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Kommunalanleihen : Angst vor neuer Krise an der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Analystin Whitney: Verschuldung der Bundesstaaten und Kommunen sind großes Problem für Konjunktur Bild: REUTERS

Der Markt für amerikanische Kommunalanleihen galt lange als langweilig, aber sicher. Jetzt warnen Analysten vor steigenden Kreditausfällen und einer Ausweitung der Krise wie am Hypothekenmarkt vor drei Jahren.

          An der Wall Street nehmen die Warnungen vor einer neuen Finanzkrise zu. Als möglicher Auslöser gelten diesmal nicht Kreditausfälle bei zweitklassigen Hypotheken wie noch vor drei Jahren, sondern hochverschuldete amerikanische Bundesstaaten wie Kalifornien und Illinois sowie Städte wie Harrisburg.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Analystin Meredith Whitney, die vor drei Jahren als eine von wenigen die von Ramschhypotheken ausgehende Gefahr für Banken und Finanzmärkte richtig eingeschätzt hatte, sieht Parallelen: „Die Lage der Bundesstaaten erinnert mich stark an die der Banken vor der Krise“, sagt sie. Whitney bezeichnet die Verschuldung der Bundesstaaten und Kommunen neben dem Häusermarkt als das derzeit größte Problem für die amerikanische Konjunktur. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass es eine Flut von Kreditausfällen bei kommunalen Anleihen geben wird. Man kann mit 50 bis 100 erheblichen Ausfällen oder mehr rechnen. Das wird sich auf Ausfälle von Hunderten Milliarden Dollar belaufen“, sagte sie jüngst im Fernsehsender CBS.

          Harrisburg droht die Insolvenz

          Das wäre ein nicht unbedeutender Teil des komplexen Marktes für Kommunalobligationen, der insgesamt auf ein Volumen von 2,8 Billionen Dollar kommt. Bundesstaaten und Kommunen finanzieren mit den für Investoren überwiegend steuerbegünstigten Anleihen allgemeine Ausgaben oder bestimmte Projekte wie den Bau von Straßen. Harrisburg, die Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania, hatte vor sieben Jahren eine Anleihe für die Sanierung einer stillgelegten Müllverbrennungsanlage ausgegeben. Die Kosten dafür uferten aus, und jetzt droht der Stadt wegen einer Schuldenlast von 288 Millionen Dollar die Insolvenz.

          Die Preise von kommunalen Anleihen waren im vergangenen Monat so stark gefallen wie seit der Finanzkrise des Jahres 2008 nicht mehr. Zudem gingen die Zuflüsse in Fonds, die auf diese Wertpapiere spezialisiert sind, deutlich zurück. Einige Marktteilnehmer fürchten, dass der Preisverfall zu einer Panik unter Investoren führen und sich wie in der Finanzkrise auf andere Anlageklassen ausweiten könne. „Es ist ein Molotow-Cocktail, der explodieren könnte“, sagte Marilyn Cohen, die Gründerin der Vermögensverwaltung Envision Capital, der Nachrichtenagentur AP. Fondsmanager Hugh McGuirk von der Fondsgesellschaft T.Rowe Price führt die starken Schwankungen allerdings auf kurzfristige Ungleichgewichte von Angebot und Nachfrage zurück und nicht auf eine schwelende Krise. „Es gibt viele gute Emittenten mit sehr hoher Qualität“, sagt McGuirk. Die Schlagzeilen schienen sich auf die wenigen in Schwierigkeiten geratenen Emittenten wie die Stadt Menasha im Bundesstaat Wisconsin zu konzentrieren, meint er. Menasha konnte zuletzt Anleihen für die Umwandlung eines Elektrizitätskraftwerks nicht mehr bedienen.

          Börsenaufsicht drängt auf striktere Aufsicht über kommunalen Anleihemarkt

          Noch gelten kritische Analysten wie Whitney daher als Panikmacher. Denn bislang sind die Bonitätsbewertungen der Bundesstaaten relativ hoch. Die Kreditbewertungsagentur Moody's hat im Oktober dargelegt, warum sie die Kreditrisiken aller 50 amerikanischen Bundesstaaten für geringer hält als die der meisten amerikanischen Unternehmen. Ein wichtiger Grund ist die Überzeugung, dass die Bundesregierung in Washington eher einem insolventen Bundesstaat aus der Klemme helfen wird als einem insolventen Unternehmen. „Die Bundesregierung hat während der jüngsten Rezessionen Geld an alle Bundesstaaten geleitet und einzelne Staaten nach Naturkatastrophen unterstützt“, hieß es in dem Bericht. Allerdings sei nicht klar, wie die Bundesregierung auf Kreditausfälle von Bundesstaaten reagieren würde, da das seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren nicht mehr vorgekommen sei. Einen Automatismus gibt es jedenfalls nicht. Die Bundesregierung hatte die Bundesstaaten zuletzt aber unter anderem mit dem bis auf Ende 2010 befristeten Build-America-Bonds-Programm subventioniert. Washington übernahm für diese Anleihen 35 Prozent der Zinszahlungen.

          Pessimistische Analysten fürchten, dass Investoren selbst ohne Ausfälle die Anleihen der schwächsten Bundesstaaten und Kommunen nicht mehr kaufen werden. Das könnte die betroffenen Emittenten belasten, weil sie auf das Kapital angewiesen sind. Zudem könnte das in einer Kettenreaktion auch die Kapitalaufnahme für gesündere Bundesstaaten verteuern, wenn Investoren höhere Zinsen verlangen. Unterdessen drängt die Börsenaufsicht SEC auf eine striktere Aufsicht über dem kommunalen Anleihemarkt. SEC-Kommissarin Elisse Walter kritisierte jüngst die undurchsichtige Natur der Bilanzdaten kommunaler Anleihen, die oft spät veröffentlicht werden und Investoren nicht viel nützten. „Anleger in kommunalen Anleihen werden in gewisser Hinsicht behandelt wie Bürger zweiter Klasse“, sagt Walter.

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