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Porträt Lucas Flöther : Der Aufpasser für Air Berlin

Der Hallenser Rechtsanwalt Lucas Flöther überwacht das Insolvenzverfahren von Air Berlin als Sachwalter. Bild: dpa

Mit der Insolvenz in Eigenverantwortung hat Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann einen Sachwalter an die Seite gestellt bekommen, der ihn überwacht. Lucas Flöther ist in der Branche kein Unbekannter.

          Mit dem Insolvenzantrag von Air Berlin hat Deutschland wieder einen spektakulären Insolvenzfall. Das Unternehmen will sich in Eigenverwaltung sanieren. Begleitet wird Vorstandschef Thomas Winkelmann dabei von Rechtsanwalt Lucas Flöther als vorläufigem Sachwalter, der die Lage des Unternehmens zu prüfen und die Geschäftsführung zu überwachen hat.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Hallenser Flöther ist in der Branche kein Unbekannter. Das liegt nicht nur daran, dass er auch Honorarprofessor für das Fachgebiet Insolvenzrecht in Halle und im Zuge dessen als Experte gefragt ist. Vielmehr ist es seine Tätigkeit in einigen aufsehenerregenden Insolvenzfällen, die ihn auch über ein Fachpublikum hinaus belannt gemacht hat.

          Langzeitverfahren in Leipzig

          Das erste Mal wurde Flöther bekannt, als er 2006 die Insolvenzverwaltung der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West übernahm. Diese hatte über den Grauen Kapitalmarkt bei rund 38.000 Privatanlegern mittels Anleihen rund 300 Millionen Euro eingeworben. Schon vor der Insolvenz stand das Unternehmen in dem Verdacht, ein Schneeballsystem zu betreiben. So waren zahlreiche Straf- und Zivilprozesse die Folge, die sich zum Teil bis heute hinziehen.

          Deswegen hat Flöther mit dem Verfahren immer noch zu tun, voraussichtlich bis in das kommende Jahr, vielleicht länger. Viel werden die Anleger indes nicht erhalten, die Rede ist von ein bis zwei Prozent. „Aber zu Beginn des Verfahrens lagen die Quotenaussichten bei null“, sagt Flöther.

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          Air Berlin dürfte für Flöther die bisher größte und prominenteste Aufgabe werden, wobei er sich auch ohne dieses Mandat nicht über einen Mangel an Aufmerksamkeit beklagen kann. Mit der Insolvenzverwaltung des Reiseunternehmens Unister hat er einen weiteren spektakulären Fall in Verwaltung.

          Das Unternehmen, das unter Markennamen wie Ab-in-den-urlaub Reisedienstleistungen anbot, scheiterte 2016. Stets umstritten und im Visier von Verbraucherschützern, Finanzaufsicht und Staatsanwaltschaft, hatte Gründer Thomas Wagner seinerzeit versucht, das Unternehmen durch eine undurchsichtige Finanztransaktion zu retten. Dabei wurde ihm offenbar Falschgeld angedreht. Auf dem Rückweg von Verhandlungen kam Wagner beim Absturz eines Privatflugzeugs ums Leben.

          Flöther weist die Auffassung zurück, er sei auf undurchsichtige und mutmaßlich betrügerische Fälle spezialisiert. Komplex sei vielleicht das richtige Wort. Seine Kanzlei verfüge über besondere Expertise bei Konzerninsolvenzen.

          Komplex war auch der Fall des Fahrradbauers Mifa, bei dem auch unrichtige Bilanzen eine Rolle spielten. Letztlich ging es für das Sangerhausener Unternehmen nicht gut aus. Dabei gab es zunächst einige Hoffnung. Nach nur zwei Monaten Insolvenzverwaltung hatte Flöther im Dezember 2014 verkündet: „Mifa ist gerettet“.

          Doch nur zwei Jahre nach dem Verkauf, der zunächst allen 600 Mitarbeitern den Arbeitsplatz gesichert hatte, landete Mifa abermals auf Flöthers Schreibtisch. Diesmal konnten von den 520 Mitarbeitern nur 130 bleiben. Und an den Erfolgsaussichten der Strategie des Auto-Experten Stefan Zubcic, an den Flöther verkaufte und der jetzt unter neuem Namen auf Kostensenkung setzt, wird Skepsis geäußert.

          „Kritik und Angriffe sind normal“

          Dass Flöther als Insolvenzverwalter eher wenig Freunde gewinnt, liegt in der Natur der Sache. Im Fall des Müsliherstellers Dailycer wählte ihn gar der Gläubigerausschuss als Sachwalter ab. Grund seien Meinungsverschiedenheiten mit einzelnen Gläubigern über den Weg der Sanierung gewesen, sagt Flöther.

          Geht es um Unister, so wird in Internetblogs auch schon mal an seiner Kompetenz gezweifelt. „Dass man als Insolvenzverwalter Kritik oder auch Angriffe auf sich zieht, ist normal. Alles andere wäre verwunderlich. Zumal in einem Verfahren wie Unister mit zigtausenden von betroffenen Gläubigern.“

          Relative Erfolge

          Erfolge sind in der Insolvenzverwaltung zumeist relativ. Mit einigem Recht zählt Flöther den Fall der im Harz ansässigen Firmengruppe Friedola dazu. Das Unternehmen, das unter anderem Schwimmflügel und Yogamatten herstellt, konnte fortgeführt werden, zwei Drittel der Arbeitsplätze blieben erhalten.

          Dagegen werden die Gläubiger der Mittelstandsanleihe eine Menge Geld verlieren. Es wird also letztlich darauf ankommen, wen man fragt, will man wissen, wie erfolgreich eine Insolvenzverwaltung war.

          Wie es im Fall von Air Berlin ausgehen wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Nicht nur ist jede Insolvenz anders. Flöther ist derzeit auch erst einmal nur Sachwalter und die Entscheidungen liegen immer noch bei Firmenchef Thomas Winkelmann. Einige Vorteile dürfte das Verfahren gegenüber so manchem anderen haben, das Flöther schon erlebt hat. So dürfte etwa eine ordnungsgemäße Buchführung existieren und mit Thomas Winkelmann steht an der Spitze ein durchaus anerkannter Manager.

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