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Mittelstandsanleihen : Börse Düsseldorf stampft Mittelstandsmarkt ein

Dirk Elberskirch, Vorstandsvorsitzender der Düsseldorfer Börse Bild: Börse Düsseldorf

Die Börse Düsseldorf schließt ihr Segment für Mittelstandsanleihen. Im neuen Primärmarkt sollen aber Anleihen kleinerer Unternehmen weiter notiert werden können - transparenter und besser geordnet.

          3 Min.

          Die Börse Düsseldorf schafft ihr Ende 2010 gegründetes Segment für Mittelstandsanleihen, den „Mittelstandsmarkt“ ab. Man reagiere damit auf die negativen Entwicklungen bei kleinen und mittleren Anleihen im deutschen Finanzmarkt, so der Vorstandsvorsitzende Dirk Elberskirch. Von den ursprünglich 16 Emittenten in diesem Segment sind vier in die Insolvenz gegangen. Zwei weitere Anleihen werden deutlich unter dem Nennwert gehandelt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Börse will aber einen Neustart wagen. „Es wäre falsch, diese Form der Unternehmensfinanzierung von der Börse zu verbannen, denn insbesondere durch die zunehmende Regulierung brauchen Unternehmen Alternativen für langfristige Fremdkapitalfinanzierungen.“, sagt Elberskirch. Dazu soll das Segment Primärmarkt, auf eine neue Basis gestellt werden. In dieses wollen auch sechs der verbliebenen 14 Emittenten aus dem Mittelstandsmarkt wechseln, namentlich Eno Energy, Euroboden, Friedola, Hahn Immobilien, Hallhuber und Seidensticker.

          Die übrigen Emittenten, darunter vor allem die namhaften Marken wie Bastei-Lübbe, Katjes, Underberg und Valensina werden ihre Notierung im allgemeinen Freiverkehr fortführen. Im neuen Primärmarkt werden auch Unternehmensanleihen aus dem bisherigen Primärmarkt, wie beispielsweise die Anleihe der Studierendengesellschaft Witten/Herdecke notiert sein. Auch Aktien und andere Produkte wie Genussscheine sollen hier gehandelt werden können.

          Keine „Mittelstandsanleihen“ mehr

          Anleihen sollen in dem reformierten Segment künftig nach dem vermuteten Risiko in drei Subsegmente eingeteilt werden. Zugrunde gelegt wird dabei der Abstand der Emissionsrendite zum Durchschnittszinssatz der 3- bis 5jährigen Bundesanleihen, die als risikoloser Referenzzins angesehen werden. Im Segment A soll die Rendite maximal 2 Prozent über dem risikolosen Zins liegen, im Segment C sollen Anleihen gelistet werden, bei denen der Abstand mehr als 4 Prozent beträgt.

          Ist eine Anleihe erst einmal in einem Segment eingeordnet, soll sie dort bleiben. „Wir haben das lange diskutiert“, sagt Elberskirch. „Wir kamen aber zu dem Schluss, dass Auf- und Abstiege angesichts heftiger Kursschwankungen infolge der geringen Liquidität der Anleihen im Mittelstandsmarkt derzeit nicht sinnvoll umsetzbar sind.“ Aber man werde die Entwicklung beobachten und es sei nicht auszuschließen, dass man die Regularien diesbezüglich noch einmal ändern werde.

          Das neue Segment soll auch Emittenten locken, die sich in der Zinslandschaft des bisherigen Mittelstandsmarkt nicht wohl fühlten. Die bisherigen Mittelstandsanleihen werden alle im Segment C notiert werden. Den Begriff „Mittelstandsanleihen“ will die Börse künftig auch nicht mehr verwenden, weil dieser in der Öffentlichkeit negativ besetzt sei. Das hatte Elberskirch schon im Dezember angekündigt.

          Über die bislang geltenden Regularien wie der Vorlage von Jahres- und Halbjahresberichten sowie Ad-hoc-Informationen hinaus, verpflichten sich die Emittenten im Primärmarkt künftig auch bestimmte Finanzkennzahlen zu liefern. Diese richten sich nach den Standards für Bondkommunikation der Analystenvereinigung DVFA. Alle Angaben zu den Emissionen, so auch zu Sicherheiten, Garantien und Schutzklauseln sollen zudem auf der Internetseite der Düsseldorfer Börse zum Primärmarkt veröffentlicht werden.

          Das gelte mit dem nächsten Jahresabschluss auch für Alt-Anleihen, sagt Elberskirch. Thomas Kuhlmann, Mitglied des Vorstands des Mittelstands-Emittenten Hahn-Immobilien begrüßte die zusätzlichen Berichtspflichten. Das werde für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit sorgen. Das nicht mehr notwendige Anleiherating werde man jetzt aufgeben.

          Nur für erfahrene Anleger

          Ziel der Neuordnung sei es, erfahrenen Privatanlegern zu ermöglichen, sich ein umfassendes Bild von Anleihe und Emittent zu machen, heißt es von der Börse. Damit im Zusammenhang steht auch, dass Ratings künftig nicht mehr verpflichtend sein werden. Düsseldorf zieht damit auch die Konsequenz daraus, dass es in der Vergangenheit heftige Kritik an den Ratings gegeben hatte.

          „Wir hatten anfangs ja mal sogar eine Rating-Hürde von mindestens „BB“, sagt Elberskirch. „Wir haben aber festgestellt, dass es weder zwischen Rating und Emissionsrendite noch zwischen Rating-Änderungen und der Kursentwicklung am  Sekundärmarkt einen Zusammenhang gab.“ Zudem könne ein Rating auch ein falsches Signal sein, wenn sich Anleger zu sehr darauf kaprizierten.

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