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Kreditgeschäft : Die Bürgschaft

Wer birgt sollte Geld haben Bild: dpa

Bürge nie, nicht einmal für deinen Bruder. Das ist eine alte Familienweisheit. Hätten sich immer alle daran gehalten, wäre so mancher Wirtschaftsaufschwung ausgeblieben.

          Die berühmteste Bürgschafts-Geschichte geht so: Der Attentäter Damon will den Tyrannen Dionys erdolchen. Er wird frühzeitig ertappt und festgesetzt. Der Attentäter fügt sich ins Schicksal der Todesstrafe unter einer Bedingung. Bevor man ihn ans Kreuz hängt, möchte er seine Schwester verheiraten. Für ihn bürgt der Freund.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Tyrann lässt den Damon ziehen. Bedingung: Ist er in drei Tagen nicht zurück, wird der Bürge hingerichtet. Die Geschichte endet glücklich. In letzter Sekunde ist der Attentäter zurück und bewahrt den Bürgen vorm Tod. Die Freundschaft und das Versprechen ist ihm wichtiger als das eigene Leben.

          Friedrich von Schiller überhöht im Gedicht „Die Bürgschaft“ die Freundschaft zu einer Kraft, die Tyrannen zu guten Menschen wandeln kann. „Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn“, sinniert der gerührte Tyrann. „So nehmet auch mich zum Genossen an.“ Dann folgen die berühmten Worte: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte.“

          Ursprünglich bedeutete Bürgschaft Geiselschaft

          Bürgen wird zum Ausdruck höchster Humanität stilisiert, die der Welt zum nachahmenswerten Vorbild dient. Das Gedicht verschweigt aber nicht, dass das Bürgen als solches ein ziemlich riskantes Geschäft ist, zumindest für den Bürgen. Er unterwirft sich einem Schicksal, das von ihm nicht mehr abhängt. Das ist bis heute eine Konstante von Bürgschaftsverhältnissen.

          In der Realität begegnen dem Beobachter der Zeitgeschichte die Rechtsfolgen von Bürgschaften in unterschiedlichen Brutalitätsausprägungen. Doch die Folgen milderten sich für den Garanten im Laufe der Jahrhunderte, wenn sie auch gravierend blieben.

          Ursprünglich bedeutete Bürgschaft - zumindest nach germanischem Recht - Geiselschaft. Der Bürge begab sich in die Hand des Gläubigers, solange der Schuldner die Schuld nicht beglichen hatte. Blieb der Schuldner den Kredit schuldig, verlor die Geisel ihre Freiheit. Sie konnte getötet, verstümmelt oder versklavt werden.

          Eine Sicherheit mit humaner Brisanz

          Erst im Mittelalter verschwand die Geiselschaft, an ihre Stelle trat die Gestellungsbürgschaft: Der Bürge musste den säumigen Schuldner dem Gläubiger ausliefern. In der Weiterentwicklung entstand die Exekutionsbürgschaft, die den Bürgen zwang, das Vermögen des Schuldners zu Gunsten den Gläubigers zu liquidieren. Am Ende steht die Zahlungsbürgschaft: Der Bürge haftet mit seinem Vermögen statt mit seinem Leben. Das ist der Fortschritt.

          Doch auch die materielle Verlustgefahr scheint traumatisierendes Potential zu haben. Denn noch heute gibt die ältere Generation ihren Nachkommen auf den Weg: „Bürge nicht! Nicht für einen Freund und noch nicht einmal für den Bruder.“ In dieser Warnung steckt Erfahrungsschmerz. Jeder meint mindestens einen zu kennen, der, für einen nahen Angehörigen bürgend, selbst in den Abgrund gerissen wurde.

          Bürgschaften sind eine Sicherheit mit humaner Brisanz. Im Gegensatz zu Realsicherheiten wie Hypotheken sind Bürgschaften Personalsicherheiten. Mit ihnen kommt das Menschliche ins Kreditgeschäft. Der Mensch haftet dafür, dass der Mitmensch seine Zahlungspflichten erfüllt.

          Im Verlustfall übersteigt der Schmerz des Bürgen dementsprechend das Gefühl einer bloß materiellen Einbuße. Mit dem Geld gehen, wenn die Bürgschaft beansprucht wird, zumeist auch die Gemeinsamkeiten flöten. Ein geplatzter Kredit zerstört Familien und Freundschaften. Denn der Bürge kann sich selbst seine Vertrauensseligkeit und dem Schuldner seine Verantwortungslosigkeit nicht verzeihen.

          Bürgschaften mobilisieren Kapital

          Wenn ein Bürge ins Spiel kommt, entstehen Dreiecksverhältnisse. Auf den Kern reduziert, geht es um Folgendes: Der Kreditgeber, etwa die Bank, misstraut dem Kunden. Er hält es nicht für genügend sicher, dass er sein verliehenes Geld samt Zinsen zurückbekommt.

          Auftritt des rettenden Dritten: Er ersetzt das fehlende Vertrauen im Verhältnis zwischen Kreditgeber und Schuldner und produziert Kreditwürdigkeit, erläutert der Vertrauensforscher Guido Möllering, Soziologieprofessor der Jacobs-Universität Bremen. Das Geld kann fließen, der Kiosk gegründet, der Friseursalon eröffnet, der Kleintransporter gekauft werden.

          Und das klingt jetzt gar nicht mehr so negativ. Bürgschaften mobilisieren Kapital und bringen so die Wirtschaft in Schwung. Das führt auf die entwicklungsgeschichtlich zentrale Wurzel des Bürgens. Sie liegt im römischen Recht. Die langwährende wirtschaftliche Prosperität des alten Roms war ohne persönliche Bürgschaften im Kreditgeschäft gar nicht denkbar. Der Freiburger Rechtshistoriker Detlef Liebs schätzt, dass von 200 vor Christi bis 250 nach Christi bis zu 80 Prozent der Kreditvereinbarungen in Rom auf Bürgschaften fußten. Die Hypotheken und andere Realsicherheiten, die man auch schon kannte, spielten eine deutlich geringere Rolle.

          Bürgen war Ehrensache

          Das System funktionierte. In jenen Jahrhunderten war die gute römische Gesellschaft, um deren Kreditgeschäfte es hier geht, gewissermaßen ein Club, in dem jeder jeden kannte.

          Bürgen war Ehrensache. Wer gebeten wurde, konnte sich dem nur schwer entziehen. Gleichzeitig bot der Club jene soziale Kontrolle, die es den Schuldnern schwermachte, sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Der Gläubiger hatte zudem das Recht, seine Forderung direkt beim Bürgen einzutreiben unter Umgehung des Schuldners. Das galt dann für diesen als schwere Beleidigung.

          Eine gewisse Reziprozität im Bürgschaftswesen war auch gegeben. Denn jeder, der Geschäfte machen wollte, brauchte Bürgen. Wenn der römische Staat Straßenbauprojekte oder die Steuerpacht einer neu eroberten Stadt ausschrieb, mussten die Bieter ihre Solvenz mit Garanten untermauern.

          Zwischen freundschaftlicher Bitte und emotionaler Erpressung

          Geradezu steinzeitlich wirken vor diesem Hintergrund die zahlreichen biblischen Fundstellen, die mehr oder weniger eine Quintessenz transportieren: Bürge ja nicht! Die Wortwahl ist dabei durchaus dramatisch: „Mein Sohn, hast du dich für deinen Nächsten verbürgt, so tu doch das, mein Sohn: Rette dich, denn du bist in die Hand deines Nächsten geraten. Rette dich aus seiner Hand wie eine Gazelle und wie ein Vogel aus der Hand des Vogelstellers!“ So heißt es verkürzt wiedergegeben im Alten Testament (Sprüche 6: 1-5). Es ist, wie Rechtshistoriker Liebs ausführt, eine Warnung, die in die vorkapitalistische Zeit passt. Damals ging es nicht darum, Geschäfte zu ermöglichen. Die Bürgen wurden vielmehr in größter Not gerufen, bei Krankheit, Missernte oder Tod des Ernährers. Die Wahrscheinlichkeit für den Bürgen, durch die persönliche Katastrophe selbst in den Abgrund gerissen zu werden, schien ziemlich groß. Die Bibel steckt der Nächstenliebe vernünftige Grenzen.

          Doch auch im römischen Großreich büßten Bürgschaften ab 250 an Bedeutung ein, als sich das wirtschaftliche Zentrum des Römischen Reiches in den griechisch-kleinasiatischen Raum verschob und neue Akteure aus Alexandria, Antiochia oder Byzanz die Geschäftswelt betraten. Man kannte sich nicht mehr. „Wenn die Gesellschaft mobil wird, verliert die Bürgschaft an Bedeutung“, erläutert der Kölner Rechtshistoriker Hans-Peter Haferkamp.

          Verschwunden sind die Bürgschaften bis heute aber nicht, obwohl sie problematisch bleiben: sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihren Effekten. Geboren werden Bürgschaften aus einem Begehren, das irgendwo zwischen freundschaftlicher Bitte und emotionaler Erpressung angesiedelt ist. Der Mensch, der von einem Freund um eine Bürgschaft angegangen wird, steckt in einer echten Lose-lose-Situation. Wer ablehnt, verliert Freundschaft, wer ja sagt, büßt an eigener finanzieller Freiheit und Kreditwürdigkeit ein. Mit ganz praktischen Folgen: Der Bürge bekommt heute in Deutschland einen Schufa-Eintrag, der die Erfüllung der eigenen künftigen Kreditwünsche erschwert und die Banken zu einem Risikoaufschlag auf die Zinsen veranlasst.

          Schierer Reichtum hilft

          So sind Bürgschaften eine Bürde, die man tragen können muss. Das ist nicht schlecht aus der Perspektive des Bürgen, hat er doch einen Wissensvorsprung, erläutert der Bremer Wissenschaftler Möllering: Er weiß etwas über den Schuldner, das ihm jene wohlige Zuversicht gibt, die die Bank und ihre Experten in Bonitätsfragen nicht aufbringen.

          Schierer Reichtum hilft natürlich auch. Bürgen wird leichter, wenn man sich den Ernstfall finanziell leisten kann.

          Darauf nehmen die Banken allerdings nicht immer Rücksicht: Lange haben sie in Deutschland bei Krediten an Unternehmer automatisch Bürgschaften von deren Ehefrauen und anderen nahen Angehörigen verlangt. Damit wollten die Geldinstitute vermeiden, dass der Schuldner bei drohenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten Teile des Vermögens zur Gattin schiebt und damit unangreifbar macht. Die Vorkehrung der Banken funktionierte, der Bürge, der sich mit seiner Unterschrift an den Schuldner kettete, kam aus der Nummer nicht mehr heraus.

          Bis zum Oktober 1993. Damals kam es zu einer von Kennern als sensationell empfundenen Kehrtwende in der deutschen Rechtsprechung. Das Bundesverfassungsgericht entband eine Arbeiterin in einer Fischfabrik mit einem Nettomonatslohn von gerade 1150 D-Mark von einer Bürgschaft in Höhe von 100.000 D-Mark. Die hatte sie für einen Millionenkredit ihres Vaters - eines Immobilienmaklers und Reeders - abgegeben. Der Sparkassenberater hatte die Bedeutung der Bürgschaft obendrein mit der Bemerkung heruntergespielt, er benötige die Unterschrift nur für seine Akten. Die arme Frau hätte nicht einmal die Zinsen für den Kredit aufbringen können.

          Seitdem schrumpft im deutschen Privatkundengeschäft die Bedeutung der Bürgschaften, behauptet zumindest das Gewerbe selbst. Ein Bankjustitiar hatte schon vor Jahren gewarnt: „Jetzt können wir nichts mehr dagegen machen, wenn ein Schuldner sein Geschäft auf den Namen seiner Frau weiterführt, einen Ferrari fährt und auftritt wie Graf Koks.“

          Das Motiv eines Mafiapaten

          Bürgschaften bleiben auch nach dem höchstrichterlichen Urteil in der Praxis hochgefährlich, warnt Rechtshistoriker Haferkamp. Denn die meisten Bürgen unterschätzen das Risiko. Sie vermuten, die Banken griffen erst auf sie zurück, wenn sie beim Schuldner schon geholt haben, was zu holen ist. Doch tatsächlich erlauben die meisten Verträge, dass die Banken ziemlich schnell den Bürgen behelligen dürfen.

          Es bleibt wenig, was den Menschen motivieren könnte, ein Bürge zu werden, außer Freundschaft, Verwandtschaft oder ungezügelte Nächstenliebe. Eltern sichern ihren Kindern damit an überhitzten Immobilienmärkten eine Wohnung. Banken lassen sich, wenn sie selbst bürgen, eine Provision geben.

          Ein mögliches Motiv konstruiert der Bremer Soziologe Möllering. Mit einer Bürgschaft bringt der Garant den Schuldner in seine Abhängigkeit. Es ist das Motiv eines Mafiapaten, der seinen Untergebenen scheinbar selbstlos einen Gefallen tut, um irgendwann seinerseits einen Gefallen zu fordern. In dieser Konstellation tauscht der Schuldner seine alte Freiheit gegen Unmündigkeit ein. Welch Perspektive!

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