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Markt für Staatsanleihen : Britische Geldpolitik im Spannungsfeld der Interessen

Martin Weale, Mitglied des Zentralbankrats: „Erklären, dass das zu einem Problem werden kann“ Bild: C. BIBBY/Financial Times-REA/lai

Weitere Entspannung am britischen Markt für Staatsanleihen. Die Preise für Renditen und Kreditausfallderivate sind zurück gegangen. Bank von England als Käufer.

          In den vergangenen Wochen sind am britischen Markt für Staatsanleihen die Renditen und die Preise für Kreditausfallderivate auf Staatsanleihen deutlich zurückgegangen. Die Rendite zehnjähriger Papiere ermäßigte sich gegenüber Mitte Februar von 2,21 auf 1,76 Prozent. Damit rentieren britische Zehnjährige nunmehr wieder fast 30 Basispunkte niedriger als französische Zehnjährige. Vor wenigen Wochen hatte der Renditeabstand nur eine Handvoll Basispunkte betragen.

          Ein wichtiger Teilnehmer auf dem Markt für Staatsanleihen ist als Käufer in dieser Krise die Bank von England geworden. Dies wirft die Frage auf, ob die Bank von England wie manch andere Notenbank Gefahr läuft, unter zu starken politischen Druck zu geraten: „Ich glaube, es ist zwangsläufig so, dass in schweren Krisenzeiten gefragt wird, ob die Rahmenbedingungen der Notenbankpolitik stimmen oder ob sie geändert werden müssen. Deshalb ist es wichtig, dass wir und die anderen Notenbanken erklären, warum wir glauben, dass dem nicht so ist“, sagt Martin Weale im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Aggressiver Käufer

          Weale ist ein in Cambridge ausgebildeter Ökonom und seit dem Jahr 2005 Mitglied des Zentralbankrats („Monetary Policy Comittee“) der Bank von England: „Ich denke, dass es wichtig ist, wenn man ein Inflationsziel von 2 Prozent hat, dass man nicht zulässt, dass die Inflationserwartungen auf 4 oder 5 Prozent steigen, und man später gar sagt, warum sind nicht gar auch 6 oder 7 Prozent akzeptabel. Das hatten wir in den siebziger Jahren schließlich mit einer Preissteigerungsrate von über 10 Prozent“, sagt Weale. „Gerade in Ländern mit einer kontinuierlich höheren Inflation ist es wichtig, der Bevölkerung zu erklären, dass das sehr schnell zu einem sehr großen Problem werden kann.“

          Setzt man das Volumen der Anleihekäufe ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, hat sich die Bank von England in den vergangenen Jahren als ein aggressiver Käufer betätigt. Unter Ökonomen sind die Folgen solcher Käufe umstritten. „Ich war immer der Ansicht, dass es weniger für die Nachfrage ausmacht, als allgemein hier in der Bank von England angenommen wurde“, räumt Weale ein. „Damit sage ich nicht, dass es keine Wirkung hat. Es mag sogar sein, dass Anleihekäufe, wenn die Zeiten ruhiger als in den vergangenen sechs Monaten bleiben, wieder einen etwas größeren Effekt haben könnten. Aber ich bin da eher zurückhaltend.“

          Bank von England offen für Neues

          Eine Kritik an Anleihekäufen durch Notenbanken lautet, dass es Währungshütern schwerfallen könnte, die Käufe wiedereinzustellen und Anleihen sogar wieder zu verkaufen. Weale ist hier wenig besorgt: „Ja, wenn das Programm der Anleihekäufe beendet ist, können wir den Anleihebestand sukzessive wieder an den Markt abverkaufen und die Liquidität einsammeln. Ich teile nicht die Sorge, dass Käufe zwangsweise in höhere Inflation münden. Dafür haben wir ja unser Mandat.“

          Die Bank von England ist eine sehr alten Notenbank mit einer beeindruckenden Tradition; sie zeigt sich aber gleichwohl offen für neue Gedanken. Der künftige Gouverneur der Bank, Mark Carney, hat ein unter amerikanischen Ökonomen viel diskutiertes Konzept erwähnt: das monetäre Bruttoinlandsprodukt als Zielgröße für die Geldpolitik. „Da wäre ich vorsichtig“, gibt Weale zu bedenken. „Wir müssen die stagnierende Produktivität in Großbritannien, die wirtschaftliche Schwäche und die ohnehin höhere Inflation im Auge behalten. Es müsste damit gerechnet werden, dass die Inflation möglicherweise deutlich über das Ziel hinausschießen würde, wollte man derzeit ein höheres Wirtschaftswachstum erzwingen. Und wir haben ja nun schon höhere Inflation, als es das Inflationsziel eigentlich erlaubt.“

          Zudem werden negative Zinsen auf Einlagen der Geschäftsbanken bei der Notenbank diskutiert. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass die Geschäftsbanken weniger Guthaben bei der Notenbank unterhalten und dafür mehr Kredite an Unternehmen und Privatpersonen vergeben. „Auch da wäre ich vorsichtig“, wendet Weale ein. „Theoretisch könnten Banken dann verlangen, dass ihnen ihre Reserven bar ausgezahlt werden. Dem müsste die Notenbank nachkommen. Ich sage nicht, dass Negativzinsen nicht funktionieren, aber man muss sich der Nachteile bewusst sein.“

          Exporte kommen nicht in Schwung

          Als einen Grund für die niedrigen Anleiherenditen nennen Marktteilnehmer die schwache Konjunktur in Großbritannien, wo trotz einer deutlichen Abwertung des Pfund seit dem Jahr 2008 die Exporte nicht richtig an Schwung gewonnen haben. Hier gibt Weale zu bedenken: „Größter Handelspartner für die britische Exportindustrie ist die Währungsunion. Die dortige labile Lage der Schuldenkrise hat auch dazu beigetragen, britische Exporteure zu verunsichern und Investitionsentscheidungen zu verzögern. Das war angesichts der Lage in der Währungsunion im ersten Halbjahr 2012 verständlich.“

          Der britische Geldpolitiker sieht gegenüber der Situation in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres immerhin eine leichte Verbesserung: „Die Situation hat sich durch die Ankündigung von EZB-Gouverneur Mario Draghi und die Rückendeckung durch die Bundesregierung deutlich beruhigt“, sagt Weale. „Ich glaube auch, dass sich die wirtschaftliche Situation hier in diesem Jahr langsam erholen wird. Wenn es notwendig ist, dass von der Bank von England noch mehr getan wird, um dem zu helfen, bin ich dazu bereit, vorausgesetzt, man hat die Entwicklung der Inflation im Blick - und da liegen wir nun seit fünf Jahren über dem Inflationsziel von 2 Prozent.“ Auf der anderen Seite müsse betont werden, dass es keinerlei Anzeichen einer Lohn-Preis-Spirale gebe. „Das ist ein Grund, warum es vielleicht richtig ist, nicht zu alarmiert zu sein“, sagt Weale. Wenn die Währungsunion für sich entschieden hat, dass sie das Projekt des Euro zum Erfolg führen will, und sie zu den Belastungen bereit ist, dann wird dies klappen.“ Aber es bedeute für alle Seiten Kosten, einschließlich für Deutschland.

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