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Kreditwirtschaft : Europas Banken erobern sich Vertrauen zurück

Die Finanzmetropole Frankfurt Bild: Schmitt, Felix

Die europäische Kreditwirtschaft hängt zwar noch am Tropf der EZB. Doch die Institute finden wieder Investoren für ihre Schuldtitel. Sie können sich am Kapitalmarkt finanzieren.

          3 Min.

          Die europäischen Banken können sich wieder am Kapitalmarkt finanzieren. Dies zeigen die Zahlen zu den Anleiheemissionen europäischer Banken im ersten Quartal. Die Banken haben zwischen Januar und Ende März auf Euro lautende unbesicherte Anleihen über mehr als 51 Milliarden Euro begeben. Damit wurde das gesamte zweite Halbjahr 2011 übertroffen, als die Banken nur knapp 32 Milliarden Euro an Schuldtiteln unterbringen konnten. Zwar liegt das Emissionsvolumen im ersten Quartal um ein Viertel unter dem des Vorjahreszeitraums, aber damals war für die Banken der Sog der Euro-Staatsschuldenkrise nicht so stark wie seit dem Sommer 2011.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass die beiden Dreijahrestender der Europäischen Zentralbank (EZB) über insgesamt eine Billion Euro den Banken geholfen haben, zeigt auch die Entwicklung der Risikoaufschläge für Bankanleihen. Ende November erreichte der Renditeaufschlag noch 2,9 Prozentpunkte gegenüber der Swap-Mitte, die mit einem risikolosen Marktzins verglichen werden kann. Inzwischen sind es nur noch 1,5 Prozentpunkte oder 150 Basispunkte. Vor Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers mussten die Banken für ihre unbesicherten Schuldtitel nur einen Risikoaufschlag von weniger als 70 Basispunkten zahlen.

          Erste Anzeichen

          In einer aktuellen Studie stellt Deutsche-Bank-Analyst Matt Spick eine Stabilisierung der Finanzierungskosten für Banken fest. Zudem erkennt er erste Anzeichen, dass der Wettbewerb um Kundeneinlagen abnehmen könnte. Die Einlagen der Kunden hatten aufgrund der hohen Risikoaufschläge am Kapitalmarkt als Finanzierungsinstrument für Banken deutlich an Bedeutung gewonnen. Spick führt dies auf die beiden Dreijahrestender der EZB zurück, die den Banken für die ungewöhnlich lange Laufzeit von drei Jahren in zwei Auktionen jeweils rund 500 Milliarden Euro zum derzeit günstigen Leitzins von 1 Prozent zur Verfügung gestellt hat. Das erste Geschäft fand kurz vor Weihnachten statt, damals lag der durchschnittliche Risikoaufschlag für Bankanleihen noch über 250 Basispunkten.

          Spick erwartet inzwischen sogar eine stabile Ertragslage europäischer Banken unter der Voraussetzung, dass sich die Zinsmargen im weiteren Jahresverlauf etwas verbessern und die jüngste Rally an den Finanzmärkten nur eine moderate Korrektur nach sich zieht. „Es liegt schon eine gewisse Zeit zurück, dass wir die Ertragslage europäischer Banken als stabil bewertet haben“, schreibt er in der jüngsten Studie.

          Seine Zuversicht spiegelt ein Bericht der britischen Zeitung „Financial Times“ wider. Unter Berufung auf namentlich nicht genannte Bankenkreise berichtet das Blatt, dass die italienische Unicredit, die beiden französischen Großbanken BNP Paribas und Société Générale sowie die spanische Sparkassengruppe Caixa in den kommenden zwölf Monaten bis zu einem Drittel ihrer EZB-Gelder schon zurückzahlen wollen und nicht erst nach Ablauf von drei Jahren. Den möglichen Rückzahlbetrag beziffert die Zeitung auf 80 bis 100 Milliarden Euro.

          Nötiger Spielraum

          Sicherlich verschaffen bessere Finanzierungsmöglichkeiten am Kapitalmarkt den Banken den nötigen Spielraum, der Notenbank vorzeitig Teilbeträge zurückzuzahlen. Bislang horten die Banken noch immer 780 Milliarden Euro bei der EZB über Nacht zum ungünstigen Zins von 0,25 Prozent. Das von der EZB bereitgestellte Geld fließt noch nicht an Unternehmen und Verbraucher, was aber auch auf deren geringe Kreditnachfrage im Zuge der vor allem im Süden Europas schwachen Konjunktur zurückzuführen ist.

          Euro-Anleihen und Risikoprämien Bilderstrecke

          Stattdessen erwerben italienische und spanische Banken Staatsanleihen. Spanische haben nach einer Aufstellung der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley zwischen Dezember und Februar Staatsanleihen über 68 Milliarden Euro erworben und die Wettbewerber in Italien über 54 Milliarden Euro. Dass die Investoren europäische Banken noch immer vorsichtig beurteilen, zeigen die Umfrageergebnisse, die Morgan Stanley auf einer kürzlich veranstalteten Investorenkonferenz präsentierte. Demnach rechnen 40 Prozent mit einer guten Entwicklung amerikanischer Banken in den kommenden zwölf Monaten. Das sind dreimal so viel wie für europäische Institute.

          Zudem könnten die Anleihen europäischer Banken in Zukunft gemieden werden, weil Gläubiger stärker an einer Rettung beteiligt werden sollen. Dies geht aus einem nun vorgelegten Diskussionspapier der Europäischen Kommission hervor. Die Analysten von BNP Paribas können sich deshalb höhere Risikoaufschläge für die Anleihen vorstellen.

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