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Frankfurt überholt Stuttgart : Mittelstandsanleihen mit zögerlichem Start

  • -Aktualisiert am

Die DSD Steel Group übernimmt die insolvente Siag Nordseewerke Bild: dapd

Unter Nennwert gesunkene Kurse und einige Emittenten in Schwierigkeiten belasten das Plazierungsgeschäft. Mit 30 börsennotierten Anleihen aus dem Mittelstand hat Frankfurt Stuttgart Platz eins abgenommen.

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          Trotz eines anhaltenden Interesses im vergangenen Jahr ist 2013 das Geschäft mit den Mittelstandsanleihen etwas zäher angelaufen. Im ersten Quartal gab es fünf Anleiheplazierungen mit einem Volumen von etwa 108 Millionen Euro, wie die Bank Close Brothers Seydler berichtet. Dabei handele es sich um zwei Neuemissionen und drei Aufstockungen. Hingegen gab es im Vorjahreszeitraum insgesamt sechs Plazierungen, fünf davon waren Neuemissionen und eine Aufstockung.

          In Stuttgart wurde das Geschäft mit Mittelstandsanleihen im Mai 2010 ins Leben gerufen. Das dort Bond-M genannte Segment zog vor allem jüngst durch den Fall Windreich die Blicke auf sich. Der Projektentwickler zahlte für eine seiner beiden Anleihen die Zinsen verspätet, und außerdem ermittelt gegen ihn die Staatsanwaltschaft. Die Anleihen verloren sehr stark an Wert und werden seit kurzem im Freiverkehr in Stuttgart gehandelt. Den Wechsel in den Freiverkehr hatte das Unternehmen mit niedrigeren Kosten begründet.

          30 Anleihen in Frankfurt

          Solche Vorfälle lassen Unternehmen aufhorchen, die prüfen, ob sie mit ihren Papieren nach Stuttgart gehen oder andere Plattformen nutzen sollen. Da könnte man automatisch in einen Strudel hereinkommen, und das könnte dann ein hohes Risiko werden, sagt ein Vorstand eines Unternehmens, der nicht namentlich genannt werden wollte.

          Seit zwei Jahren betreibt die Deutsche Börse in Frankfurt gleichfalls eine Plattform, auf der Unternehmensanleihen plaziert und gehandelt werden können. Der Entry Standard ist nach Angaben eines Sprechers mittlerweile das führende Segment in diesem Bereich, bezogen auf die Anzahl ausgegebener Anleihen. An zweiter Stelle folgt Stuttgart, dann die anderen Anbieter. Käufer der Mittelstandsanleihen sind vor allem institutionelle Kunden wie kleinere Vermögensverwalter sowie Privatanleger.

          Entwicklung des Mibox-Index seit dem 22. Januar
          Entwicklung des Mibox-Index seit dem 22. Januar : Bild: F.A.Z.

          In Frankfurt sind 30 Anleihen notiert. Dort ist mit dem Windkraft-Zulieferer SIAG bisher ein emittierendes Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Über finanzielle Probleme berichtete ferner neben dem Hersteller von Türmen für Windkraftanlagen auch der Biogasentwickler BKN und der Dresdner Solarmodulhersteller Solarwatt sowie die Sic Processing GmbH.

          Die beiden zuletzt genannten Unternehmen sind aus dem Mittelstandssegment in Stuttgart ausgeschieden. Der entsprechende Marktplatz in Düsseldorf ist bislang von finanziellen Schwierigkeiten seiner Emittenten verschont geblieben, wie ein Sprecher sagt. Mittelstandsanleihen sind bei Anlegerschützern in Verruf geraten, weil neben finanziellen Schwierigkeiten von Emittenten, die meist der Branche der erneuerbaren Energien angehören, auch viele weitere Papiere deutlich unter ihrem Nennwert notieren.

          Größere Pleite-Gefahr

          „Der Markt für Mittelstandsanleihen ist ein Hochzinsmarkt und geht somit naturgemäß auch mit einem noch erhöhten Risiko einher“, erklärt René Parmantier, Vorstandsvorsitzender von der Close Brothers Seydler Bank AG. Für das Risiko werden die Anleger mit deutlich höheren Zinsen belohnt. Im Entry Standard der Deutschen Börse lag er in den vergangenen beiden Jahren im Schnitt bei 7,2 Prozent, wie ein Sprecher berichtet. In Stuttgart liegt die durchschnittliche Kuponhöhe bei rund 7,8 Prozent.

          In Frankfurt oder in Stuttgart wird aktuell kein Bedarf an strengeren Vorschriften gesehen. Die Deutsche Börse betont jedoch, dass die Gefahr einer Pleite bei kleinen Unternehmen größer ist als bei Großkonzernen. „Das Segment ist für Investoren, die Risiken verstehen und auch tragen können“, sagte Deutsche-Börse-Manager Alexander von Preysing vor kurzem.

          In Stuttgart wurden im vergangenen Jahr die Regeln zuletzt geändert: So wurden unter anderem die Fristen für die Veröffentlichung des Halbjahresberichts verkürzt: Er muss nun innerhalb von sechs Monaten vorgelegt werden.

          Sowohl die Erfinder des Mittelstandssegments als auch die Betreiber in Düsseldorf rechnen damit, dass im Laufe des Jahres wieder verstärkt Anleihen von Mittelständlern aufgelegt werden. In Stuttgart betrug das Mindestemissionsvolumen bisher 25 Millionen Euro. Künftig seien in Einzelfällen Emissionen ab 15 Millionen Euro möglich.

          Bis zu 60 Millionen will die Ekotechnika GmbH, die deutsche Holding des größten russischen Landtechnikhändlers, bei den Anlegern einsammeln. Der Kupon ist mit 9,75 Prozent angekündigt. Auch in Frankfurt steht in Zukunft die eine oder andere Neuemission bevor. Parmantier von Close Brothers Seydler zeigt sich zuversichtlich, dass es im laufenden Quartal bei den Unternehmen mehr Interesse an der Begebung von Mittelstandsanleihen gibt.

          „Das zweite Quartal verspricht deutlich stärker zu werden.“ So habe die Frankfurter Bank im April die Constantin Medien AG bei ihrer Anleiheemission begleitet. „Diese Emission im Volumen von 65 Millionen Euro war bereits nach wenigen Stunden deutlich überzeichnet.“

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