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Fed : Börsen jubeln trotz der bevorstehenden Zinserhöhung

Auch Zentralbankerin Lael Brainard spricht sich inzwischen für einen baldige Zinsanhebung aus. Bild: Reuters

Steigende Zinsen sind schlecht für Aktien, so sagen Börsianer gern. Pustekuchen: Die Zinserhöhung der Fed rückt immer näher. Und die Kurse steigen trotzdem.

          Die Kursrally geht weiter. Nachdem in Amerika schon am Mittwoch der amerikanische Aktienindex Dow Jones einen Rekord erreicht hatte und erstmals über 21000 Punkte gestiegen war, folgte der deutsche Aktienindex Dax am Donnerstag und kam zwischenzeitlich mit 12083 Punkten immerhin auf den höchsten Stand seit April 2015. Obwohl die Investoren an den Finanzmärkten eine baldige Zinserhöhung in den Vereinigten Staaten für immer wahrscheinlicher halten, eilen die Aktienmärkte also von Rekord zu Rekord. Wie passt das zusammen?

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Aussicht, dass die Fed schon im März den nächsten Zinsschritt wagt, schreckt die Anleger offenbar nicht. Im Gegenteil: Sie werten den wahrscheinlichen Zinsschritt als Zeichen, dass die Fed an die neue Stärke der amerikanischen Volkswirtschaft glaubt. Tatsächlich haben die beiden Zentralbanker Lael Brainard und William Dudley, die bisher Leitzinserhöhungen eher zu bremsen trachteten, in öffentlichen Stellungnahmen den nächsten Zinsschritt schon Mitte März für wahrscheinlich und angemessen erklärt. Damit scheint die alte Logik, dass eine Straffung der Geldpolitik Gift für die Börse sei, auf den Kopf gestellt. Doch die Anleger werten es als positives Zeichen, dass die ökonomischen Verhältnisse sich so gut entwickeln, dass selbst die Tauben die Fed-Zinsschritte hinnehmen.

          Solides Wachstum auch ohne Konjunkturprogramm

          Eine Quelle des Optimismus sind dabei die jüngsten amerikanischen Konjunkturdaten: Indizes für die Industrie, den Einzelhandel und den Handel mit haltbaren Konsumgütern deuteten auf eine organische Expansion der amerikanischen Volkswirtschaft, sagt Deutsche-Bank-Ökonom Torsten Slok. Auf der Basis der soliden Erholung lasse sich auch mit der Unsicherheit leben, ob, wie und wann Präsident Donald Trump seine Agenda zur Stimulierung der Wirtschaft durchzusetzen vermag.

          Trump hatte in seiner Rede vor beiden Kammern des Kongresses Details seines Programms offengelassen und damit einige Investoren enttäuscht. Doch Amerika wachse im Moment solide auch ohne Konjunkturprogramm, sagt Slok. Das zeigt sich besonders deutlich an den jüngsten Daten vom Arbeitsmarkt: So wenig Menschen wie seit 44 Jahren nicht mehr haben einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe gestellt. Rund 223.000 Anträge verzeichnet das amerikanische Arbeitsministerium in der vergangenen Woche, 19.000 weniger als in der Woche zuvor.

          Banken könnten profitieren

          Gleichwohl spielt die Regierungspolitik eine wichtige Rolle in der Erklärung der jüngsten Hausse. Gerade ein Sektor kristallisiert sich als der große Gewinner des Wechsels im Weißen Haus heraus: der Finanzsektor. Banken-Aktien im Index S&P 500 sind seit dem Wahltag am 8. November um mehr als 34 Prozent gestiegen und erklären damit einen wichtigen Teil der Kursgewinne seit Trumps Wahlsieg. Insgesamt ist der S&P-Index in der gleichen Zeitspanne nur um knapp 12 Prozent nach oben geklettert. Die Gewinne der wichtigsten sechs amerikanischen Banken waren 2016 leicht hinter den Werten von 2015 zurückgeblieben.

          Dow Jones

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          Doch die Perspektiven werden als sehr gut eingeschätzt. Aus drei Gründen: Banken sind die Unternehmen, die mit höheren Zinsen am besten leben können, weil sie ihnen die Möglichkeit geben, die Zinsmarge nach oben zu hieven. Banken können ferner auf eine Deregulierung hoffen, seit Gary Cohn, der ehemalige Goldman-Sachs-Banker als Trumps Wirtschaftsberater die Neufassung und Entschärfung des Dodd-Frank-Gesetzes beaufsichtigt – zusammen mit dem Finanzminister Steven Mnuchin, ebenfalls ein ehemaliger Goldman-Sachs-Banker. Mnuchin ist zudem Hauptverantwortlicher in der Regierung für die große Steuerreform, die Unternehmen wie Bürger stark entlasten wird. In Fernsehinterviews hat er den Zeitplan bekräftigt: Im August soll das Gesetzeswerk durch den Kongress gebracht werden. Jamie Dimon, Chef von JP Morgan wird mit der Aussage zitiert: „Die Zukunft ist hell leuchtend.“

          Niedrige Anleiherenditen kein Widerspruch zu Dax-Hoch

          In Deutschland ist bemerkenswert, dass die Rentenmärkte zum Teil Tiefstände bei den Renditen erreichen, während die Aktienmärkte Höchststände bei den Kursen erzielen. So wurde in dieser Woche bei der Auktion einer Bundesanleihe mit zwei Jahren Laufzeit zum ersten Mal eine Negativrendite von minus 0,92 Prozent erzielt. Das bedeutet, dass Investoren Deutschland fast ein Prozent dafür bezahlen, dem Staat Geld leihen zu dürfen.

          Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sieht einen Grund für diese Entwicklung in den Anleihekäufen der Bundesbank. „Seit Jahresanfang darf die Bundesbank Staatsanleihen auch dann kaufen, wenn ihre Renditen unter dem Einlagensatz von minus 0,4 Prozent liegen“, sagt Krämer. Das habe ihr die Möglichkeit eröffnet, auch kurzlaufende Staatsanleihen mit ihren sehr negativen Renditen zu erwerben: „Das erklärt, warum die Rendite zweijähriger Bundesanleihen so niedrig ist.“ Die niedrigen Anleiherenditen seien kein Widerspruch zu den Höchstständen des Dax, meint der Ökonom. Die niedrigen Zinsen trieben die Anleger in risikoreichere Anlagen. Das gelte umso mehr, als Analysten zum ersten Mal seit zwei Jahren ihre Erwartungen für die Gewinne der Dax-Unternehmen nach oben revidierten. „Wir erwarten, dass 22 der 30 Dax-Unternehmen ihre Dividende für das vergangene Geschäftsjahr erhöhen werden.“

          Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg, hebt hingegen stärker einen Einfluss der amerikanischen Entwicklung auch auf die Finanzmärkte in Deutschland hervor. „Die Aktienmärkte freuen sich auf einen kommenden Fiskalimpuls aus den Vereinigten Staaten und über die guten europäischen Wirtschaftsdaten“, sagte Schmieding. An den Rentenmärkten zeigten sich dagegen Sorgen über die kommenden Wahlen in Frankreich. „Le Pen wird kaum gewinnen – aber ganz ausschließen möchte der Rentenmarkt das nicht mehr.“ Deshalb gebe es eine gewisse Absetzbewegung aus französischen in deutsche Anleihen.

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