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Lateinamerikanische Anleihen : Anleger als Geiseln der Politik

  • Aktualisiert am

Ecuadors Präsident Rafael Correa Bild: AFP

Wer in Lateinamerika Anleihen kauft, sollte nicht nur auf die Zahlungsfähigkeit des Schuldners achten, sondern auch auf die Zahlungswilligkeit. Ecuador und Argentinien lassen ihre Gläubiger zappeln.

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          Wer in Lateinamerika Anleihen kauft, sollte nicht nur auf die Zahlungsfähigkeit des Schuldners achten. Die Zahlungswilligkeit ist ebenfalls zu einem wichtigen Kriterium geworden. Besonders deutlich zeigt sich dies bei dem gegenwärtigen Hin und Her über einen möglichen Zahlungsausfall und eine Zwangsumschuldung in Ecuador. Ökonomen sind sich weitgehend einig, dass das erdölexportierende Land seine Schulden ohne weiteres bedienen könnte.

          Die Wirtschaft wächst um 5 Prozent pro Jahr. Die jährlichen Zinsverpflichtungen entsprechen nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, im übrigen Lateinamerika ist diese Rate fast doppelt so hoch. Dennoch ließ die Regierung Ecuadors die Gläubiger in der vergangenen Woche bis zuletzt zittern, ob sie eine fällige Kuponzahlung von 135 Millionen Dollar auf ihre bis 2030 laufende Dollar-Anleihe überweisen würde oder nicht.

          „Am Mittwoch hatten wir das Geld“

          Noch drei Tage vor dem Zahlungstermin hatte ein Vertreter des Finanzministeriums gesagt, es sei nicht genügend Geld in der Kasse, man wolle sich aber bemühen, innerhalb einer in den Anleihebedingungen vorgesehenen Gnadenfrist von dreißig Tagen zu zahlen. Schließlich wies die Regierung die Überweisung doch pünktlich am 15. Februar an. Die Regierung spiele nicht mit den Gläubigern, beteuerte Finanzminister Ricardo Patiño. Ein unerwarteter Eingang von Steuerzahlungen habe die Zahlung ermöglicht. „Montags hatten wir das Geld nicht, am Mittwoch hatten wir es“, sagte Patiño. Also habe er entschieden zu zahlen.

          Auf und ab: Ecuador-Anleihe
          Auf und ab: Ecuador-Anleihe : Bild: FAZ.NET

          Damit sind die Zweifel über die weitere Haltung der ecuadorianischen Regierung zu den Staatsschulden keineswegs vom Tisch. Ecuadors neuer Staatspräsident Rafael Correa hat mehrfach angekündigt, er wolle die Schulden notfalls auch zwangsweise restrukturieren, um einen Teil des Schuldendienstes in Sozialausgaben umlenken zu können. Überdies sei ein Teil der Schulden „nicht legitim“, weil er von korrupten Vorgängerregierungen aufgenommen worden sei.

          Regierung gewinnt Zeit

          Eine Kommission aus in- und ausländischen Fachleuten soll nun prüfen, welche der bestehenden Forderungen gegenüber dem Staat legitim sind und welche nicht. Die Kommission werde im März ihre Arbeit aufnehmen, kündigte Patiño an. Vertreter der Gläubiger sollen der Kommission allerdings nicht angehören, stellte der Minister klar. „Die Regierung weiß immer noch nicht, welchen Weg sie bei der angestrebten Restrukturierung der Auslandsschulden einschlagen soll“, meint Alberto Ramos von der Investmentbank Goldman Sachs.

          Mit der Kommission, die wohl über mehrere Monate arbeiten werde, gewinne die Regierung Zeit, um über ihr weiteres Vorgehen zu entscheiden. Der Kurs von Ecuadors Dollar-Anleihe mit Fälligkeit im Jahr 2030 war seit November zeitweise um bis zu 37 Prozent eingebrochen und hat sich gegenüber seinem Tief von Mitte Januar wieder um fast 30 Prozent erholt.

          „Frisierte“ Inflationsrate

          Auch mit den Kursen argentinischer Peso-Anleihen ging es in den letzten Wochen stark auf und ab. Nachdem die argentinische Regierung beim Nationalen Statistikamt Indec interveniert hatte und für Januar eine überraschend niedrige Inflationsrate veröffentlichen ließ, gaben die Kurse von wertgesicherten Peso-Anleihen in den ersten Februartagen um bis zu 3 Prozent nach. Seit der Umschuldung von 2005 lauten 40 Prozent der Staatsschulden auf inländische Währung, ihr Kapital wird nach Maßgabe der Inflationsrate angepasst.

          In den letzten Tagen haben sich die Kurse jedoch bereits wieder erholt. Viele Analysten raten weiterhin zum Kauf argentinischer Peso-Anleihen. Die Regierung habe nur begrenzten Spielraum, die Inflationsrate zu „frisieren“, meinen Experten von ABN Amro.

          Chávez als „Sponsor“

          So wie Ecuador entscheidet aber auch Argentinien offenbar nach politischen Kriterien, ob es Schulden zahlt oder nicht. Gegenüber privaten Gläubigern stehen zwei Jahre nach der Umschuldung immer noch mehr als 20 Milliarden Dollar Schulden offen. Dagegen hatte das Land vor gut einem Jahr 10 Milliarden Dollar Schulden gegenüber dem Internationalen Währungsfonds vor Fälligkeit zurückgezahlt.

          Als „Sponsor“ steht hinter Ecuador und Argentinien der venezolanische Staatschef Hugo Chávez, der mit seinen reichlichen Erdöleinnahmen befreundeten Regierungen helfen will, sich aus dem Griff des Internationalen Währungsfonds und der internationalen „Spekulanten“ zu befreien. Ecuador sagte Chávez eine Kreditlinie über eine Milliarde Dollar zu. Für Argentinien plaziert Venezuela gewissermaßen als Intermediär in diesen Tagen eine Anleihe über 750 Millionen Dollar, da Argentinien aufgrund drohender Pfändungen keine eigenen Emissionen im Ausland lancieren kann.

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