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Mittelstandsanleihen : Die große Gläubiger-Irreführung

Autounfälle waren das Hauptgeschäft der Enterprise Holdings. Nun stehen womöglich die Anleger vor dem Totalschaden. Bild: dpa

Jahrelang warb die Versicherungsholding Enterprise für ihre Anleihen damit, dass sie Geld für Zins und Tilgung auf einem Extrakonto anspare. Nach der Insolvenz stellt sich heraus: April, April.

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          Die Versicherungsholding Enterprise war in Deutschland völlig unbekannt. Dennoch wollte das britische Unternehmen mit Sitz in Gibraltar im Jahr 2012 den deutschen Mittelstandsmarkt zur Begebung einer Anleihe ausnutzen. Sie brauchte dazu also ein besonderes Plus. Das war dann bald gefunden: Man versprach den Gläubigern regelmäßig Geld aus dem verteilbaren Reingewinn auf einem Sonderkonto anzusparen, aus dem Zins und Tilgung erfolgen sollte. Zudem würden die Anteilseigner auf Gewinnausschüttungen verzichten, solange die versprochenen Einzahlungen nicht geleistet seien.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das wirkte: Zum einen vergab die Rating-Agentur Creditreform nicht zuletzt wegen des Sonderkontos für die Anleihe die Note „A-“. Etwas Besseres war am Mittelstandsmarkt fast nicht zu finden. Zum anderen wurde Enterprise seine Anleihe los. Eine zweite Emission im Jahr 2015 klappte zwar nicht mehr so wie geplant, ging aber auch noch durch.

          Ende Juli dann schloss die Finanzaufsicht von Gibraltar die wesentliche Tochtergesellschaft EIC, nachdem diese mit einem Loch von 18 Millionen Pfund zahlungsunfähg war. Und immer noch versichererte die Holding: Das Geld für die Zinsen ist da. Am vergangenen Montag dann, zwei Tage vor dem Zinszahlungstermin ging die Holding in die Fremdverwaltung, das heißt in die Insolvenz.

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          Schon da mussten die Gläubiger Böses ahnen: Denn die Verwalter sperrten umgehend sämtliche Zahlungen, auch die Zinszahlung. Jetzt veröffentlichte die Enterprise Holding auf ihren Internet-Seiten ein paar Infomationen für die Gläubiger.

          Langer Rede kurzer Sinn: Schon mit der Insolvenz der Tochtergesellschaft EIC war klar, dass Enterprise bilanziell überschuldet war. Denn Enterprise war abhängig von den Erträgen der EIC. Wieso Enterprsie dabei von einer vorübergehenden Liquidation“ der EIC spricht, erschließt sich nicht unbedingt. Liquidationen sind von ihrere Natur her eigentlich eher endgültig.

          Die Liquidation der EIC bedeutete gleichzeitig, dass EHL ihren Verpflichtungen gegenüber den Anleihegläubigern nicht würde nachkommen können. Das aber hatte man wochenlang anders dargestellt.

          Was nicht anders behauptet wurde, aber auch nicht wirklich bekannt war: Das Sonderkonto ist kein notarielles Anderkonto. Da es somit nicht unter Treuhänderschaft steht, geht es in die Insolvenzmasse mit ein. Die Gelder sind nicht exklusiv den Anleihegläubigern vorbehalten. Somit dürfen sich die Anleihegläubiger auch hier in die Schlange der unbesicherten Gläubiger einreihen.

          Für die Tilgung war übrigens nichts zurückgelegt, sondern nur für die Zinsen. Aber das ist jetzt auch egal. Schon jetzt heißt es von den Verwaltern: Es ist unwahrscheinlich, dass die Anleihegläubiger den vollen Nominalbetrag zurückerhalten. Bis zum 18. November soll es genauer Informationen geben. Auch mit der Sanierung durch die Verwaltung, die Enterprise vergangene Woche noch in Aussicht stellte und der Wandlung zur Versicherungsagentur, die man großspurig in Aussicht gestellt hatte, scheint es nicht weit her. Es sei möglich, dass die Holding ihr Geschäft weiterführe, aktuell aber unwahrscheinlich.

          Besicherungskonzepte ohne Sicherheit

          Abermals also liegt hier ein Fall vor, in dem am Markt für Mittelstandsanleihen mit angeblichen Sicherheiten geworben wurde, die keine waren. Das war schon im Fall der MS Deutschland so, als sich ein viel zitiertes Wertgutachten als wertlos und die angebliche Besicherung als nicht ordnungsgemäß bestellt herausstellte.

          Das war aber schon bei der zweiten Insolvenz an diesem Markt so. Der Biogasanlagenbetreiber BKN Biostrom hatte damit geworben, dass Projektgesellschaften – also einzelne Biogasanlagen - als Sicherheiten für die Anleihe dienten. Doch zum einen war von Anfang an nicht klar, ob das reichen würde. Zum anderen hatte die Gesellschaft Ansprüche auf Zahlung von Einspeisevergütungen teilweise abgetreten und die waren vorrangig vor den Forderungen der Anleihegläubiger. Und die Einspeisevergütungen reichten schon für die Zinszahlungen nicht aus.

          Das Besicherungskonzept der BKN Biostrom-Anleihe habe sich als nicht werthaltig herausgestellt. Das Sicherungskonzept sei seiner Meinung nach im Wertpapierprospekt auch falsch dargestellt worden. Betrug halte er nicht für ausgeschlossen, sagte später ein Gläubiger-Anwalt.

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