpunkte gestiegen war, kam deutlich unter die Räder und ist am Dienstag auf ein neues Tief von 91,38 Punkten gefallen.

          Bekannte Namen ziehen noch immer

          Auch das Geschäft am Primärmarkt ist schwieriger geworden. Derzeit stehe der Markt still, sagt Kai Hartmann, der beim Finanzierungsberater Youmex die Abteilung für Unternehmensfinanzierung leitet. Konnten zwischen August 2010 und April 2011 fast alle Emissionen vollständig plaziert werden, so ist dies mittlerweile nur noch bei einer Minderheit der Fall. Insgesamt fand in den vergangenen 15 Monaten mehr als jede dritte Emission nicht genügend Abnehmer. Dabei handelte es sich um ein Volumen von 600 Millionen Euro, das nur teilweise plaziert werden konnte.

          Bild: FAZ

          Eindeutig ist, dass ein bekannter Name bei der Emission sehr hilfreich ist. Während der beispielsweise für die Jerry-Cotton-Hefte bekannte Verlag Bastei-Lübbe und die angeschlagene Fluggesellschaft Air Berlin in den vergangenen Wochen Anleihen im Volumen von 130 Millionen Euro absetzen konnten, wurden fünf andere Emittenten wie etwa das Wuppertaler BMW-Autohaus Procar und das Lkw-Leasing-Unternehmen Albis das gleiche Volumen nicht los. Das Zeitarbeitsunternehmen HKW musste sich mit knapp der Hälfte der geplanten 10 Millionen zufriedengeben, Procar konnte nur 12 statt 30 Millionen Euro an den Mann bringen.

          Kleine Emissionen nicht immer lohnend

          Laut einer Studie des Magazins Finance im Auftrag von Youmex hat der Markt dennoch großes Potential. Denn dieser ermögliche es der mittelständischen Wirtschaft, ihre Finanzierung auf eine breitere Basis zu stellen. Angesichts der durch eine verschärfte Regulierung aktuell großen Zurückhaltung der traditionell den deutschen Mittelstand finanzierenden Banken, gebe es daher Hunderte potentieller Emittenten.

          Bild: FAZ

          Lohnenswert sei eine Emission aufgrund der hohen Fixkosten aber eigentlich erst ab einem Volumen von 30 Millionen Euro. Rund ein Drittel der Emissionen lag bisher unter dieser Grenze. Bei kleineren Emissionen komme es allerdings immer auf die Alternativen an, sagt Hartmann. "Besser 15 Millionen zu 9 Prozent finanziert, als einen wichtigen Deal nicht gemacht." Allerdings seien kleine Emissionen für Anleger wenig attraktiv, da zumeist illiquide.

          Family Offices und Vermögensverwalter als Hauptinteressenten

          Als kritische Größe für den dauerhaften Erfolg des Marktsegments gilt das Vertrauen der Investoren. Ein aufsehenerregender Zahlungsausfall oder eine ganze Reihe davon könne die Anleger nachhaltig verschrecken. Neben Vermögensverwaltern sind es vor allem die sogenannten Family Offices, die Mittelstandsanleihen zeichnen. Bis zu 90 Prozent des Volumens gehen an institutionelle Investoren, die diese Papiere allerdings häufig schnell abstoßen. Nach einigen Monaten halten sich, gemessen am Anleihevolumen, private und institutionelle Investoren die Waage, sagt Hartmann.

          Bild: FAZ

          Als mahnendes Beispiel für das Scheitern eines attraktiven Finanzierungssegments gilt der rasche Aufstieg und ebenso schnelle Niedergang der Mezzanine-Finanzierungen zwischen 2004 und 2007. Das seinerzeit unterschätzte Refinanzierungsrisiko gebe es auch bei Mittelstandsanleihen, heißt es in der Studie, allerdings verringerten höhere Transparenzanforderungen und das Rating die Gefahren.

          Qualität wird gefordert

          Die Bonitätsnoten wurden von den befragten Experten im Vergleich zu den traditionellen Ratingsystematiken indes als vier bis fünf Stufen zu gut eingeschätzt. Schon jetzt aber liegt knapp die Hälfte der Ratings im spekulativen Bereich. Legt man den Abschlag zugrunde, sind es alle.

          Angesichts historischer Ausfallraten von 26 Prozent in dieser Bonitätsklasse zweifelt unter Experten niemand daran, dass es zu Zahlungsausfällen kommen wird. Hartmann fordert daher eine stärkere Beachtung von Qualitätskriterien. Emittenten sollten, etwa durch eine Erhöhung des Eigenkapitals, erst einmal in die Lage versetzt werden, eine höhere Verschuldung tragen zu können.

          Bild: FAZ

          Eine Mittelstandsanleihe solle der Wachstumsfinanzierung dienen und nicht Risikokapital ersetzen. Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als 50 Millionen Euro seien als Emittenten nur in Ausnahmefällen geeignet. Allzu oft gebe es dort kein systematisches Risikomanagement, dafür aber ein hohes Schlüsselpersonenrisiko. Wichtig seien auch Selbstverpflichtungen (Covenants) in Prospekten. Diese müssten aber sinnvoll gewählt sein, um nicht am Ende zur Insolvenz beizutragen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Müller? Boateng? Hummels? Bundestrainer Joachim Löw schraubt derzeit an seinen Formulierungen zum Thema.

          Rückkehrer für DFB-Team : Die Verrenkungen des Joachim Löw

          Um die Form von Müller, Boateng und Hummels muss man sich keine Sorgen machen. Es ist der Bundestrainer, der in Form kommen muss, wenn es in diesem Sommer bei der Fußball-EM etwas werden soll.
          Bundesinnenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang

          Kritik an Verfassungsschutz : Geschwätzige Geheimnisträger

          Bei dem Versuch, die AfD zu beobachten, handelt sich der Verfassungsschutz Kritik ein. Schon wieder sind Details nach außen gedrungen. Dabei steht der Dienst eigentlich für Verschwiegenheit. Was ist da los?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.