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Mittelstandsanleihen : Enterprise Holdings zahlt Zinsen nicht

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Autounfälle waren das Hauptgeschäft der Enterprise Holdings. Nun stehen womöglich die Anleger vor dem Totalschaden. Bild: dpa

Die Versicherungsholding Enterprise geht in die Insolvenz. Am Freitag wurden die Verwalter bestellt. Erste Maßnahme ist, dass die am Mittwoch fälligen Zinsen nicht gezahlt werden.

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          Die in Jersey ansässige Versicherungsholding Enterprise, die in Deutschland zwei Anleihen im Volumen von 40 Millionen Euro plaziert hat, wird die am Mittwoch fälligen Zinsen vorerst nicht zahlen. Das teilten die Administratoren der Gesellschaft am Montagmittag mit.

          Die Holding hatte am Wochenende mitgeteilt, dass sie am Freitag die Bestellung von Verwaltern (Administrators) beantragt habe, „um die Vermögenswerte und das Geschäft der EHL zu schützen und zu sichern“.

          In der Insolvenz

          Was sich so harmlos anhört, heißt im Klartext, dass sich die Enterprise Holdings in einem Insolvenzverfahren befindet, ist die Administration doch Bestandteil des britischen Insolvenzrechts. Diese zielt auf die Sanierung des Unternehmens und soll dieses vor der unmittelbar bevorstehenden Schließung bewahren, heißt es bei den Insolvenzexperten CG&Co, die auch die Verwalter der Enterprise Holding stellen.

          Harmlos hatte es sich auch Ende Juli angehört, als die Gesellschaft mitgeteilt hatte, man habe für die der Tochtergesellschaft EIC bei der Aufsichtsbehörde Gibraltar Financial Services Commission (GFSC) einen Antrag auf Übernahme der Geschäfte durch die Behörde und Abwicklung  gestellt. Dies die beste Lösung zum Schutz der Versicherungsnehmer, sagte Enterprise-Chef Andrew Flowers seinerzeit.

          Erst der Blick in englische Medien hatte die Anleger alarmiert: Vom „Kollaps“ des Versicherers war da die Rede, die Tochtergesellschaft „hoffnungslos insolvent“, 18 Millionen Pfund fehlten. Die Aufsichtsbehörde selbst sagte, man habe dem Unternehmen Neugeschäft und Auszahlungen ohne Genehmigung untersagt, nachdem es sich für zahlungsunfähig erklärt habe.

          Böse Erinnerungen kommen auf

          Für die Anleihegläubiger sind die Ereignisse der vergangenen Tage nun ein vehementer Schlag ins Gesicht. Ein Hauptargument für die bis Ende Juli noch herausragende Bewertung der Enterprise-Anleihen unter den Mittelstandsanleihen war gewesen, dass der Versicherer in Anspruch nahm, für Zins und Tilgung auf einem Sonderkonto Geld zu sammeln.

          Noch am 25. August hatte die Gesellschaft mitgeteilt, dass sich der Betrag für die Zinszahlung auf die Anleihe am 26. September als Guthaben auf dem Sonderkonto befinde.

          Nun wird also nicht gezahlt. Den Administratoren bleibt im Grunde nichts anderes übrig, da sie das Vermögen sichern und Ansprüche erst prüfen müssen. Die Geschehnisse und nicht zuletzt die zeitliche Koinzidenz von Insolvenzantrag und Zinszahlung könnten böse Erinnerungen wachrufen.

          So hatte das Managament der „MS Deutschland“ stets betont, die Anleihengläubiger seien über eine Schiffshypothek abgesichert und ein Wertgutachten indiziere, dass diese Sicherheiten ausreichend seien. Am Ende war das Wertgutachten wertlos und die Hypothek ungültig.

          Sowohl die MBB Clean Energy als auch die KTG Agrar hatten die Gläubiger mit „Verzögerungen“ hingehalten, als die Unternehmen ihre Zinsen nicht zahlen konnten. Nun scheint zu drohen, dass sich ähnliche Entwicklungen im Fall der Enterprise Holdings  wiederholen.

          Die Sache mit Gibraltar

          Sehr kryptisch waren am Samstag auch weitere Mitteilungen des Unternehmens. Der Vorstand sei auf potentielle, aber fälschliche rechtliche Schritte aufmerksam geworden, die dazu führen könnten, Mittel umzulenken, die dafür bestimmt sind, das Geschäft zu restrukturieren und neu zu gestalten.

          Darüber hinaus sei man zutiefst beunruhigt über Maßnahmen von Dritten in Gibraltar im Zusammenhang mit der schwebenden Auflösung der Tochtergesellschaft EIC. Die Bedenken des Vorstands „schließen Maßnahmen ein, die den Anschein haben, weder im Interesse der Versicherungsnehmer noch im Interesse der Gläubiger zu sein“.

          Der Zusammenbruch in Gibraltar ansässiger Versicherer scheint indes nicht ungewöhnlich zu sein. Die britische Zeitung „Insurance Post“ berichtete unlängst, dass allein in den vergangenen vier Jahren jeder fünfte dort beheimatete Versicherer seine Lizenz verloren habe.

          Die Enterprise Holdings hält an ihren Plänen fest, künftig Versicherungen als Agentur anzubieten. Allerdings sind in den vergangenen acht Wochen diesbezüglich keine Fortschritte vermeldet worden.

          Eher im Gegenteil: Der für Ende August vorgesehen Ratingbericht wurde mangels Fortschritten verschoben und mehr als tröstende Worte gab es nicht: Man konzentriere sämtliche Anstrengungen darauf, den eingeschlagenen Weg  zum Ziel zu führen.

          Name Kurs %

          Die Kurse der Anleihen können am Montag nicht reagieren, weil diese vom Handel ausgesetzt wurden. Noch bis Ende Juli hatten die Kurse bei rund 100 Prozent der Nominale gelegen. Grund war, dass die Enterprise-Anleihen lange zu den am besten bewertete Anleihen am Markt für Mittelstandsanleihen zählten. Ende Juli hatte das Urteil immer noch „BBB“ bzw. „BBB-“ gelautet, was sich im Bereich besserer Bonität befand.

          Mit der Meldung über die Insolvenz der Tochtergesellschaft EIC waren sie bis auf 22 Prozent gefallen, bevor sie sich wieder leicht erholt hatten.

          Auch beim Biogasanlagenbetreiber KTG Energie könte das Schlusskapitel eingeläutet sein. Die am 20. September zu weiteren Mitgliedern des Vorstands bestellten Rechtsanwälte Thorsten Bieg und Gerrit Hölzle starten als Chief Insolvency Officers, also Insolvenzvorstände. Erste und vordringliche Aufgabe sei es, den finanziellen Status der KTG Energie insbesondere auf Insolvenzantragsgründe zu prüfen.

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