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Leitzins : EZB dämpft Spekulation auf negativen Einlagenzins

  • -Aktualisiert am

Die EZB in Frankfurt Bild: Wresch, Jonas

Mehr Banken rechnen trotz der Aussage jedoch mit Senkung des Leitzinses auf 0,25 Prozent. Die Banken rechnen mit einer Besserung der wirtschaftlichen Lage und unverändertem Leitzins.

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          Die Europäische Zentralbank hat die Spekulation auf negative Einlagenzinsen gedämpft. Schon jetzt erhalten die Banken des Euroraums keinen Zins, wenn sie ihr überschüssiges Geld über Nacht bei der Zentralbank parken. In den vergangenen Wochen hatte sich die Erwartung aufgebaut, die EZB könnte schon auf ihrer Sitzung in der kommenden Woche nicht nur den Leitzins von 0,5 auf 0,25 Prozent senken, sondern zugleich auch den Einlagensatz auf weniger als null reduzieren.

          Doch derzeit scheinen die Vorbehalte unter den Notenbankern noch zu überwiegen. So sagte der österreichische Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny, der Sitz und Stimme im EZB-Rat hat, „ich denke, man sollte die Rolle von Zinsen in dieser Situation mit bereits niedrigen Zinssätzen nicht überschätzen. Meine Priorität wäre daher, notwendigenfalls über verschiedene Instrumente Liquidität bereitzustellen.“ Zuvor hatten sich schon die EZB-Direktoren Jörg Asmussen und Yves Mersch skeptisch über einen solchen Schritt geäußert. Auch aus der Bundesbank sind überwiegend ablehnende Kommentare zu hören, ebenso von Frankreichs Notenbankgouverneur Christian Noyer. Zu ungewiss erscheint den Notenbankern die Wirkung eines negativen Einlagenzinses. Dänemark hat dies versucht und nicht die gewünschte Reduzierung der Kreditzinsen erlebt. Stattdessen versuchten die Banken die Zinsen für Spareinlagen konstant zu halten und erhöhten sogar die Zinsen etwa für Baukredite.

          Bild: F.A.Z.

          Dagegen hält die EZB die Hoffnung vieler Banken und Investoren auf eine weitere Senkung des Leitzinses aufrecht, zu dem sich die Banken Geld leihen können. Die EZB habe mit der Senkung auf 0,5 Prozent ihren Spielraum noch nicht ausgeschöpft, sagte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet in einem Interview. In den vergangenen Tagen hatten einige Banken mit ihren Prognosen umgeschwenkt und auf eine weitere Zinssenkung gesetzt. Commerzbank und Morgan Stanley etwa rechnen mit einem weiteren Zinsschritt - allerdings noch nicht in der kommenden Woche. Erst, wenn sich abzeichne, dass die von der EZB erhoffte wirtschaftliche Erholung nicht kommt, werde es im September einen Zinsschritt geben, sagt Michael Schubert von der Commerzbank.

          Die Commerzbank vertritt damit allerdings eine Minderheitsmeinung. Etwa zwei Drittel der Banken rechnen derzeit mit einer Besserung der wirtschaftlichen Lage und unveränderten Leitzinsen bis zum Jahresende. Zuletzt sind immerhin die vielbeachteten Stimmungsindikatoren des Münchner Ifo-Instituts und die PMI-Indizes der Einkaufsmanager gestiegen. Christel Aranda-Hassel, Ökonomin der Credit Suisse, rechnet damit, dass sich der Trend fortsetzen wird. Wenn allerdings entgegen ihrer Erwartung die Konjunktur enttäuschen sollte, dann werde auch die Diskussion über den negativen Einlagenzins wieder aufkommen. In einem solchen Fall werde es dann vermutlich aber gleich einen deutlichen Schritt unter null geben, glaubt Aranda-Hassel. Das Geld werde vor allem von deutschen Banken bei der EZB geparkt. Mit einem kleinen Schritt etwa um nur 0,25 Prozent könnten diese kaum dazu animiert werden, wieder mehr Geld an Banken in der Peripherie zu verleihen, die knapp bei Kasse sind. Deshalb sei ein deutlich negativer Einlagenzins auf minus 1 Prozent die sinnvollere Entscheidung.

          OECD-Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan ermutigte die EZB jedoch zu zusätzlichen unkonventionellen Maßnahmen. Damit könne noch mehr erreicht werden. Die Kreditvergabe der Banken war im April im Monatsvergleich um 0,9 Prozent und damit stärker als erwartet gesunken. Die Kredite an Unternehmen gingen um 17 Milliarden Euro besonders deutlich zurück. Für Carsten Brzeski, Ökonom der niederländischen ING-Bank, steht der Negativzins allerdings weiter hinten auf der Liste, die für die EZB in Frage kommen. Schon am kommenden Donnerstag rechnet er mit einer abermaligen Lockerung der Regeln für die Beleihung von Kreditverbriefungen. Das werde zwar keine große Auswirkungen auf die Kreditvergabe haben, sei aber am leichtesten durchzusetzen. Vor der Anhörung der EZB und der Bundesbank vor dem Bundesverfassungsgericht sei damit zu rechnen, dass der EZB-Rat besonders umstrittene Entscheidungen vermeiden will, glaubt Brzeski.

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