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Leerverkaufsverbot : Suche nach Sinn und Bedeutung

Die Bafin hat zugeschlagen Bild: Helmut Fricke

Das Verbot bestimmter Leerverkäufe durch die deutsche Finanzaufsicht ist angesichts der globalen Verflechtung der Finanzmärkte an sich wenig bedeutend. Die Sorge gilt eher der Frage, ob es sich dabei um ein Fanal für eine umfassendere Regulierung handelt.

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          Das unvermittelte Verbot von ungedeckten Leerverkäufen durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) von Aktien der zehn führenden deutschen Finanzinstitute und Schuldtiteln von Staaten der Eurozone sowie bestimmte Kreditversicherungen (CDS), hat den Aktienmärkten am Dienstagabend einen tüchtigen Schrecken versetzt. Der amerikanische Leitindex Dow Jones gab 1,1 Prozent auf 10.511 Punkte nach, der Kurs des Euro fiel unter 1,22 Dollar und damit auf ein neues Vier-Jahres-Tief. Der Dax fällt am Morgen um mehr als 2 Prozent

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am Mittwochmorgen nun bemühen sich Analysten das Geschehen einzuordnen und Prognosen für das weitere Geschehen zu geben. Die japanische Investmentbank Nomura geht davon aus, dass die Märkte einen neuen Anfall von Risikoaversion bekommen. Allerdings, seien die Details der Umsetzung unklar.

          CDS-Regulierung ein „Nicht-Ereignis“

          So werde zwar ein großer Teil, aber beileibe nicht alle europäischen Staatsanleihen an deutschen Börsen gehandelt. Solange es sich bei der deutschen Regelung nicht um die Vorwegnahme einer internationalen Aktion handele, werde die neue Bestimmung wohl mehr für Verwirrung als für wirksame Handelsbeschränkungen sorgen. Heiko Ruland von Ruland Research bezeichnet das Leerverkaufsverbot für die CDS gar als „Non-event“. Schließlich finde der Handel vornehmlich in London und New York statt.

          Folgten aber ähnliche Bestimmungen in anderen Ländern, könne dies die Nachfrage nach den betreffenden Anleihen selbst schmälern, meint Nomura. Positiv für die Rentenmärkte seien die Regelungen jedenfalls nicht.

          Innenpolitisch motiviert?

          Auch die Analysten der UBS stellen die Frage nach der Effektivität der Regelung und erwägen, ob die Aktion nicht im Vorfeld der Verabschiedung des Euro-Rettungspakets im Bundestag eher politisch motiviert sei, eine Auffassung, die von der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs offen vertreten wird, die auch davon ausgeht, dass weitere Euroländer folgen werden.

          Nach Auffassung der UBS sorgt die Regulierung in ihrer jetzigen Form auch mehr für Unsicherheit als für eine effektive Handelsbeschränkung. Indes sei die Tendenz klar: Die Regulierung der Finanzmärkte in der Eurozone nehme zu. Das werde die Wachstumserwartungen und damit auch den Kurs des Euro weiter belasten. Ruland bezeichnet den Zeitpunkt der Aktion gar als „dumm“, suggeriere es doch, dass die Schuldenkrise eben bei weitem nicht ausgestanden sei.

          Die deutsche Einzelaktion wurde in Asien sogar noch negativer gewertet, nämlich als Zeichen, dass es in der Eurozone an einem koordinierten Handeln hinsichtlich der Eurokrise fehle, so Sebastien Barbe, Leiter des Schwellenländer-Researchs der Credit Agricole CIB.

          Getroffene Hunde

          Trotz aller Kritik zeigte das Verbot eine gewisse Wirksamkeit. Die Preise der Kreditversicherungen für griechische, britische, italienische, irische, portugiesische und deutsche Anleihen sanken zum Teil um rund 10 Prozent. Dies suggeriert eine gewisse Berechtigung der eher symbolischen Aktion. Wenn anglo-amerikanische Beobachter Zeter und Mordio schreien, das Verbot als „unverantwortlich“ bezeichnen und es als Beleg werten, dass europäische Politiker nichts von den Finanzmärkten verstünden, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass getroffenen Hunde bellen.

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