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Kreditgeschäft : Die Bürgschaft

Verschwunden sind die Bürgschaften bis heute aber nicht, obwohl sie problematisch bleiben: sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihren Effekten. Geboren werden Bürgschaften aus einem Begehren, das irgendwo zwischen freundschaftlicher Bitte und emotionaler Erpressung angesiedelt ist. Der Mensch, der von einem Freund um eine Bürgschaft angegangen wird, steckt in einer echten Lose-lose-Situation. Wer ablehnt, verliert Freundschaft, wer ja sagt, büßt an eigener finanzieller Freiheit und Kreditwürdigkeit ein. Mit ganz praktischen Folgen: Der Bürge bekommt heute in Deutschland einen Schufa-Eintrag, der die Erfüllung der eigenen künftigen Kreditwünsche erschwert und die Banken zu einem Risikoaufschlag auf die Zinsen veranlasst.

Schierer Reichtum hilft

So sind Bürgschaften eine Bürde, die man tragen können muss. Das ist nicht schlecht aus der Perspektive des Bürgen, hat er doch einen Wissensvorsprung, erläutert der Bremer Wissenschaftler Möllering: Er weiß etwas über den Schuldner, das ihm jene wohlige Zuversicht gibt, die die Bank und ihre Experten in Bonitätsfragen nicht aufbringen.

Schierer Reichtum hilft natürlich auch. Bürgen wird leichter, wenn man sich den Ernstfall finanziell leisten kann.

Darauf nehmen die Banken allerdings nicht immer Rücksicht: Lange haben sie in Deutschland bei Krediten an Unternehmer automatisch Bürgschaften von deren Ehefrauen und anderen nahen Angehörigen verlangt. Damit wollten die Geldinstitute vermeiden, dass der Schuldner bei drohenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten Teile des Vermögens zur Gattin schiebt und damit unangreifbar macht. Die Vorkehrung der Banken funktionierte, der Bürge, der sich mit seiner Unterschrift an den Schuldner kettete, kam aus der Nummer nicht mehr heraus.

Bis zum Oktober 1993. Damals kam es zu einer von Kennern als sensationell empfundenen Kehrtwende in der deutschen Rechtsprechung. Das Bundesverfassungsgericht entband eine Arbeiterin in einer Fischfabrik mit einem Nettomonatslohn von gerade 1150 D-Mark von einer Bürgschaft in Höhe von 100.000 D-Mark. Die hatte sie für einen Millionenkredit ihres Vaters - eines Immobilienmaklers und Reeders - abgegeben. Der Sparkassenberater hatte die Bedeutung der Bürgschaft obendrein mit der Bemerkung heruntergespielt, er benötige die Unterschrift nur für seine Akten. Die arme Frau hätte nicht einmal die Zinsen für den Kredit aufbringen können.

Seitdem schrumpft im deutschen Privatkundengeschäft die Bedeutung der Bürgschaften, behauptet zumindest das Gewerbe selbst. Ein Bankjustitiar hatte schon vor Jahren gewarnt: „Jetzt können wir nichts mehr dagegen machen, wenn ein Schuldner sein Geschäft auf den Namen seiner Frau weiterführt, einen Ferrari fährt und auftritt wie Graf Koks.“

Das Motiv eines Mafiapaten

Bürgschaften bleiben auch nach dem höchstrichterlichen Urteil in der Praxis hochgefährlich, warnt Rechtshistoriker Haferkamp. Denn die meisten Bürgen unterschätzen das Risiko. Sie vermuten, die Banken griffen erst auf sie zurück, wenn sie beim Schuldner schon geholt haben, was zu holen ist. Doch tatsächlich erlauben die meisten Verträge, dass die Banken ziemlich schnell den Bürgen behelligen dürfen.

Es bleibt wenig, was den Menschen motivieren könnte, ein Bürge zu werden, außer Freundschaft, Verwandtschaft oder ungezügelte Nächstenliebe. Eltern sichern ihren Kindern damit an überhitzten Immobilienmärkten eine Wohnung. Banken lassen sich, wenn sie selbst bürgen, eine Provision geben.

Ein mögliches Motiv konstruiert der Bremer Soziologe Möllering. Mit einer Bürgschaft bringt der Garant den Schuldner in seine Abhängigkeit. Es ist das Motiv eines Mafiapaten, der seinen Untergebenen scheinbar selbstlos einen Gefallen tut, um irgendwann seinerseits einen Gefallen zu fordern. In dieser Konstellation tauscht der Schuldner seine alte Freiheit gegen Unmündigkeit ein. Welch Perspektive!

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