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Märkte im Herbst : Warten auf die Zinswende

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Es wird immer deutlicher: Eine Konsolidierung an den Anleihemärkten scheint fällig zu sein. Trotzdem setzen Strategen auf weitere Gewinne

          3 Min.

          Den Rentenmärkten bekommt das ausgewogene Klima in der Weltwirtschaft - nicht zuviel Wachstum und nicht zuwenig, nicht zuviel Inflation und nicht zuwenig - besonders gut. Seit fast zwei Jahren wird der großen Marktkonsolidierung das Wort geredet.

          Doch was geschieht? Trotz des Zinserhöhungszyklus, der von der amerikanischen Notenbank Fed Schritt für Schritt vorangetrieben wird, liegen die Renditen der sicheren Staatsanleihen auf einem historisch niedrigen Niveau.

          Wider Willen „bullish“

          Da fallende Renditen mit steigenden Kursen verbunden sind, finden sich auch in diesem Jahr Anleger, die sich nicht beirren lassen und stur auf den Rentenmarkt setzen, auf der Gewinnerseite. Und sollte sich tatsächlich einmal eine Korrekturbewegung andeuten, wie dies im Juli der Fall war, so wird diese im Monat darauf schon wieder komplett kassiert.

          Irgendwann wird die Zinswende kommen - die Frage ist nur, wann. Nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit verabschieden sich jedenfalls immer mehr Strategen aus dem Lager der Skeptiker und verbreiten plötzlich Optimismus für den Rentenmarkt in den kommenden Monaten.

          So wechselte etwa der Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley, Steven Roach, die Seiten: „Ich hasse es, dieses Wort auszusprechen, aber ich bin nun bullish für die Anleihemärkte eingestellt.“ Jahrelang hatte er die Kurse für überhöht und die Verzinsung der Anleihen für zu niedrig befunden. Doch nun würde es ihn nicht überraschen, wenn die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen innerhalb des nächsten Jahres noch weiter fielen - in Amerika auf 3,5 Prozent, in Europa auf 2,5 Prozent. Derzeit liegen sie bei gut vier beziehungsweise drei Prozent (Bundesanleihe).

          Argumente für stabile Kurse

          Auch Klaus Martini, in der Deutschen Bank für die Anlagestrategie der Privatkundschaft verantwortlich, vollzog bei seinem Marktausblick auf das zweite Halbjahr einen Kurswechsel. Künftig sei von weiterhin niedrigen Zinsen auszugehen, sagte er. Für zehnjährige Bundesanleihen hält er nun eine Rendite zwischen drei und 3,75 Prozent für wahrscheinlich.

          Zur Begründung verwies er auf die Effekte der Globalisierung und der demographischen Entwicklung in den Industrieländern. So hielten etwa die Niedriglohnländer die Inflation weltweit unten. Gleichzeitig habe sich jedoch durch die Alterung der Volkswirtschaften das Vorsorgeverhalten geändert, was nicht zuletzt für Nachfrage durch Versicherer und Pensionsfonds sorge. Man habe diese Punkte schon seit langem gesehen, nur das Ausmaß kam überraschend.

          Argumente für stabile Kurse an den Rentenmärkten kamen in diesem Sommer auch von den Anlagestrategen der WestLB. Diese zeigten sich verwundert darüber, daß die niedrigen Zinsen zunehmend zur Begründung der steigenden Kurse am Aktienmarkt herangezogen würden, während sich gleichzeitig die schlechten Konjunkturnachrichten häuften. Das passe einfach nicht zusammen.

          Es sei daher auch nicht überraschend, daß zuletzt immer wieder die These kursiert habe, daß einer der beiden Märkte - also der Renten- oder der Aktienmarkt - sich in der Einschätzung der Wachstumsperspektiven irren müßte. „Die Wahrscheinlichkeit ist aus unserer Sicht groß, daß es wieder einmal der Aktienmarkt ist, der falschliegt“, lautete ihre Schlußfolgerung.

          Nur kurzzeitig verwirrt

          Auf so stabilen Füßen stehen derzeit die Anleihemärkte, daß selbst die Aufwertung des Yuan durch die Chinesen nur kurzzeitig Verwirrung stiftete. Erst kam es zu Kursverlusten. An den amerikanischen Anleihemärkten waren Befürchtungen geweckt worden, die Chinesen könnten künftig geringere Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften und damit weniger Geld am Dollar-Rentenmarkt anlegen. Auch machte das Szenario diesseits und jenseits des Atlantiks die Runde, daß nun mit einer fortlaufenden Aufwertung asiatischer Währungen gegenüber dem Dollar und dem Euro die asiatischen Zentralbanken weniger Devisenreserven ansammeln und auf den westlichen Rentenmärkten investieren könnten.

          Doch schon einen Tag später setzte sich die Einschätzung durch, daß die Auswirkungen überschaubar seien. Die Anleiherenditen dürften weiter niedrig bleiben, meinte etwa Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank: „Die Käufe westlicher Staatsanleihen durch asiatische Zentralbanken werden zwar etwas zurückgehen, aber nicht verebben.“

          Der eine oder andere Rentenfondsmanager macht inzwischen kein Geheimnis mehr daraus, daß ihm die zunehmende Unsicherheit aus fälliger Konsolidierung und andauernd festem Marktumfeld zusetzt. Schließlich sind Rentenportfolios nur schwer in ein erfolgreiches Gleis zurückzuführen, wenn man erst einmal auf dem falschen Fuß erwischt wurde.

          Immerhin zeigt sich aber die Kundschaft der Rentenfonds unbeeindruckt, vor allem in Deutschland. Fast 20 Milliarden Euro legte sie hier in den ersten sieben Monaten dieses Jahres zusätzlich in Rentenfonds an - ein historisch einmaliger Vorgang. Die Aussicht auf Rendite bei einem überschaubaren Risiko lockt. Daß mit Anleihen bei steigenden Zinsen allerdings auch Verluste eingefahren werden können, ist im Bewußtsein offenbar noch nicht so recht verankert. Schließlich liegt die letzte schmerzhafte Korrektur an den Anleihemärkten auch schon elf Jahre zurück.

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