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Ringen um Prokon : Genossen gegen Monopolisten

  • -Aktualisiert am

Werbung des Investors EnBW: Nicht alle glauben dran Bild: dpa

Heute geht es ums Ganze: Auf einer Versammlung entscheiden die Prokon-Gläubiger, ob der insolvente Windparkbetreiber als Genossenschaft fortgeführt oder aber verkauft wird - ein Glaubenskrieg.

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          Am Ende hat es die Post noch einmal spannend gemacht. Doch der Krimi um den insolventen Windparkbetreiber Prokon hat einen zusätzlichen Kick nun wirklich nicht nötig. Die Insolvenz mit mehr als 75.000 Gläubigern ist eine der zahlenmäßig größten, die es in Deutschland je gab.

          Weil die Briefträger streiken, hatte der Insolvenzverwalter den Gläubigern bis zu diesem Donnerstag Zeit gegeben. Heute  kommt es in Hamburg zum Showdown. Auf der Gläubigervollversammlung müssen diese sich entscheiden: Wollen sie ihre Forderungen in Genossenschaftsanteile umwandeln und die Firma als selbständige Unternehmer weiterführen? Oder verkaufen sie Prokon an die Energie Baden-Württemberg, nehmen das Geld und gehen nach Hause? Noch nie hatten Gläubiger eines insolventen Unternehmens in Deutschland diese Wahl. Allein dass es Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin geschafft hat, beide Möglichkeiten anzubieten, verdient Anerkennung.

          Glaubenskrieg

          Der Kampf um Prokon zeigt die ganze Zerrissenheit der Energiewende. Längst geht es nicht mehr nur ums Geld, die Übernahme ist zum Glaubenskrieg geworden. Die ehemaligen Gläubiger, die sich für „Energie in Bürgerhand“ einsetzen, sehen sich in dieser Auseinandersetzung als David. Auf der anderen Seite verorten sie den Goliath ENBW, einen ehemaligen Stromoligopolisten, der die Energiewende mit alten Monopolgewinnen kaputt mache.

          Die Reflexe funktionieren auch fünf Jahre nachdem Angela Merkel unter dem Eindruck des Atomunfalls in Fukushima das Aus für die Atomenergie in Deutschland verkündete. Dass der Goliath EnBW in der Zwischenzeit auf dem Zahnfleisch geht, ist auch Teil dieser Geschichte.

          Beide Seiten präsentieren sich dessen ungeachtet in Saft und Kraft: Gläubigerversammlungen vor Ort, Hotlines für die Unschlüssigen, Anzeigenkampagnen, Information und Desinformation bis hin zu Unterlassungserklärungen. Jeder wirft dem anderen vor, die Fakten zu verbiegen. EnBW sieht sich zu Unrecht als Verfechter der alten Energiewelt abgestempelt. Die Gegenseite wähnt gar das gesamte genossenschaftliche Modell diskreditiert. Genossenschaftsverbände und genossenschaftliche Banken mischen kräftig mit.

          Unternehmer oder Anleger?

          Hinter den Nebelschwaden der Ideologie stellt man zunächst erstaunt fest, dass Windräder offenbar ein knappes Gut sind. Die Angebote sind jedoch bei Lichte betrachtet überaus verschieden. Jenes der EnBW ist mit 550 Millionen Euro etwas geringer als das der Genossen, dafür bekommen die Gläubiger ihr Geld sofort in bar. Wer ein Ende mit Schrecken akzeptiert und zumindest noch einen Teil seiner Rente genießen will (viele Prokon-Gäubiger sind Rentner), sollte sich dafür entscheiden. Wer Unternehmer werden möchte mit allen Chancen und Risiken, sollte das Angebot einer Genossenschaft wählen, so einfach ist das. Etwa 40 Prozent der alten Einlagen sind ohnehin weg, da unterscheiden sich die Angebote kaum.

          Ein Exkurs: Die Genossenschaft ist eine erfolgreiche Rechtsform, ihre Verfechter sollten den Übernahmepoker mit mehr Gelassenheit betrachten. Die Erben von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch haben sich ihren Platz in der deutschen Unternehmenslandschaft längst erkämpft. Der genossenschaftliche Verbund ist mit 20 Millionen Mitgliedern die stärkste Wirtschaftsorganisation, die Insolvenzrate von Genossenschaften gering. Im genossenschaftlichen Verbund kooperieren oft kleinere Unternehmer, um gemeinsam stärker zu sein, etwa billiger einzukaufen. Auch als Träger von Banken haben sich Genossenschaften bewährt. Wenn sich also freie Menschen zusammenschließen, um gemeinsam zu wirtschaften, ist dagegen nichts zu sagen.

          Das Geschäft ist härter geworden

          Wahr ist aber auch: Der Boom der Bürgergenossenschaften zur Organisation von Wind- und Solarparks hat seine beste Zeit hinter sich. Solche Zusammenschlüsse waren ohnehin weniger dem Altruismus und dem Traum von Energie in Bürgerhand geschuldet als schlicht ein gutes Vehikel, um sich subventionierte Renditen zu sichern.

          Auch das ist nicht verwerflich. Weder die Genossen noch die alten Oligopolisten haben diese Energiepolitik gemacht, jeder muss damit zurechtkommen. Vorbei sind aber die Zeiten, als es reichte, die Finanzierung von Windparks zu sichern, um an die staatlichen Töpfe zu kommen. Aus passiven Genossen müssen aktive Unternehmer werden. Denn die Energiepolitik, die dazu geführt hat, dass erst fünfzig Jahre nach der Inbetriebnahme des ersten Atomreaktors in Deutschland ein Endlagersuchgesetz verabschiedet wurde, wird auch die bislang gepäppelten erneuerbaren Energien noch heimsuchen.

          Dazu reicht ein Blick auf die Kapriolen von Ministerpräsident Seehofer, dessen Freistaat zwar wie kein anderes Bundesland von den Energiesubventionen profitiert, der aber trotzdem Stromtrassen für den neuen Grünstrom verhindert.

          Die Prokon-Gläubiger müssen wissen, dass auch das Geschäft mit grüner Energie härter wird. Ein Verbund selbstloser Anleger könnte damit überfordert sein. Ob sich, wie im Falle von Prokon, alle Projekte verwirklichen lassen, kann man angesichts der Armada bestehender Windräder bezweifeln. Wie gesagt: Wer Unternehmer werden will und sich auf dieses Wagnis einlässt, soll das tun. Auch diese Entscheidung ist aller Ehren wert.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

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