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Kreditgeschäft : Die Bürgschaft

Wenn ein Bürge ins Spiel kommt, entstehen Dreiecksverhältnisse. Auf den Kern reduziert, geht es um Folgendes: Der Kreditgeber, etwa die Bank, misstraut dem Kunden. Er hält es nicht für genügend sicher, dass er sein verliehenes Geld samt Zinsen zurückbekommt.

Auftritt des rettenden Dritten: Er ersetzt das fehlende Vertrauen im Verhältnis zwischen Kreditgeber und Schuldner und produziert Kreditwürdigkeit, erläutert der Vertrauensforscher Guido Möllering, Soziologieprofessor der Jacobs-Universität Bremen. Das Geld kann fließen, der Kiosk gegründet, der Friseursalon eröffnet, der Kleintransporter gekauft werden.

Und das klingt jetzt gar nicht mehr so negativ. Bürgschaften mobilisieren Kapital und bringen so die Wirtschaft in Schwung. Das führt auf die entwicklungsgeschichtlich zentrale Wurzel des Bürgens. Sie liegt im römischen Recht. Die langwährende wirtschaftliche Prosperität des alten Roms war ohne persönliche Bürgschaften im Kreditgeschäft gar nicht denkbar. Der Freiburger Rechtshistoriker Detlef Liebs schätzt, dass von 200 vor Christi bis 250 nach Christi bis zu 80 Prozent der Kreditvereinbarungen in Rom auf Bürgschaften fußten. Die Hypotheken und andere Realsicherheiten, die man auch schon kannte, spielten eine deutlich geringere Rolle.

Bürgen war Ehrensache

Das System funktionierte. In jenen Jahrhunderten war die gute römische Gesellschaft, um deren Kreditgeschäfte es hier geht, gewissermaßen ein Club, in dem jeder jeden kannte.

Bürgen war Ehrensache. Wer gebeten wurde, konnte sich dem nur schwer entziehen. Gleichzeitig bot der Club jene soziale Kontrolle, die es den Schuldnern schwermachte, sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Der Gläubiger hatte zudem das Recht, seine Forderung direkt beim Bürgen einzutreiben unter Umgehung des Schuldners. Das galt dann für diesen als schwere Beleidigung.

Eine gewisse Reziprozität im Bürgschaftswesen war auch gegeben. Denn jeder, der Geschäfte machen wollte, brauchte Bürgen. Wenn der römische Staat Straßenbauprojekte oder die Steuerpacht einer neu eroberten Stadt ausschrieb, mussten die Bieter ihre Solvenz mit Garanten untermauern.

Zwischen freundschaftlicher Bitte und emotionaler Erpressung

Geradezu steinzeitlich wirken vor diesem Hintergrund die zahlreichen biblischen Fundstellen, die mehr oder weniger eine Quintessenz transportieren: Bürge ja nicht! Die Wortwahl ist dabei durchaus dramatisch: „Mein Sohn, hast du dich für deinen Nächsten verbürgt, so tu doch das, mein Sohn: Rette dich, denn du bist in die Hand deines Nächsten geraten. Rette dich aus seiner Hand wie eine Gazelle und wie ein Vogel aus der Hand des Vogelstellers!“ So heißt es verkürzt wiedergegeben im Alten Testament (Sprüche 6: 1-5). Es ist, wie Rechtshistoriker Liebs ausführt, eine Warnung, die in die vorkapitalistische Zeit passt. Damals ging es nicht darum, Geschäfte zu ermöglichen. Die Bürgen wurden vielmehr in größter Not gerufen, bei Krankheit, Missernte oder Tod des Ernährers. Die Wahrscheinlichkeit für den Bürgen, durch die persönliche Katastrophe selbst in den Abgrund gerissen zu werden, schien ziemlich groß. Die Bibel steckt der Nächstenliebe vernünftige Grenzen.

Doch auch im römischen Großreich büßten Bürgschaften ab 250 an Bedeutung ein, als sich das wirtschaftliche Zentrum des Römischen Reiches in den griechisch-kleinasiatischen Raum verschob und neue Akteure aus Alexandria, Antiochia oder Byzanz die Geschäftswelt betraten. Man kannte sich nicht mehr. „Wenn die Gesellschaft mobil wird, verliert die Bürgschaft an Bedeutung“, erläutert der Kölner Rechtshistoriker Hans-Peter Haferkamp.

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