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Notleidende Anleihen : Zahlungsausfall ist für den Fiskus nicht immer Verlust

Auch die Reederei Rickmers ist insolvent. Anleihegläubiger müssen nun hoffen, dass soviel mehr zurückkommt, dass es die Steuervorteile eines Verkaufs ausgleicht. Bild: dpa

Ein Schuldenschnitt heißt für Anleger hohe Verluste. Nur nicht steuerlich. Aber auch nicht immer. Selbst Steueranwälte haben Mühe, den Fiskus zu verstehen.

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          In den vergangenen Jahren haben Inhaber von Anleihen immer wieder den Emittenten unter die Arme gegriffen. Sie mussten sich mit geringeren Tilgungen zufriedengeben oder in Kauf nehmen, dass ihre Forderungen weniger wert wurden. Logisch, dass sie diese Verluste gern mit anderen Gewinnen verrechnen würden, um weniger Steuern zahlen zu müssen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch vor kurzem hat das Bundesfinanzministerium in einem Schreiben an die obersten Finanzbehörden der Länder noch einmal klargestellt: Diese Verluste trägt der Anleger allein. An den Gewinnen will der Fiskus aber unverändert teilhaben.

          Gehandhabt wird das so: Verzichtet der Anleihegläubiger nolens volens auf einen Teil seiner Forderung, verringern sich die Anschaffungskosten um den gleichen Anteil. Wird also eine Anleihe, die der Anleger einst voll bezahlt hat, nur zu 20 Prozent zurückgezahlt, ergibt sich nicht etwa ein Verlust von 80 Prozent, der sich verrechnen ließe, sondern vielmehr ein Gewinn von null. Ein Forderungsausfall sei „einkommensteuerrechtlich ohne Bedeutung“.

          Das gilt auch für die Reduzierung des Nennwerts: Wenn aus 1000 Euro Forderung plötzlich nur noch 300 werden, so gilt auch hier: Es zählen nur die anteiligen Anschaffungskosten, in diesem Fall 300 Euro. Haben Anleger zu anderen Kursen gekauft, gilt dasselbe proportional. Wer für 1000 Euro nominale 1100 Euro bezahlt hat, darf in diesem Beispiel nur Anschaffungskosten von 330 Euro ansetzen.

          Höherer Verlust kann weniger Verlust sein

          Anders ist die Situation, wenn der Anleger die Anleihe noch schnell verkauft. Dann erkennt das Finanzministerium Veräußerungsverluste an. Das führt zu der Situation, dass es vorteilhafter sein kann, eine angeschlagene Anleihe mit höherem Verlust zu verkaufen, weil der Steuervorteil durch Verlustverrechnung größer ist als der höhere Verlust durch den Verkauf. Das gilt bei Herabsetzungen des Nominalwerts in noch höherem Maße, weil nicht gewährleistet ist, dass es nicht doch noch zur Insolvenz kommt. Und auch dann können die Verluste nicht steuerlich geltend gemacht werden.

          Besser gestellt sein könnten Anleger auch bei einem sogenannten Debt-equity-swap. In diesem Fall tauschen Anleihegläubiger ihre Anleihen in Aktien des Emittenten. In den entsprechenden Schreiben macht das Finanzministerium zwar klar, dass als Verkaufskurs der Börsenkurs der Aktie gilt. Keine konkreten Aussagen gibt es aber zu den Anschaffungskosten der Anleihe. Da der Tausch aber offenbar als Verkauf der Anleihe betrachtet wird, könnten hier die Verluste wohl abgesetzt werden, meint Tibet Neusel, Fachanwalt für Steuerrecht.

          Kein Verlust beim Gläubiger, aber Gewinn beim Schuldner

          An der Behandlung von Nennwertherabsetzung und Forderungsverzicht bemängelt er die fehlende Fairness der Regelung. Noch weniger einleuchtend sei die mögliche Andersbehandlung eines Debt-equity-swaps. Zudem weist Neusel auf eine weitere Ungleichbehandlung hin: Wenn Anleger aus Restrukturierungen Verluste erlitten, führe das bei den Unternehmen durch die teilweise Entschuldung zu einem Gewinn. Auf diese Sanierungsgewinne müsse das angeschlagene Unternehmen dann sehr wohl Steuern zahlen, auch wenn gar kein Geld geflossen sei. Letztlich sei der Fiskus damit ein Krisengewinnler.

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