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Kreditbedingungen : Der Frühindikator wird wirkungslos

Lyondell-Basell: Von „B” zur Pleite in acht Wochen Bild: REUTERS

Kreditbedingungen dienen eigentlich als Frühwarnsystem für Gläubiger. Doch mittlerweile hat sich die Zeit zwischen Warnsignal und Zahlungsausfall oder Umschuldungsansinnen so stark verkürzt, dass sie diese Funktion kaum noch erfüllen.

          Kreditvergaben an Firmen sind an viele Bedingungen geknüpft. Das trifft für Bankkredite genauso zu wie für Anleiheschulden. Diese gehen über die Verpflichtung zur pünktlichen Zahlung von Zins und Tilgung hinaus. Sie untersagen den Schuldnern oft, bestimmte Verschuldungsrelationen zu über- oder unterschreiten oder legen ihn auf bestimmte Gewinngrößen fest.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Werden diese Bedingungen verletzt, fallen dem Gläubiger bestimmte Rechte zu, häufig die Möglichkeit, den Kredit fällig zu stellen. Dies dient in der Regel dazu, die Gläubiger frühzeitig auf eine mögliche Gefährdung seines Kapitals aufmerksam zu machen, um gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen ergreifen zu können.

          Vom Frühwarn- zum Spätwarnsystem

          In der derzeitigen Verfassung des Kreditmarktes allerdings scheint das Wort „frühzeitig“ zum Knackpunkt geworden zu sein. Folgt man einer Untersuchung der Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) unter mehr als 750 hoch verschuldeten Unternehmen in Westeuropa, so ergeben sich Anzeichen, dass die in den vergangenen Jahren vereinbarten Bedingungen ihren Zweck nicht erfüllen.

          In ihrer Studie kommen die Analysten Taron Wade und Alexandra Krief zu dem Schluss zu, dass sich der Zeitraum zwischen der Verletzung einer Kreditvereinbarung oder dem Zeitpunkt, zu dem der Kreditnehmer um Schuldenerlass nachsucht einerseits und einem Zahlungsausfall oder einer Umstrukturierung andererseits bis fast zur Bedeutungslosigkeit verkürzt hat.

          Standard & Poor's zufolge betrug dieser Zeitraum im Jahr 2007 noch durchschnittlich 12 Monate. 2008 ging er auf 6,5 Monate zurück, da sich der Zeitabstand in der zweiten Jahreshälfte auf nur noch 2 Monate verkürzte.

          Die Rache der lockeren Kredite

          Diese Ergebnisse scheinen der empirische Beweis für einen Eindruck zu sein, der schon in den Monaten zuvor immer wieder kolportiert wurde, nämlich dass die Bedingungen zu den Kreditvereinbarungen im Schlussabschnitt des kreditfinanzierten Booms großzügiger bzw. zu großzügig geworden seien.

          Nach Daten von S&P gewährten Kreditvereinbarungen aus Transaktionen der Jahre 2005 bis 2007 den Schuldnern im Schnitt 3 Prozent mehr Manövrierfreiheit als in den Jahren davor. Dies bedeutet, dass die operativen Gewinne stärker fallen oder die Gesamtverschuldung stärker steigen kann, bevor es zu Verletzungen der Vereinbarungen kommt.

          Die Rache des Private-Equity-Booms

          Zudem hat sich die Zeit zwischen Finanzierung und Verstößen verringert. Überschritten 2006 nur 2 Unternehmen innerhalb von zwei Jahren nach Kreditaufnahme die gesetzten Grenzen, waren es 2007 schon 19 und 2008 29.

          Während des großen Private-Equity-Booms seien oft sehr aggressive Ziele für die Entwicklung des operativen Gewinns gesetzt worden, um die hohen Kaufpreise zu rechtfertigen. Doch schon von Mitte 2007 an hätten sich die Fälle gehäuft, in denen diese Ziele nicht mehr erreicht wurden, vor allem in zyklischen und saisonal abhängigen Branchen sowie allgemein in der Konsumgüterindustrie. Als Ursachen nennen S&P zum einen die steigenden Rohstoffpreise sowie spezifisch für die britische Freizeitindustrie das Rauchverbot.

          Gläubiger sind risikobewusster geworden

          Die Lockerung der Kreditvereinbarungen fällt nun zusammen mit einer der schwierigsten wirtschaftlichen Phasen der letzten 30 Jahre. Der gleitende Durchschnitt der Zahlungsausfälle für Schuldner mit schwachen (spekulativen) Bonitätsnoten ist in Europa auf 4,1 Prozent gestiegen. 2008 lag diese Ziffer noch bei 2,5 Prozent. Für die rund 750 vertraulichen Krediteinschätzungen und Unternehmensratings im spekulativen Bereich geht S&P davon aus, dass die Rate 2009 auf 11,5 bis 14,7 Prozent steigen wird.

          Im Jahr 2008 zählten S&P 59 Verstöße gegen Kreditbedingungen, 90 Prozent mehr als im Jahr 2007. 2009 fing dagegen bisher ruhig an. Lediglich von 7 Schuldnern ist bekannt, dass sie gegen die Bedingungen der Kreditaufnahme verstießen. Indes geht die Rating-Agentur davon aus, dass sich diese Zahl noch erhöhen wird. Zudem gehen die Analysten davon aus, dass einige Kreditgeber mittlerweile proaktiv geworden sind.

          Dies führen die Analysten auf eine höhere Risikobewusstsein bei den Kreditgebern zurück. Während diese in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres sich noch leicht bereit gefunden hätten, im Falle von Verstößen die Kreditbedingungen zu lockern und neue Geschäftspläne in der Hoffnung auf eine Wende und die volle Kredittilgung zu akzeptieren, werde dieses Ergebnis jetzt nicht mehr als unbedingt realistisch angesehen.

          Neuer Rahmen für spekulative Anleihen

          Jetzt gehe es um Eigenkapitalaufnahmen, Verkäufe von Unternehmensteilen, Schuldenrückkäufe und nicht zuletzt um Restrukturierung und Umschuldung. Doch nicht immer gelinge es, den Schuldnern frisches Geld zuzuführen.

          Vor allem zeigten sich die Gläubiger in einer schwächeren Position gegenüber den Eigentümern, vor allem wenn es sich dabei um Beteiligungsunternehmen handelt. Die Gläubiger seien oft uneins, es fehle ihnen an Liquidität und der Fähigkeit zur Unternehmensführung. Dies verschaffe gerade den Finanzinvestoren Vorteile, die nicht mehr um ihren Ruf, sondern nur noch um eine angemessene Rendite ihrer angeschlagenen Beteiligungen besorgt seien. Das führe dann häufig zu hohen Abschreibungen auf Seiten der Gläubiger.

          Wade und Krief gehen davon aus, dass sich die Zeit zwischen Verstößen gegen die Kreditbedingungen und Umschuldungen bzw. Insolvenzen weiter verkürzen wird, weil den Gläubigern zunehmend die Unterstützungsmöglichkeiten fehlen werden. Der Verlauf der Umschuldungsprozesse werde entscheidend seien für die weitere mittel- bis langfristige Finanzierung bonitätsschwacher Unternehmen .

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