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Krise der Versicherungen : Die Last der niedrigen Zinsen

Bei Sturmschäden am Haus zahlt die Versicherung. Bild: dpa

Ob in der Lebens- oder in der Schadensparte - Versicherer hadern mit dem Kapitalmarktumfeld. Die Branche steht unter Druck und kämpft gegen ihren schlechten Ruf. Das führt zu Grundsatzdebatten und Nachdenken über neue Vertriebsansätze.

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          Nimmt man den Branchenprimus als Gradmesser für die gesamte Versicherungswirtschaft, kann es ihr nicht schlecht gehen. Bis Ende Oktober noch hatte die Allianz für dieses Jahr mit einem operativen Ergebnis von 7,7 bis 8,7 Milliarden Euro gerechnet. Dann aber korrigierte sie die Erwartung auf mehr als 9 Milliarden Euro. War der Gewinn noch im Vorjahr durch die vielen Naturkatastrophen um 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, hat nun vor allem die erfolgreiche Vermögensverwaltung die Laune in Europas größtem Versicherungsunternehmen verbessert. Größere Katastrophen blieben zudem bis auf den Wirbelsturm Sandy weitgehend aus.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Doch auch in anderer Hinsicht ist die Allianz ein Stimmungsbarometer. Mit der Erklärung zur Überschussbeteiligung gibt der deutsche Marktführer in der Lebensversicherung der Branche Jahr für Jahr im Dezember eine Orientierung. In diesem Jahr kürzte er die laufende Verzinsung für seine Kunden mit Verträgen, die weniger als 4 Prozent jährlich garantieren, um satte 0,4 Prozentpunkte auf 3,6 Prozent. Ähnlich deutlich fallen die Kürzungen bei den größeren Wettbewerbern Ergo, Aachen Münchener, Debeka und Zurich aus. Bei einer deutlichen Minderheit von nicht einmal mehr einem Dutzend Anbietern steht noch eine vier vor dem Komma.

          Versicherer agieren vorsichtiger

          Die Niedrigzinsphase an den Finanzmärkten mindert die Kapitalanlageergebnisse. Versicherer beginnen, vorsichtiger zu agieren. Stärker denn je wird nun auch generell über die klassische Lebensversicherung mit Sicherungsvermögen und auf Lebenszeit garantierter Verzinsung nachgedacht. „Wenn sich Rahmenbedingungen gravierend ändern, müssen sich auch unsere Modelle ändern“, sagt der seit Herbst amtierende Präsident des Branchenverbands GDV, Alexander Erdland. „Wir müssen also über neue Garantieformen nachdenken.“

          Bild: F.A.Z.

          Hinter den Kulissen wird die Debatte hitzig geführt. Bei einem aktuellen Garantiezins von nur noch 1,75 Prozent setze nicht so sehr die Höhe der Garantie die Unternehmen unter Druck, sondern ihre lange Dauer, sagt Ergo-Vorstand Johannes Lörper, der auch der Deutschen Aktuarvereinigung vorsitzt. Dieser Zusammenschluss der Versicherungsmathematiker muss schon deshalb über die Zukunft der Lebensversicherung nachdenken, weil sie rechnerisch nachweisen müssen, ob langfristig die Mittel der Versicherer ausreichen, um alle Verpflichtungen zu erfüllen. Vertriebsorientiertere Manager dagegen warnen, an diesem Alleinstellungsmerkmal der Assekuranz zu kratzen. „Die Branche darf aus Angst vor dem Tod nicht Selbstmord begehen“, sagt Michael Westkamp, Chef der Aachen Münchener.

          Wohngebäude- und Autoversicherung als Sorgenkinder

          Unabhängig von dieser Grundsatzdebatte bemühen sich alle Unternehmen, ihre Prozesse zu straffen, was teilweise mit Stellenabbauplänen einhergeht (siehe Artikel rechts). „Die Niedrigzinsphase zwingt uns dazu, mit noch weniger Kosten auszukommen“, sagt GDV-Präsident Erdland. Und das gilt nicht nur in der Lebensversicherung. Auch die Schaden-Unfall-Sparte, die traditionell für gute Erträge in der Branche sorgt, ist von der ungünstigen Lage am Kapitalmarkt betroffen, weil Verluste aus dem Versicherungsgeschäft nicht mehr so einfach ausgeglichen werden können.

          Vor allem die Wohngebäude- und die Autoversicherung gelten als Sorgenkinder. Durch nicht einkalkulierte Leitungsschäden bei Ersterer und einen ruinösen Preiskampf bei Letzterer sind beide Sparten seit langem defizitär. Allerdings gelang es den Autoversicherern das zweite Jahr in Folge, höhere Prämien durchzusetzen. Zuvor hatten sie sich sechs Jahre lang mit ihren Angeboten gegenseitig in eine Abwärtsspirale begeben. Die HUK-Coburg, nach der Zahl der Verträge Marktführer in der Autoversicherung, erwartet, dass die Preissteigerungen noch drei bis vier Jahre lang anhalten werden.

          Kundenzufriedenheit ähnlich schlecht wie im Bankensektor

          Für die Schaden-Unfall-Sparte insgesamt könnten sich die Ergebnisse also in den kommenden Jahren weiter verbessern. Schon für 2012 rechnet der GDV mit Beitragssteigerungen von 3,7 Prozent. Auch der versicherungstechnische Gewinn werde sich durch profitable Zweige wie die Unfallversicherung um 100 Millionen auf 1,2 Milliarden Euro verbessern. Darüber hinaus sehen die Zahlen der kriselnden Lebensversicherung bei näherer Betrachtung nicht allzu schlecht aus. Zwar prognostizierte der Verband noch im November ein leicht rückläufiges Neugeschäft. Aber die Prämieneinnahmen gegen laufenden Beitrag sollten um 2,4 Prozent steigen. Einige optimistische Stimmen aus den Vorstandsetagen über das erfolgreiche Jahresendgeschäft, das von der Einführung der neuen Unisextarife profitiert haben dürfte, lassen sogar noch positivere Zahlen möglich erscheinen. Und dass der Boom des schwer zu kalkulierenden Geschäfts gegen Einmalbeitrag inzwischen abgeebbt ist, nimmt man in der Branche gelassen bis erleichtert zur Kenntnis.

          Die Kundenzufriedenheit ist dennoch für viele Manager ein Thema, denn sie ist ähnlich schlecht wie im Bankensektor. Zwar berufen sich Branchenvertreter öffentlich gern auf die geringen Beschwerdezahlen beim Versicherungsombudsmann. Hinter verschlossenen Türen nehmen sie aber branchenübergreifende Vergleiche ernst, welche die Assekuranz nicht so gut dastehen lassen. Eine Befragung von 2500 Kunden durch die Unternehmensberatung Bain & Company ergab, dass mehr Kunden unzufrieden als zufrieden mit ihrem Versicherer sind. Von den positiven Einstellungen der Kunden gegenüber ihren jeweiligen Auto- und Computerherstellern ist die Versicherungswirtschaft weit entfernt.

          Angst vor Provisionsverbot

          “Viele in der Branche sind noch zu produktorientiert“, bemerkt Ralph Brand, der seit vergangenem Jahr die Zurich in Deutschland führt. Vertriebserfolg solle sich stärker an Kennziffern der Kundenzufriedenheit und der Dauer der Geschäftsbeziehungen orientieren als an reinen Stückzahlen. Selbst eine lang vorgebrachte Forderung der Verbraucherschützer könnte eines Tages erhört werden: Nicht nur in der Schaden-Unfall-Versicherung, sondern auch bei Altersvorsorgeprodukten sollte nach ihrer Auffassung eine Bestands- statt einer Abschlussprovision stärkeres Gewicht erhalten.

          Verbandspräsident Erdland zeigt sich für solche Überlegungen offen. „Unsere Anreizsysteme dürfen keinen getriebenen Produktverkauf bewirken, sondern müssen auch eine Betreuung nach Vertragsabschluss erlauben“, sagt er. Denn die Befürchtung, dass über Brüssel sogar noch einmal ein generelles Provisionsverbot nach skandinavischem und britischem Vorbild nach Deutschland kommen könnte, besteht unter Versicherungsmanagern weiter. Ihnen ist es deshalb lieber, am bestehenden System zu feilen, als am Ende eine Pflicht zur Honorarberatung übergestülpt zu bekommen.

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